• vom 18.05.2012, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 23.05.2012, 13:12 Uhr
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"Ich habe immer von der Zukunft abgeschrieben"

Lotte Ingrisch


Von Christine Dobretsberger

  • Die Schriftstellerin Lotte Ingrisch über ihre literarischen Anfänge, den Erfolg ihres Buches "Reiseführer ins Jenseits", ihr Verhältnis zum Tod, Konzepte einer alternativen Schulpädagogik - und warum sie Gottfried von Einem "Bärenfräulein" nannte.

Lotte Ingrisch. - © Wimmer

Lotte Ingrisch. © Wimmer

"Wiener Zeitung": Frau Ingrisch, wenn Ihr Name ins Spiel gebracht wird, denkt man vorrangig an Ihre besondere Beziehung zum Jenseits, an Ihre Neigung zum Übersinnlichen. Vergleichsweise weniger bekannt dürfte Ihr umfangreiches kreatives Werkschaffen sein. Bisher haben Sie 32 Bücher veröffentlicht, 23 Theaterstücke geschrieben, zehn Hörspiele, sechs Fernsehspiele sowie sieben Libretti und acht Liedtexte für Ihren Mann Gottfried von Einem.

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Lotte Ingrisch: Ich war halt ein fleißiges Lieschen.

Wann haben Sie zu schreiben begonnen?

Mit 25 Jahren. Dabei wollte ich immer in die Wissenschaft. Naturforscherin werden, das war mein Traum. Aber ich bin dreimal in Mathematik sitzengeblieben. Beim dritten Mal war ich schon verheiratet und kehrte nicht an die Schule zurück. Toll von Ministerin Schmied, dass sie diesen Blödsinn des Sitzenbleibens abschafft.

Ihr erster Mann war der Philosoph Hugo Ingrisch.

Wir haben uns in der Nationalbibliothek kennen gelernt. Statt für den damals wie heute in meinen Augen unsäglich dummen Unterricht zu büffeln, saß ich täglich in der Bibliothek und studierte die Philosophen.

Mein Mann, 25 Jahre älter als ich, war, wie gesagt, selbst einer. Ich war 17 und rothaarig. Zwei Jahre später waren wir verheiratet.

Wie ging es in beruflicher Hinsicht dann weiter?

Information

Zur Person

Lotte Ingrisch wurde 1930 als Charlotte Gruber in Wien geboren. Sie war 1949 bis 1965 mit dem Philosophen Hugo Ingrisch, und von 1966 bis 1996 mit dem Komponisten Gottfried von Einem verheiratet.
Sie veröffentlichte in ihrer frühen Schaffensperiode (1950er und 1960er Jahre) zunächst unter dem Pseudonym Tessa Tüvari humoristische, dann unter eigenem Namen psychologische Romane. Ab Mitte der Sechzigerjahre schrieb sie Komödien, Zauberpossen, Science Fiction, Hörspiele, Fernsehspiele, Libretti und Sachbücher.
Seit 1970 beschäftigt sie sich, auch in ihren Büchern, mit Bewusstseins-, Sterbe- und Jenseits-Forschung, Tierrecht, Sozialutopien und einer "rechtshemisphärischen" Reform-Pädagogik. Für Furore sorgte die gnostische Mysterienoper "Jesu Hochzeit" (Musik: Gottfried von Einem, Libretto: Lotte Ingrisch), deren Uraufführung 1980 im Theater an der Wien zu einem Theaterskandal wegen angeblicher Blasphemie führte und Ingrisch eine Briefbombe von Franz Fuchs, allerdings an eine veraltete Adresse, bescherte.
1990 übereignete Lotte Ingrisch ihren bis dato vorliegenden literarischen Vorlass dem Österreichischen Literaturarchiv.
Auszeichnungen: Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (2002) und Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich (2006).
Zuletzt ist von ihr erschienen: "Die ganze Welt ist Spaß. Erinnerung in Anekdoten", Amalthea Verlag, Wien 2012, 272 Seiten, gebunden, 22,95 Euro.

Bei der Hochzeit war Hugo bereits bankrott. Er hatte auf den Dollar gesetzt, und der Dollar ist ins Bodenlose gefallen. So landete mein Mann, statt bei Kant, in der Textilbranche - und ich mit ihm. Bis spätabends saß ich in der Firma und fakturierte. Ich war todunglücklich.

Dann kam die Idee des Schreibens?

Jawohl. Ich erkundigte mich in der Leihbücherei am Kohlmarkt, was die Leute gerne lesen? Humoristische Romane, sagte man mir. Davon gäbe es nicht genug. Also wurde ich Humoristin. Im Grunde genommen: ein staubtrockener Musenkuss.

Wann fanden Sie damals Zeit zum Schreiben?

In der Nacht. Mit viel Gin, Kaffee und Zigaretten. Jeden Abend schleppte ich die schwere Schreibmaschine vom Geschäft in die Wohnung und am Morgen wieder zurück ins Geschäft. Nach einem Jahr war der Roman fertig. Ich nannte ihn "Die geblumte Straßenbahn", der Zsolnay-Verlag gab ihm den Titel "Verliebter September". Er wurde auch ein Rowohlt-Taschenbuch, Auflage 50.000 Stück.

Viele Jahre später war die Rede davon, Sie hätten mit diesem Roman die Hippie-Bewegung vorweg genommen.

Viele Jahre später kamen die Hippies und bemalten die Straßenbahnen mit Blumen. Ja, ich habe immer von der Zukunft abgeschrieben. Obwohl ich glaubte, ich denke mir das alles aus. Einen Schmarrn habe ich mir ausgedacht! Ich gehe vor wie eine Uhr. So ziemlich alles, was Jahre oder Jahrzehnte später kam, habe ich schon geschrieben. Gelebt auch. Kein Erfolgsrezept, die Medien nahmen mich ziemlich bald nicht mehr zur Kenntnis. Vorläufer werden immer bestraft.

Warum veröffentlichten Sie Ihren ersten Roman unter dem Pseudonym "Tessa Tüvari"?

Ich hab mich geniert und gemeint, ich bringe Schande über meinen Mann und die Firma. Aber ich schrieb noch drei Romane, und allmählich konnte ich halbtägig und zuletzt sogar ganztägig davon leben. Adieu, Hangerln und Molino! Dann lüftete der ORF mein Pseudonym und ermunterte mich, Hörspiele und Theaterstücke zu schreiben. Das erste, ich war 33 Jahre alt, hieß "Salzpuppen". Bei der Premiere war ich so aufgeregt, dass ich hinter der Bühne des Ateliertheaters eine mittlere Flasche Whisky austrank.

Ab diesem Zeitpunkt veröffentlichten Sie dann unter Ihrem Namen.

Ja. Da bot man mir sogar den Staatspreis an, ich hätte nur einreichen müssen. Ich tat es nicht, ich lebe lieber von meiner Arbeit als von Ehemännern oder dem Staat.

Sie meinten zuvor, dass es für das Geschäft nicht immer zuträglich war, Themen vorwegzunehmen.

"Abendlicht", eines meiner Fernsehspiele, nahm die Liebe im Alter vorweg - und "Fairy" die Grün-Bewegung. Das hat aber zu diesem Zeitpunkt keiner bemerkt. Ich gewöhnte mich daran, literarisch in den Medien immer unsichtbarer zu werden. Unlängst habe ich meinen Münchner Verlag gefragt, warum keine Zeitung meine Bücher rezensiert. Schließlich schreibe ich jedes Jahr eines. Die Antwort war deprimierend. "Schreiben tut sie ja toll", wurden die Redakteure zitiert. "Aber die Inhalte sind den Lesern nicht zumutbar." Ich vermute, die Zeitungsleute wollen partout nicht Stellung beziehen. Entweder ist hinter den Grenzen, die ich mit meinen Büchern überschreite, nichts - oder doch etwas. Bevor man sich womöglich blamiert, ignoriert man mich besser.

Trotzdem haben sich Ihre Bücher stets gut verkauft.

Mein "Reiseführer ins Jenseits" war, vor mehr als 30 Jahren, sogar ein Bestseller. Bei Molden und Goldmann erschienen, als Taschenbuch hunderttausende Male verkauft - aber finanziell vom Molden-Konkurs verschluckt. Ich bekam nicht einen Cent.

Sie haben an Ihrem Bestseller nichts verdient?

Nichts Bares. Aber ich habe trotzdem toll verdient, weil ich ein berührendes Feedback bekam. Offenbar habe ich vielen Menschen das Sterben und die Trauer erleichtert. Dafür war und bin ich dankbar und glücklich. Mein Leben lang bemühe ich mich, den Menschen die Angst vor dem Sterben zu nehmen. Mit meinen humorigen Büchern über den Tod kreiere ich vielleicht ein neues Genre.

"Der Unterschied zwischen Sokrates und einem Frosch ist vernachlässigbar. Der Mensch ist eine große, frei bewegliche Zellkolonie, die sich kaum von anderen Zellkolonien unterscheidet": Lotte Ingrisch im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.

"Der Unterschied zwischen Sokrates und einem Frosch ist vernachlässigbar. Der Mensch ist eine große, frei bewegliche Zellkolonie, die sich kaum von anderen Zellkolonien unterscheidet": Lotte Ingrisch im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.© Wimmer "Der Unterschied zwischen Sokrates und einem Frosch ist vernachlässigbar. Der Mensch ist eine große, frei bewegliche Zellkolonie, die sich kaum von anderen Zellkolonien unterscheidet": Lotte Ingrisch im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.© Wimmer

Gottfried von Einem (1918-1996), den Lotte Ingrisch "Bärenfräulein" genannt hat: "Gottfried war beides: In seinen Opern erkennen wir den Bären, in seiner Kammermusik das Fräulein."

Gottfried von Einem (1918-1996), den Lotte Ingrisch "Bärenfräulein" genannt hat: "Gottfried war beides: In seinen Opern erkennen wir den Bären, in seiner Kammermusik das Fräulein."Archiv Gottfried von Einem (1918-1996), den Lotte Ingrisch "Bärenfräulein" genannt hat: "Gottfried war beides: In seinen Opern erkennen wir den Bären, in seiner Kammermusik das Fräulein."Archiv

Lotte Ingrisch.

Lotte Ingrisch.© Wimmer Lotte Ingrisch.© Wimmer




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Autoren, Lotte Ingrisch, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-17 15:53:12
Letzte Änderung am 2012-05-23 13:12:52


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