• vom 13.04.2012, 13:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 13.04.2012, 14:04 Uhr

Dišten

Susann Sitzler




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Von Sonja Panthöfer

  • "Ich habe schon lange keine Waage mehr"
  • Die Schweizer Autorin Susann Sitzler spricht über ihr Buch "Bauchgefühle", über eine veränderte Wahrnehmung des Dickseins, über Veranlagung, Diäten und die beiden Sängerinnen Adele und Beth Ditto - und über Lust an der Maßlosigkeit.

Susann Sitzler - © Wirthensohn

Susann Sitzler © Wirthensohn

"Wiener Zeitung":Frau Sitzler, in Ihrem Buch "Bauchgefühle. Mein Körper und sein wahres Gewicht" schreiben Sie: "Der Mops in uns schlägt immer zurück." Klingt nicht gerade ermutigend.

Information

Zur Person

Susann Sitzler, geboren 1970 in Basel, studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Basel. Seit vielen Jahren lebt sie in Berlin und arbeitet als freie Journalistin, Buch- und Radioautorin.

Ihr Buch "Bauchgefühle. Mein Körper und sein wahres Gewicht" ist 2011 im C.H. Beck Verlag erschienen. "Bauchgefühle" problematisiert das Dicksein nicht, sondern betrachtet es als Phänomen und fragt nach der Bedeutung eines ausladenden Körpers. Vor allem aber geht es auch um die Frage: "Kann man auf die richtige Weise dick sein?"

Von Susann Sitzler sind außerdem folgende Bücher erschienen: "Grüezi und Willkommen. Die Schweiz für Deutsche", Ch. Links Verlag; "Überleben in Zürich. 365 Dinge, die man über diese Stadt wissen sollte", Ch. Links Verlag; "Aus dem Chuchichäschtli geplaudert. Das ultimative Sprachlexikon für die Schweiz", Pendo Verlag.

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Susann Sitzler: Ist es auch nicht.

Aber . . .

. . . es ist einfach die Wahrheit. Und die lautet: Die Chancen, ex-trem schlank zu sein, sind für jemanden, der nicht dazu veranlagt ist, nicht gerade ermutigend. Langfristig gesehen tendieren die Erfolgsaussichten sogar Richtung Null, das muss man einfach so klar sagen.

Das will doch keiner hören!

Das stimmt. Unsere Gesellschaft glaubt oder hätte zumindest gerne, dass es anders ist. Zudem gibt es eine riesige Industrie, die sehr viel Geld damit verdient, dass die Menschen glauben sollen, Diäten könnten eben doch funktionieren.

"Die Wissenschaft geht davon aus, dass ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung zum Mops tendieren": Susann Sitzler (l.) im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer.

"Die Wissenschaft geht davon aus, dass ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung zum Mops tendieren": Susann Sitzler (l.) im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer.© Wirthensohn "Die Wissenschaft geht davon aus, dass ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung zum Mops tendieren": Susann Sitzler (l.) im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer.© Wirthensohn

Wer oder was ist der Mops in uns?

Grundsätzlich gibt es zwei Veranlagungsformen: Menschen, die unter gegebenen Umständen, etwa Stress, zum Dickwerden neigen. Und Menschen, die unter starker Belastung zum Dünnwerden neigen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung zum Mops tendieren. Damit wir uns nicht missverstehen: Mops zu sein bedeutet nicht, 200 Kilogramm zu wiegen. Es heißt aber, dass Frauen mit dieser Veranlagung selten Kleidergröße 34 erreichen und halten können, wenn sie einigermaßen normal essen. Dafür müssen sie dauerhaft hungern.

Beth Ditto, die Sängerin der amerikanischen Rockband Gossip, "hat in der Gegenbewegung zum Schlankheitswahn, die es inzwischen gibt, eine wichtige Rolle gespielt" (Sitzler).

Beth Ditto, die Sängerin der amerikanischen Rockband Gossip, "hat in der Gegenbewegung zum Schlankheitswahn, die es inzwischen gibt, eine wichtige Rolle gespielt" (Sitzler).© EPA Beth Ditto, die Sängerin der amerikanischen Rockband Gossip, "hat in der Gegenbewegung zum Schlankheitswahn, die es inzwischen gibt, eine wichtige Rolle gespielt" (Sitzler).© EPA

Alle Diäten sind also unnütze Tortur?

Ich würde es anders formulieren: Eine Diät gibt ein Versprechen, das sie langfristig nicht halten kann, und zwar ein sehr großes. Dadurch gewinnt sie Macht. Denn das Kernversprechen lautet ja: super aussehen in tollen Klamotten und dadurch glücklicher sein.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Als einigermaßen dick.

Das klingt mutig. Immerhin gilt "dick" als schlecht. Was verbinden Sie mit dem Wort?

Heute verbinde ich damit etwas rein Beschreibendes, ähnlich wie dunkle Haare oder schiefe Zähne. Seit einiger Zeit ist diese an sich neutrale Eigenschaft aber extrem negativ aufgeladen. Damit rückt es in die Nähe eines Tabus, zu sagen: Ich bin aber nun mal dick - und trotzdem kein Freak. Und ansteckend ist es auch nicht.

Sind das Erfahrungen, die Sie selbst auch gemacht haben?

Nein, ich selbst nicht. Dafür ist meine Figur nicht extrem genug. Ich habe zwar auch schon mehr gewogen, aber ich war nie eine von diesen extrem dicken Menschen, die in diesem Zusammenhang gerne abgebildet werden. Außerdem konnte ich immer darüber sprechen. Doch jemand, der sehr weit in dieses Extrem geraten ist, ist oft so beschämt, dass er häufig nicht mehr souverän mit sich umgehen kann.

Was drückt ein dicker Körper aus?

In erster Linie: Ich bin dick veranlagt und ich habe genug zu essen. Natürlich gibt es auch Menschen, denen man ansieht, dass sie aus dem Gleichgewicht geraten sind, dass sie sich in ihrem Dicksein verloren haben. Möglicherweise auch in anderen Dingen, aber sichtbar ist das Dicksein. Zugleich kennen wir auch alle das Bild etwa einer ausladenden, temperamentvollen Frau mit wallenden Gewändern und buntem Schmuck, die als expressiver Typ einfach mehr Raum in Anspruch nimmt.

Diese Beschreibung trifft in mancher Hinsicht auf Beth Ditto zu, die Frontfrau der erfolgreichen US-Band Gossip. Neben ihrer Körperfülle ist sie auch lesbisch. Spielt das für ihren Erfolg eine Rolle?

Damit begebe ich mich jetzt natürlich weit in einen politisch inkorrekten Bereich hinein, doch ich würde sagen: Für das Mainstream-Publikum macht es das unter Umständen leichter, Beth Ditto so zu akzeptieren, wie sie ist. Denn unser auf erotische Verwertbarkeit ausgerichteter, männlich geprägter Blick und die Frage, ob diese Frau sexy ist oder nicht, entfallen in diesem Beispiel. Interessant daran ist allerdings auch, dass der Körper, wenn er nicht mehr unter diesem erotischen Gesichtspunkt betrachtet wird, plötzlich nicht mehr wichtig ist. Dann heißt es: Es ist egal, wie die aussieht, weil sie eine tolle Stimme hat.

Und welche Rolle spielen die Kilos bei Adele, der britischen Popsängerin?

Sie ist nicht ganz so dick wie Beth Ditto, aber auch ganz eindeutig kein schlankes Reh.

Definitiv nicht!

Ihre Musik ist ebenfalls sehr ausdrucksstark, zweifellos aber auch mainstreamiger als die von Gossip. Sehr interessant ist, dass bei Adele - wenn überhaupt - das Gewicht positiv thematisiert wird. Bei ihr spricht man vom starken Charakter und von der starken Stimme. Und ich bin mir ganz sicher, dass Adele diesen normaleren Umgang mit ihrem Gewicht zum Teil Beth Ditto zu verdanken hat. Ditto hat in der Gegenbewegung zum Schlankheitswahn, die es inzwischen gibt, eine wichtige Rolle gespielt. Sie hat gewissermaßen eine Speerspitze abgefangen.

Was ist das für eine Bewegung?

Seit ein paar Jahren gibt es in den USA eine starke Emanzipationsbewegung, die meistens als "Fat acceptance movement", zu Deutsch "Bewegung zur Akzeptanz von Dicken", bezeichnet wird. Politisch ist diese Bewegung vergleichbar mit den frühen Wellen der Schwulen-Bewegung, die auf ganz ähnliche Weise versucht hat, überhaupt erst ein Bewusstsein für Diskriminierung zu schaffen. Ziel ist aber natürlich auch, zu überlegen, wie Betroffene einen Platz in der Gesellschaft bekommen können.

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Schlagwörter

Dišten, Dicksein, Essen, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-04-13 10:38:13
Letzte ńnderung am 2012-04-13 14:04:07



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