• vom 01.06.2012, 17:23 Uhr

Zeitgenossen

Update: 01.06.2012, 20:04 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Die englische Autorin hat ein außerordentlich witziges feministisches Manifest geschrieben

Caitlin Moran: Stolpern in zu engen Höschen


Von Christina Böck

  • Ein Gespräch über nervöse Frauen im TV, "Girl Power" und warum Twitter weiblich ist.

Feminismus muss mehr wie Rock’n’Roll sein, sagt Caitlin Moran.

Feminismus muss mehr wie Rock’n’Roll sein, sagt Caitlin Moran.© Susannah Ireland Feminismus muss mehr wie Rock’n’Roll sein, sagt Caitlin Moran.© Susannah Ireland

In ihrem Buch "Wie ich lernte, eine Frau zu sein" (Ullstein) schreibt Caitlin Moran über haarsträubende Dinge. Über ihre erste Menstruation, über den pragmatischen Umgang mit Schambehaarung, über unbequeme Unterhosen. Trotzdem ist dieses Buch eine Art feministisches Manifest. Weil es unverblümt allerlei Dinge anschneidet, die das Frausein im Alltag bestimmen - die aber niemand zum Thema macht. Moran macht das noch dazu mit funkelndem britischen Humor. Dabei bleibt sie nicht bei den wichtigen Banalitäten stehen, sondern erzählt etwa auch von ihrer Abtreibung: "Jede dritte Frau treibt ab und ich habe trotzdem noch niemals die Beschreibung einer Abtreibung gelesen. Darüber wird noch immer nicht geredet." Das Beste an Morans Buch ist freilich, dass sie sich für keine Pointe zu schade ist - und man lernt, dass moderne Feministinnen ihre BHs nicht mehr verbrennen müssen, sondern wissen, dass ihr BH ihr bester Freund ist.

Werbung

"Wiener Zeitung": Das ist das erste Mal, dass jemand aus dem Umfeld der Popkultur sich dieses Themas auf eine witzige Art annimmt - wollten Sie es dem intellektuellen Diskurs entreißen?

Caitlin Moran: Ich hätte das Buch schon vor zehn Jahren geschrieben, ich dachte aber, dass ich eine Qualifikation brauche. Einen Uniabschluss, oder zumindest alle Bücher über Feminismus gelesen haben sollte und vielleicht auch etwas weniger Make-Up tragen sollte. Ich ging dann zu ein paar feministischen Vorträgen und wurde dort so wütend, weil ich das viel besser könnte. Wenn du jemanden von einer politischen Sache überzeugen willst, dann ist doch die beste Art, es cool und lustig zu machen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Alte Feministinnen haben das Recht, zornig zu sein, denn die mussten noch kämpfen und erklären, dass man Frauen nicht wie Tiere behandelt. Heute sagt man oft abschätzig, dass es nicht mehr notwendig ist, so schrill-kämpferisch zu sein, aber sie mussten, sie waren Soldatinnen.

Heute sollten feministische Ansichten eigentlich unangestrengt in unserem Bewusstsein verankert sein.

Ja, deswegen geht es in meinem Buch auch zur Hälfte gar nicht um Feminismus. Der Schnitt von Unterhosen hat nichts mit Feminismus zu tun. Aber es hat damit zu tun, dass man als Frau zufrieden ist. Das ist etwas, dass wir leicht schaffen - um keine zu kleinen Slips mehr zu kaufen, brauchen wir keine feministische Armee mehr.

Finden Sie Frauenfiguren in Film und Fernsehen eine Niederlage?

Alle berühmten Frauen, die die Popkultur in letzter Zeit hervorgebracht hat - von Bridget Jones zu den Frauen von Sex and the City - haben kein Bewusstsein für Feminismus. Die sind nur Konsumentinnen und lesen Ratgeberbücher. Die Frauen, die man sieht, sind verrückt und ungeschickt, wie Zoey Deschanel in dieser Comedy-Serie "New Girl". Sie sagen tausendmal "Oh, das tut mir leid!" Keine von denen sagt je: "Ich bin stark, gescheit und ich stolpere nicht dauernd!" Weil es die einfachste Art ist, einen Lacher zu erzeugen - mit dummen, unsicheren Charakteren. Die Drehbuchschreiber müssten diese Frau selbst lustig kreieren, nicht die Tatsache, dass sie keinen Freund findet, zu viel Kuchen isst und dauernd hinfällt. Und immer wenn sie nervös ist, zu singen beginnt. Wenn ich sie treffen würde, müsste ich ihr eine knallen!

Seit der unerträglich neurotischen Ally McBeal der 90er hat sich da nicht viel geändert ...

Es tut mir sehr leid, die gehört in eine geschlossene Anstalt. Aber sie ist Anwältin! Man stelle sich vor, sie vertritt einen vor Gericht und sagt, "Hi, ich habe einen Cafe Latte getrunken und dann bin ich gestolpert", und man wird dann deshalb hingerichtet! Da wäre man doch rechtschaffen wütend!

Für Sie sind die Spice Girls die Wurzel allen Übels für den derzeitigen Feminismus?

Ja, denn damals hat man aufgehört, das Wort Feminismus zu verwenden. Es hieß plötzlich "Girl Power". Man dachte, das ganze langweilige, politische Zeugs ist abgehakt, alle Schlachten sind gewonnen und Mädchen können wieder in aller Ruhe sexy sein und in Musikvideos nuttig tanzen. Feminismus war eine politische Bewegung, die die Gesetzgebung verändert hat, und Girl Power bedeutete im Grunde nur: "Mädels sollten gute Freundinnen sein". Sehr innovativ!

Aber Lady Gaga gibt Ihnen Hoffnung?

Bei Popmusik geht und ging es meistens um Sex und darum, attraktiv zu sein. Aber heute trägt jede Frau, die ich im Musikfernsehen sehe, einen Bikini und bewegt sich, als hätte sie Sex mit einem unsichtbaren Geist. Also außer Adèle, die darf sogar Ärmel tragen, Gott segne sie. Lady Gaga singt zwar über Sex, aber nicht in einer Art, mit der sie Männer aufgeilen will. Und wenn es tatsächlich einen heterosexuellen Mann gibt, den eine Frau, die sich rohes Fleisch anzieht und Schuhe, die wie tote Katzen aussehen, zum Masturbieren bringt, dann sei ihm das um Himmels willen gegönnt.

Manche Kritiker finden, dass es heute kaum mehr starke Frauen im Pop gibt.

Kompletter Blödsinn. Die meistverkaufenden Stars sind heute Frauen. Lady Gaga, Katy Perry, Adèle. Dann gibt es aber auch Leute wie Björk oder Laura Marling, die für mich eine neue Joni Mitchell ist. Weibliche Kreativität ist im Moment außerordentlich.




Schlagwörter

Caitlin Moran, Feminismus

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-01 17:29:05
Letzte Änderung am 2012-06-01 20:04:06


Werbung



Beliebte Inhalte



Ranajit Guha, der am 23. Mai 90 Jahr alt wird, mit seiner Ehefrau Mechthild, 2008. - Foto: Nonica Datta
  • Der indische Historiker Ranajit Guha gilt als Begründer der "Subaltern Studies". Als Kritiker der kolonialistisch-eurozentristischen...
  • weiter

Minna Wagner, Porträt von Clementine Stockar-Escher, 1853. - Abb.: Wikip.
  • Dreißig Jahre lang war Richard Wagner mit Minna Planer verheiratet. An ihrer Seite hat er fast alle seine Werke komponiert oder zumindest konzipiert...
  • weiter

  • Erinnerung an den vor zehn Jahren verstorbenen Politikwissenschafter Johannes Agnoli, einen so ironiefähigen wie streitbaren Denker und wichtigen...
  • weiter

"Für mich war Musik schon früh etwas Lebensnotwendiges. Als ich später einmal keine Möglichkeit hatte, Musik zu machen, bin ich depressiv geworden." Walter Arlen - Foto: Bernadette Conrad
  • Der in Wien geborene Komponist Walter Arlen erzählt von den schlimmen Tagen im März 1938, dem Glück, das er in Amerika fand...
  • weiter

Bergwelten des Malers Walter Klier: "Die Moräne" (Gouache auf Leinwand, 2013). - Foto: Walter Klier
  • Das Hochgebirge gilt in vielen Kulturen als erhabene, metaphysische Zone. Doch schon früh reizte es des Menschen Forscher- und Tatendrang...
  • weiter

Das "Highlinen" in gebirgigen Höhen ist die Königsdisziplin des "Slacklinens": Hier Christian Waldner unterwegs zur Innsbrucker "Frau Hitt", 2012. - Foto: Slackliner.at
  • Der Tiroler Christian Waldner ist einer der Stars der österreichischen "Slackline"-Szene. Nach wagemutigen Touren im Hochgebirge überquert er nun am...
  • weiter




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

18. 5. 2013: Ein lesbisches Paar in Myanmar: Der "Internationale Tag gegen Homophobie" geriet weltweit zu einem bunten und eindringlichen Protest gegen Diskriminierung. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung