"Wiener Zeitung": Herr Grützke, warum malen Sie?
Johannes Grützke: Das ist eine wahnsinnig einfache Frage, die ich aber nicht beantworten kann. Eigentlich ist das Malen eine absurde Tätigkeit. Ich habe mir - gerade als Lehrer an der Akademie - öfter gedacht: Wenn einer vom Mars käme und sähe, dass da im Aktsaal eine nackte Frau in der Mitte steht und einige drum herum machen irgendwelche Zeichen - was würde der sich denken? Die Absurdität dieser Tätigkeit ist vollkommen, wenn man sie mit einem Marsauge sieht. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das eigentlich mache. Ich wundere mich selber.
Wie sind Sie zur Kunst gekommen?
Ich bin mit meiner Mutter oft hinausgefahren zum Schloss Rheinsberg - und da haben wir dann gemeinsam aquarelliert. Von frühester Jugend an. Dass ich Maler werden wollte, habe ich aber nicht zu denken gewagt. Weil man ja einen Brotberuf haben muss. Und das mit der Malerei ist alles andere als ein Brotberuf. Mein Vater hatte ein Geschäft, das ich eigentlich übernehmen sollte: "Glas und Spiegel" - das hatte er schon von seinem Vater übernommen. Mein Vater wollte eigentlich Geiger werden, durfte das aber nicht.
Komischerweise bin ich eigentlich Maler geworden, weil ich das Abitur nicht gemacht habe. Das war wirklich ein Glücksfall, dass ich das nicht geschafft habe. Ich bin mehrmals sitzen geblieben, und als mich meine Mutter dann fragte, was ich eigentlich machen wolle, war das der Anstoß, die Schule zu verlassen. Ich bin dann auf die Werkkunstschule gegangen, habe nebenbei auf dem Bau gearbeitet, um etwas dazu zu verdienen. Wir waren ja arm. Ich wechselte dann ohne Probleme zur Hochschule und habe, nachdem ich Anfang der sechziger Jahre Kokoschkas "Schule des Sehens" in Salzburg besucht hatte, innerhalb der Hochschule die Abteilung getauscht: von der "angewandten" zur "freien" Kunst.
Sie besuchten 1962 Kokoschkas Sommerakademie in Salzburg. Was war das damals dort für eine Atmosphäre, was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?
Kokoschka war ein ganz charmanter Mann. Ich habe damals noch viel mehr von ihm gehalten als heute. Der war ganz wunderbar. Er hat sich sehr für seine Studenten interessiert und immerfort deren Bilder angesehen und behutsam Kritik geübt. Es gab da übrigens nur Akte. Ich war 25 Jahre alt, als ich bei ihm in der Sommerakademie war - und 25 Jahre später, mit 50, war ich dort Lehrer. Das ist eine biographische Symmetrie. Ich habe dann eine Oskar-Kokoschka-Gedenkdozentur betrieben, natürlich mit Akten, hatte ganz viele Schüler, die, glaube ich, nicht alle mit mir zufrieden waren.
Welche Künstler schätzen Sie besonders? Von welchen haben Sie etwas gelernt?
Beeinflusst haben mich wahrscheinlich alle. Dabei kenne ich gar nicht alle. Bei der großen Jury, die damals über das Bild für die Frankfurter Paulskirche zu entscheiden hatte, fragte mich der Kunsthistoriker Werner Hofmann, ob ich das Gemälde "Ein Begräbnis in Ornans" von Gustave Courbet kenne. Ich antwortete ihm, dass ich das Bild natürlich kenne, aber dass es mich auch beeinflusst hätte, wenn ich es nicht kennen würde. Das hat Werner Hofmann auch gleich eingesehen, der weiß das ja selber. Das fand ich ganz wunderbar. Alles, was da ist, hat Einfluss, ob man es kennt oder nicht. Da kann man machen, was man will. Ob man sich dagegen stemmt oder nicht, ob man es versteht oder missversteht, das spielt dabei keine Rolle. Und dann gibt es natürlich tatsächlich Maler, die ich mir gerne anschaue, etwa Rubens, Velázquez oder Caravaggio.
Sie riefen 1965 zusammen mit Matthias Koeppel, Manfred Bluth und Karlheinz Ziegler die "Schule der Neuen Prächtigkeit" ins Leben. Was war damals Ihr Antrieb?
Die "Allgemeine Kläglichkeit" war und ist eigentlich der Antrieb - ein unerhörtes Missbehagen, vor allem an der Architektur. Wir denken immer, wir müssten auch einen positiven Antrieb haben. Aber es fällt uns nichts ein, das ist das Schlimme. Der Antrieb ist eigentlich eine Sehnsucht: die Sehnsucht nach Prächtigkeit. Wenn ich durch Nürnberg gehe, da gibt es an den alten Häusern Schnörkel, die völlig sinnlos sind. Heute gibt es das nicht mehr, der Schnörkel ist nicht mehr aktuell. Das Bauhaus hat der Armut die Philosophie geliefert. Die Bauhäusler sagen, die Form folgt der Funktion. Sie vergessen aber vollkommen die Repräsentanz, die psychischen Funktionen werden völlig vergessen und missachtet. Und dann sieht das eben so scheußlich aus, wie es heute aussieht. Kahl und billig - das ist wirklich erbärmlich. So billig haben sie im Bauhaus gar nicht gearbeitet. Aber der Effekt ist Billigbau, gestapelte Baracken, Notunterkünfte. Das war nach dem Krieg vielleicht nötig. Irgendwann sollte das aber aufhören. Nur hört es nicht auf.
Sie haben sich auch intensiv dem Theater zugewandt und für Produktionen von Peter Zadek Bühnenbilder geschaffen. Was ist für einen Maler die besondere Herausforderung bei dieser Arbeit?
Als mich Zadek damals gefragt hat, ob ich das machen wolle, dachte ich mir, dass ich eigentlich selber einen Bühnenbildner bräuchte. Ich choreographiere den Vordergrund, gruppiere also Leute - und dann bräuchte ich eigentlich einen, der mir den Hintergrund macht. Das ist ein Problem. Im Theater gibt es aber eigentlich keine Hintergründe. Ich habe ja Bühnenprospekte gemacht, von Anfang an. Das erste Stück, das ich mit Zadek gemacht habe, die Fallada-Revue "Jeder stirbt für sich allein", war gleich das prachtvollste. 15 Prospekte, 15 Meter breit, 15 Meter hoch, das war unglaublich. Die habe ich alle selber gemalt. Solche Bilder sind wie Schauspieler: Sie spielen mit, sind keine Hintergründe mehr, sondern richtige Malerei. Das sind Bilder, die als Personen mitspielen und die Schauspieler manchmal richtig erschrecken. In Paris hatte ich für Shakespeares "Maß für Maß" - da spielte die wunderbare Isabelle Huppert die Isabella - riesige Alpenpanoramen geschaffen. Die hat Zadek bei den Proben weghängen lassen, denn die Schauspieler konnten nicht mehr, die fühlten sich von ihnen erdrückt. Ich bin da vielleicht etwas zu weit gegangen. Aber Zadek hat sich nicht beschwert. Er hat es dann doch geschafft, das Bühnenbild bei seinen Leuten durchzusetzen.



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