• vom 11.05.2012, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 11.05.2012, 15:01 Uhr
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"Man wünscht sich, dass alles vorbei ist"

Walter Kohl


Von Thomas Karny

  • Der Linzer Autor Walter Kohl über die schwierige Suche seiner Adoptivtochter nach ihrer leiblichen Mutter, deren schweres Schicksal, das Buch, das er darüber geschrieben hat - und welche Erkenntnisse und Emotionen das alles bei ihm ausgelöst hat.

Journalist, Autor, Adoptivvater: Walter Kohl.

Journalist, Autor, Adoptivvater: Walter Kohl.© Heribert CORN, corn@corn.at Journalist, Autor, Adoptivvater: Walter Kohl.© Heribert CORN, corn@corn.at

"Wiener Zeitung": Herr Kohl, Ihr jüngstes Buch, "Mutter gesucht", schildert die Suche dreier Schwestern - Tania, Iris und Tamara - nach ihrer Mutter, von der sie als Säugling bzw. als Kleinkind weggelegt worden waren. Eine der drei Schwestern, Tamara, ist Ihre Adoptivtochter. Was bewog Sie, diese Geschichte öffentlich zu machen?

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Walter Kohl: Obwohl sich der Stoff in hohem Maße zur Literarisierung eignet, hätte ich selbst eine Veröffentlichung nie forciert. Es war der Wunsch meiner Tochter, die Geschichte von ihr und ihren Schwestern niederzuschreiben. Auch Tamaras Schwester in Holland, Tania, war spontan damit einverstanden.

Wie schwierig war es, Patricia, die Mutter der drei Schwestern, ausfindig zu machen?

Einen Menschen zu finden, für dessen Existenz es kaum Anhaltspunkte gibt, ist sehr schwierig. Es ist Tanias Bemühungen zu verdanken, Patricia aufgespürt zu haben. Sie hat dafür auch verschiedene Suchdienste aktiviert, in Holland ist man da ziemlich firm. Eines Tages hat sie ganz aufgeregt angerufen: "Stell dir vor, unsere Mutter lebt!"

Man war sich nicht einmal sicher, ob sie noch am Leben ist?

Nein. Ihre Biografie kippte früh. Mit 13 Jahren geriet das bis dahin nette Mädchen aus der Bahn. Es ging nur mehr sporadisch zur Schule, riss immer wieder von zu Hause aus und kam dann nach Baumgartenberg, damals ein berüchtigtes Heim für schwer erziehbare Mädchen. Aber auch dort war sie nicht in den Griff zu bekommen. Schließlich entglitt sie in ein Leben, in dem sie sehr rasch erwachsen werden musste. Sie wurde in relativ kurzen Abständen dreimal schwanger. Das erste Mal mit sechzehn. Als sie ihre jüngste Tochter, Tamara, zur Welt brachte, war sie schwer heroinsüchtig und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Drogenkurier.

Es dräut Schlimmes . . .

Ihre Mutter entschied über Patricias Kopf hinweg, Tamara dem Linzer Jugendamt zu übergeben. Tania, die erste Tochter, war mittlerweile von einem holländischen Paar adoptiert worden. Die zweite Tochter, Iris, lebte bei ihren Großeltern. Als ihr nun Tamara weggenommen wurde, die sie eigentlich behalten wollte, schmiss Patricia den Hut auf ihr bisheriges Leben. Sie war in der Folge über Jahre hinweg verschollen und galt als mutmaßlich verstorben.

Wo war sie in dieser Zeit tatsächlich?

Sie hatte zehn Jahre in Thailand gelebt und war dort sogar verheiratet. Mit einem hochrangigen Polizeioffizier, der sie weiterhin mit Heroin versorgt hat. Stoff, der zuvor Dealern abgenommen worden war. Nachdem ihr Mann von Paramilitärs erschossen worden war, kehrte Patricia nach Holland zurück. Sie ließ sich ins Methadon-Programm aufnehmen und absolvierte einen erfolgreichen Heroin-Entzug.

Es gibt in Österreich rund 100 Adoptionen pro Jahr. Sie und Ihre Frau haben im Jahre 1984 eine von diesen Adoptionen vollzogen und Tamara bei sich aufgenommen. Ist es schwierig, ein Adoptionskind zugewiesen zu bekommen?

Information

Zur Person

Walter Kohl, geboren 1953 in Linz, war bis 1996 Journalist (bei der "Presse") und lebt nun als freier Schriftsteller in Eidenberg bei Linz. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane, Dokumentationen, Theaterstücke und Hörspiele.

Nach einem schweren Fahrradsturz verliert Walter Kohl seinen Geruchssinn. Angesichts der anderen, lebensbedrohlichen Verletzungen, die er sich bei dem Unfall zugezogen hat, scheint ihm sein Dasein ohne Geruchssinn zunächst eine durchaus annehmbare Perspektive. Erst nach und nach wird ihm die Tragweite dieser Beeinträchtigung bewusst. Nähe und Distanz geraten durcheinander, jede Art der direkten Kommunikation wird zur Herausforderung, das Erleben von Sexualität ist ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie die Freude am Essen und Trinken. Walter Kohl hat in seinem viel beachteten Buch "Wie riecht Leben? Bericht aus einer Welt ohne Gerüche", das 2009 im Zsolnay-Verlag erschien, einen intimen und einzigartigen Bericht darüber geschrieben, was es bedeutet, wenn die Erinnerung an den Duft von Speck, Rosen und Feuer abhandengekommen ist.

Sein Buch "Mutter gesucht - Die Geschichte dreier ungleicher Schwestern", das in nebenstehendem Gespräch Hauptthema ist, erschien im Frühjahr 2012 bei Zsolnay. Die Chronologie einer Spurensuche versucht eine Frage auf die Antwort zu geben, ob man lieben kann, wenn man nicht selber von Anfang an geliebt wird. Das zweite vorgestellte Buch, "Das leere Land", erschien 2011 bei Picus.

"Ritzen", ein Drama über die Selbstbeschädigung Jugendlicher, lief höchst erfolgreich auf zahlreichen internationalen Bühnen und als Hörspiel. Zu Kohls wichtigsten Büchern mit dokumentarischem Inhalt zählen "Die Pyramiden von Hartheim", Edition Geschichte der Heimat; "Ich fühle mich nicht schuldig. Georg Renno, Euthanasiearzt", Zsolnay; "Nacht, die nicht enden will", Leykam.

Walter Kohl wurde u.a. mit dem Mira-Lobe-Stipendium (2003), dem Leipziger Hörspielpreis "Ohrwurm" (2004) und dem Österreichischen Jugendbuchpreis (2005) ausgezeichnet.

Das formale Procedere war damals einfacher als heute. Ausreichende Einkommensverhältnisse, gute Wohnsituation, intakte Ehe, einwandfreies Leumundszeugnis, und das war’s dann eigentlich schon. Keine Vorbereitungskurse wie heute. Wir waren etwa zwei Jahre als adoptionstaugliches Paar vorgemerkt. Als wir Tamara gesehen haben, gab es nicht den Funken eines Zweifels, dieses Kind aufzunehmen.

Auch nicht, als Sie erfuhren, dass die junge Mutter drogenabhängig war?

Nein, überhaupt nicht.

Tamara, so schreiben Sie, war ein entzückendes Kleinkind und auch noch ein unproblematischer junger Teenager. Was passierte dann?

Es begann zunächst harmlos: Sie kam verspätet von der Schule nach Hause: statt zu Mittag erst am Nachmittag, dann am Abend. Als sie das erste Mal über Nacht wegblieb, war das für uns eine Katastrophe. Ich habe das ganze Linzer Donauufer abgesucht, stets in der schrecklichen Erwartung, Tamara unter dem nächsten Strauch tot aufzufinden. Am nächsten Tag stand sie plötzlich vor der Tür.

Waren Sie erleichtert oder wütend?

Damals noch erleichtert. Aber dann blieb sie regelmäßig fort. Meine Frau machte nächtelange Streifzüge durch die Linzer Lokalszene, immer auf der Suche nach Tamara. Einmal war sie sogar eine ganze Woche weg. Eine ganze Woche unauffindbar!

Man ahnt, dass sie nicht im besten Milieu unterwegs war.

Und es zieht einen als Elternteil mit hinein. Einmal hätte ich mir mitten in der Linzer Innenstadt nahezu eine Rauferei mit einem polizeibekannten Dealer geliefert. Glückliche Umstände ließen es nicht dazu kommen.

Die Diskrepanz zwischen Ihrem damaligen Status als Redakteur einer bürgerlichen Zeitung und der Existenz, die Ihnen Ihre Tochter aufgezwungen hat, war groß.

Ja, tagsüber saß ich in Anzug und Krawatte mit den Spitzen von Politik und Wirtschaft zusammen, in der Nacht trieb ich mich in den übelsten Gegenden auf der Suche nach meiner Tochter herum. Des Öfteren vergeblich. Die Nächte, die sie unauffindbar weg blieb, waren für meine Frau und mich eine Qual.

Aber schlägt diese Qual, diese Sorge nicht irgendwann in Wut um?

Die schlägt sogar so stark um, dass man sich wünscht, das Kind möge nie mehr nach Hause kommen. Man wünscht sich, dass alles vorbei ist. Man wünscht sich ein Ende mit Schrecken.

"Man hat Schuldgefühle . . .": Walter Kohl (l.) im Gespräch mit "W. Z."-Mitarbeiter Thomas Karny.

"Man hat Schuldgefühle . . .": Walter Kohl (l.) im Gespräch mit "W. Z."-Mitarbeiter Thomas Karny.Foto:Karny "Man hat Schuldgefühle . . .": Walter Kohl (l.) im Gespräch mit "W. Z."-Mitarbeiter Thomas Karny.Foto:Karny

Ein Jugendfoto von Walter Kohls Tochter Tamara.

Ein Jugendfoto von Walter Kohls Tochter Tamara.Foto: privat Ein Jugendfoto von Walter Kohls Tochter Tamara.Foto: privat



Walter Kohl

Walter KohlFoto:Karny Walter KohlFoto:Karny




Schlagwörter

Walter Kohl, Adoption, Extra, Autoren

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-10 18:12:30
Letzte Änderung am 2012-05-11 15:01:24


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