• vom 09.03.2012, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 09.03.2012, 21:23 Uhr

Extra

"Japaner weinen gerne in der Öffentlichkeit"




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Von Sonja Panthöfer und Andreas Wirthensohn

  • Interview mit Florian Coulmas
  • Der Japanologe Florian Coulmas über seine Erlebnisse während des großen Erdbebens am 11. März 2011, die Folgen der Katastrophe von Fukushima, die falschen Klischees, die über Japan im Umlauf sind - und über seinen Ausländerbonus in Tokio.

Florian Coulmas: "Es ist keineswegs so, dass die Japaner auf Regierungsentscheidungen genauso schicksalsergeben warten wie auf Erdbeben oder Springfluten." - © Foto:Dieter Mayr

Florian Coulmas: "Es ist keineswegs so, dass die Japaner auf Regierungsentscheidungen genauso schicksalsergeben warten wie auf Erdbeben oder Springfluten." © Foto:Dieter Mayr

"Wiener Zeitung":

Herr Coulmas, Sie leben seit Jahren in Tokio und waren auch am 11. März 2011 in der japanischen Hauptstadt. Woran haben Sie gemerkt, dass es sich diesmal nicht um eines der alltäglichen Erdbeben handelt, von denen Japan mehr als tausend pro Jahr erlebt?

Florian Coulmas: Es wurde sehr schnell klar, dass es sich um eine Katastrophe riesigen Ausmaßes handelte. Zum einen konnte ich es selbst an der Intensität und an der Länge des Erdbebens spüren. Normalerweise dauern selbst stärkere Erdstöße nicht mehr als dreißig Sekunden, aber am 11. März 2011 bebte die Erde sechs Minuten lang. So etwas hatte ich in all den Jahren noch nie erlebt. Als wir schon auf der Straße standen, konnten wir das Gebäude, in dem wir uns kurz zuvor noch aufgehalten hatten, schwanken sehen. Und meine Frau sah live im Fernsehen, wie der riesige Tsunami auf die Küste zurollte.

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Sie sind anschließend 18 Kilometer zu Fuß nach Hause gegangen. Welche Stimmung herrschte auf den Straßen?

Tatsächlich war das die beste Erfahrung an dem Ganzen. Ich wusste, dass meine Familie in Sicherheit war, und konnte insofern beruhigt aufbrechen. Es herrschte gutes Wetter, und da niemand an diesem Tag die U-Bahn benutzen wollte, war ich gemeinsam mit Millionen anderer Menschen zu Fuß unterwegs, die alle sehr diszipliniert waren. Es gab überhaupt kein Chaos. Hinzu kam, dass man plötzlich Gegenden Tokios zu Gesicht bekam, die man sonst nur unterirdisch durchquert.

Information

Zur Person

Florian Coulmas, 1949 in Hamburg geboren, hat mehr als zwanzig Jahre seines Lebens in Japan zugebracht. Er hat an verschiedenen Universitäten in Deutschland, Japan und in den USA gelehrt und ist seit 2004 Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio. Eine Auswahl seiner Japan betreffenden Bücher: "Japanische Zeiten. Eine Ethnographie der Vergänglichkeit" (2000), "Die Kultur Japans - Tradition und Moderne" (2003), "Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte (2005), "Population Decline and Ageing in Japan (2007), "Die Illusion vom Glück. Japan und der Westen" (2009), "Fukushima. Vom Erdbeben zur atomaren Katastrophe" (zus. mit Judith Stalpers, 2011).

Diese Ruhe und Disziplin, ja, scheinbare Ergebenheit, mit der sich die Japaner in ihr Schicksal fügten, stieß in Europa auf Bewunderung, aber auch Unverständnis: keine protestierenden Menschenmengen, keine "Wutbürger", keine Schuldzuweisungen an die Behörden. Können Sie uns diese Haltung der Japaner erklären?

Das gilt alles nur für die ersten Wochen. Und gegen eine Naturkatastrophe zu protestieren ist schlicht dumm, das weiß jeder. Dass zudem eine Katastrophe solchen Ausmaßes jeden Staat überfordern muss, liegt auf der Hand. Die Situation hat sich allerdings rasch geändert.

Inwiefern?

Natürlich gab es Proteste und Kritik einzelner Bürger, aber auch von Gruppen. Es ist also keineswegs so, dass die Japaner auf Regierungsentscheidungen genauso schicksalsergeben warten wie auf Erdbeben oder Springfluten.

Vielfach kritisiert wurde bei uns auch die angeblich miserable Informationspolitik von Seiten staatlicher Stellen, vor allem aber des Kraftwerksbetreibers Tepco. War das wirklich so?

In den ersten Wochen hat die Regierung getan, was sie konnte, davon bin ich absolut überzeugt. Der Regierungssprecher Edano hat tagelang vermutlich überhaupt nicht geschlafen. Ich will an dieser Stelle außerdem an einen Satz des deutschen Altbundeskanzlers Helmut Schmidt erinnern: Eine Regierung ist nicht verpflichtet, alles zu sagen, was sie weiß, aber das, was sie sagt, muss wahr sein.

Ist das eine Definition japanischer Informationspolitik?

Man sagt nie etwas, was man nicht hundertprozentig weiß; Mutmaßungen oder Spekulationen werden nicht verlautbart. Während in Los Angeles oder London oder Paris irgendwelche Experten bereits davon sprachen, im Unglücksreaktor habe eine Kernschmelze stattgefunden, äußerte man sich in Japan dazu nicht, weil man es nicht mit Sicherheit wusste. Aus dieser Dissonanz erklärt sich ohne Zweifel ein Gutteil der Kritik an der Informationspolitik.

Und Tepco?

Die haben in der Tat viel falsch gemacht, allerdings nicht aus böser Absicht, sondern aus Inkompetenz.

Wenn bei uns Politiker öffentlich weinen, wie etwa zuletzt die italienische Arbeits- und Sozialministerin Elsa Fornero im Zusammenhang mit der Krise ihres Landes, machen sie damit Schlagzeilen. Nach Fukushima hat man gleich mehrfach Männer gesehen, die vor laufenden Kameras in Tränen ausbrachen. Wie ist das zu erklären?

Es ist ein falsches Stereotyp, dass Japaner nicht in der Öffentlichkeit weinen. Ich würde sogar sagen, dass sie es außerordentlich gerne tun, gerade auch vor einer Kamera. Es ist zum Beispiel gleichgültig, ob sie bei einem Baseballmatch gewinnen oder verlieren; beides sind gute Gründe, um zu heulen. Also Gefühle an die Öffentlichkeit zu tragen, zum Teil sogar inszeniert, ist nichts Besonderes.

"Bei Katastrophen muss man irgendwann den Raum der vorgedachten, vorab durchgespielten Lösungen verlassen", hat der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar erklärt. Dass dies den Japanern in Fukushima nicht so gut gelungen sei, sei möglicherweise auch eine Frage der Mentalität.

Mir erscheint es sinnvoller, den Reaktorunfall in einen historischen Zusammenhang zu stellen. Es handelte sich bei Fukushima um ein rund vierzig Jahre altes Kraftwerk, das eigentlich schon ausgesondert hätte werden müssen. Aber gut: Die Anlage lief weitgehend störungsfrei, was natürlich dann auch zu einer gewissen Lässigkeit durch Routine führte. Ich glaube, das muss man eher in Rechnung stellen als irgendwelche Konstrukte von Mentalität oder Fatalismus.

Haruki Murakami, der bei uns bekannteste japanische Schriftsteller, hat Monate nach dem Super-Gau erklärt: "Wir sind Opfer und Täter zugleich."

"Noch im April vorigen Jahres befürwortete eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung die Kernkraft. Inzwischen hat sich das ins Gegenteil verkehrt: 65 bis 70 Prozent der Japaner lehnen Atomkraft nun ab"(Florian Coulmas).

"Noch im April vorigen Jahres befürwortete eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung die Kernkraft. Inzwischen hat sich das ins Gegenteil verkehrt: 65 bis 70 Prozent der Japaner lehnen Atomkraft nun ab"(Florian Coulmas).© EPA "Noch im April vorigen Jahres befürwortete eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung die Kernkraft. Inzwischen hat sich das ins Gegenteil verkehrt: 65 bis 70 Prozent der Japaner lehnen Atomkraft nun ab"(Florian Coulmas).© EPA

Florian Coulmas.

Florian Coulmas.© Foto:Dieter Mayr Florian Coulmas.© Foto:Dieter Mayr

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Schlagwörter

Extra, Fukushima, Japan

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2012-03-09 12:51:20
Letzte ńnderung am 2012-03-09 21:23:19



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