"Wiener Zeitung": Sie haben für die heurigen Salzburger Festspiele Kleist "Prinz Friedrich von Homburg" inszeniert. Was reizt Sie an dem Soldatendrama?

Andrea Breth: Im Stück ist ein Vater-Sohn-Konflikt angelegt, dieser Machtkampf zwischen den Generationen interessiert mich ungemein: Der junge Prinz hält sich für auserkoren und wird größenwahnsinnig, während der Kurfürst, der ältere und dominante Gegenspieler, sich als politischer Stratege erweist und mit dem Prinzen wie mit einer Marionette spielt. Beide werden im Lauf der Handlung unberechenbar, dadurch gerät alles in eine Art von Verrückung, gehorcht nicht mehr der Vernunft. An der harschen Entscheidung, den Prinzen wegen Befehlsverweigerung zum Tod zu verurteilen, hält der Kurfürst bis zur letzten Sekunde fest. Vordergründig wird so getan, als sei alles politisch motiviert, dabei handelt es sich vielmehr um eine private Fehde zwischen Alt und Jung. Nichts Neues also, jedoch hochinteressant.
Ingeborg Bachmann verfasste 1960 ein Libretto für Hans Werner Henzes nach dem Kleist-Stück überschriebene Oper. Dabei war die Dichterin besonders von der "Klarheit und Helligkeit" des Originals angetan, die im "ständigen Lichteinfall der Sprache" begründet liege. Als Regisseurin genießen Sie den Ruf, besonders analytisch an Texte heranzugehen. Teilen Sie Bachmanns Urteil?
Obwohl ich von Bachmanns Kleist-Bearbeitung angetan bin, sehe ich das vollkommen anders. Ich finde, es ist ein dunkles Stück, es spielt auch fast immer im Dunkeln, bestenfalls im Morgengrauen. Was Bachmann vielleicht meint, ist die Brillanz der Sprache und des Denkens. Die Sprache ist bei Kleist in der Tat ungemein modern, sie ist vollkommen direkt, enthält aber zugleich Windungen und bewusste Unerklärlichkeiten. Ein Zugang, der sich vom Schreiben von Goethe und Schiller radikal unterscheidet.
Prinz Friedrich von Homburg erschien Bachmann als der "erste moderne Protagonist", gewissermaßen als "schicksalslos", auf sich allein gestellt in einer ",zerbrechlichen Welt".
Die Welt bei Kleist ist stets zerbrechlich. Der Prinz ist jedoch keinesfalls ohne Schicksal. Das stört mich generell an vielen Interpretationen, dass er als Opfer gesehen wird, wo er doch genauso Täter ist. Er erhält genügend Hinweise, wie er sich verhalten solle, was er besser bleiben ließe. Er hört aber nicht darauf, was Teil seiner Hybris ist.
Sind Ihnen die Figuren des Stücks eigentlich sympathisch?
Sie interessieren mich, sonst könnte ich das Drama nicht inszenieren. Zugleich ist es nicht meine Aufgabe, Bühnenfiguren zu verurteilen. Ich identifiziere mich nie mit ihnen.
Wie verfahren Sie mit dem letzten Akt, bei dem die Tragödie durch ein eigentümliches Happy-End in eine Art Komödie verkehrt wird?
Das verrate ich noch nicht.
Bekanntermaßen sprechen Sie auch nicht gern über Privates. Dennoch machten Sie 2008 in mehreren Interviews Ihr Leiden an der Depression öffentlich.
Ich bin heute gesund, weil ich einen sehr guten Arzt habe. Ansonsten: Tempi passati.
Als Regisseurin haben Sie bereits mehrere Kleist-Stücke inszeniert, darunter zwei Mal den "Zerbrochenen Krug". Um das Drama "Penthesilea" haben Sie bisher einen Bogen gemacht.
Mich interessiert Kleists Sprache, seine Art zu denken. "Penthesilea" ist wahnsinnig schwer auf die Bühne zu bringen. Aus meiner Sicht bleibt die Darstellung auf der Bühne hinter der Sache zurück - ich würde mir daran nicht die Finger verbrennen wollen. "Amphitryon" könnte ich ebenfalls nicht machen. Ich gehe davon aus, dass dieser "Homburg" meine letzte Kleist-Arbeit sein wird.
Die Stücke, die Sie inszenieren, wählen Sie genau und bewusst aus. Lässt sich dieser Entscheidungsprozess generalisieren?
Nein. Das vielleicht absurdeste Beispiel in diesem Zusammenhang hängt mit Schnitzlers "Der einsame Weg" zusammen. In dem Stück findet sich der Satz: "Und über allem lag ein Schleier." Diese kurze Sentenz war letztlich ausschlaggebend dafür, dass ich das Stück unbedingt machen wollte. Manchmal interessiert mich eine bestimmt Epoche, die in einem Text verhandelt wird, dann wieder ein bestimmter Autor, etwa Isaak Babel, dessen Namen bedauerlicherweise nahezu dem Vergessen anheim gefallen ist. Grundsätzlich bin ich davon abhängig, mich intellektuell zu beschäftigen. Ich langweile mich in Grund und Boden, wenn ich nichts zu erforschen habe. Bei der Arbeit an einem wellmade-play wie "Motortown" habe ich mich deshalb auch unendlich fadisiert. Wenn ich ins Theater gehe, will ich auch etwas sehen, worüber es sich nachzudenken lohnt. Nach einer Vorstellung sollte die Wahl des Esslokals nicht unbedingt der erste Gesprächsstoff sein.
Ist die von Krisen gekennzeichnete Gegenwart gut für die Kunst?
Noch nicht. Es wird zwar überall und dauernd von einer Finanzkrise gesprochen, aber man spürt sie - zumindest hierzulande - noch nicht wirklich. Wir sind von den Medien derart überinformiert, dass einem fast alles nur noch wie ein Spielfilm vorkommt.

