• vom 17.08.2012, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 20.08.2012, 11:50 Uhr
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"Verschwörung ist populär im Nahen Osten"

Gilbert Achcar


Von Jeannette Villachica

  • Gilbert Achcar, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität London, spricht über den Umgang der Araber mit dem Holocaust - und über dessen Instrumentalisierung durch beide Seiten im Nahost-Konflikt.

Gilbert Achcar. - Foto: Anna Schmidt

Gilbert Achcar. Foto: Anna Schmidt

"Wiener Zeitung": Herr Professor Achcar, in Ihrem neuen Buch, "Die Araber und der Holocaust", gehen Sie ausführlich auf das historische Verhältnis arabischer Staaten zum Judentum und zu Israel ein, ebenso zu den westlichen Kolonialmächten und zum Nationalsozialismus. Für wen haben Sie dieses Buch vor allem geschrieben: Für die Araber, speziell die Palästinenser, für die Israelis oder die Deutschen?

Gilbert Achcar: Um ehrlich zu sein, für alle. Mein Ziel war es, gegen eine riesige Geschichtsverzerrung anzugehen - dagegen, dass immer wieder behauptet wird, die Araber seien Verbündete der Nationalsozialisten gewesen und somit zumindest teilweise schuld am Holocaust. Die historische Wahrheit wiederherzustellen, ist in erster Linie für die Allgemeinheit wichtig, dann für die Israelis beziehungsweise Menschen jüdischer Abstammung. Und es ist für die Araber wichtig, weil sie das Bild von sich, das durch die Propaganda entstanden ist, mit der Zeit verinnerlichen, wenn man nicht klarmacht, dass der Antisemitismus in der arabischen Welt keine Tradition hat.

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Sie schreiben, dass es im Koran und in traditionellen islamischen Schriften kaum Hinweise auf Antisemitismus gibt - im Gegensatz zu christlichen Schriften. Bedeutet das, dass der Antisemitismus durch die Kolonialisierung in die arabische Welt kam?

Nein. Vereinzelt findet man schon antijüdische Stellen in islamischen Schriften, allerdings viel weniger als in christlichen. Juden und Christen wurden in der muslimischen Welt als "Völker des Buches" betrachtet und daher geschützt, anders als die Anhänger anderer Religionen. Natürlich gab es einige Reibungen zwischen Muslimen und Juden, man darf es auch nicht durch eine rosarote Brille sehen, aber eben viel weniger als in Europa zwischen Christen und Juden.

Information

Zur Person
Gilbert Achcar wurde 1951 im Senegal geboren, lebte aber bis 1983 im Libanon. Er studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Beirut und Sozialgeschichte und Internationale Beziehungen in Paris. Er forschte und lehrte an verschiedenen Universitäten und Forschungszen-tren in Beirut und Paris. Von 2003 bis 2007 war er Forschungsbeauftragter am Centre Marc Bloch in Berlin und seit August 2007 ist er Professor für Entwicklungsstudien und Internationale Beziehungen an der Universität London. Er lebt in der englischen Hauptstadt und ist mit einer Österreicherin liiert.
Achcar publiziert über internationale Beziehungen, insbesondere über Nahost und Nordafrika. Er ist zweisprachig (Arabisch/Französisch), schreibt seine Bücher aber auf Französisch, "weil das einfacher zu übersetzen ist als das Arabische". 2007 erschien von ihm "Der 33-Tage-Krieg. Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine Folgen" (Edition Nautilus).
Sein neues Buch, "Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen" (Nautilus Verlag, Hamburg 2012, 368 Seiten, 30,80 Euro), ist eine umfassende Darstellung der Haltung verschiedener politischer Strömungen in der arabischen Welt dem Holocaust gegenüber. Es geht auch darum, wie der Holocaust als Teil der arabischen Geschichtsschreibung verstanden wird und wie Begriffe wie Shoah, Holocaust und Nakba (die Flucht der Palästinenser und ihre Vertreibung durch den israelischen Staat) im Nahostkonflikt von beiden Seiten instrumentalisiert werden. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit arabischen Reaktionen auf den Nationalsozialismus und Antisemitismus von 1933 bis 1947. Der zweite Teil behandelt arabische Einstellungen gegenüber den Juden und dem Holocaust von 1948 bis heute.

Wann änderte sich das?

1917 gaben die britischen Besatzer der zionistischen Bewegung grünes Licht für die Kolonialisierung Palästinas. Von da an kamen tausende Juden aus Mittel- und Ost-Europa, und wie überall, wo viele europäische Siedler auf einmal ins Land kommen und auch noch ihren eigenen Staat gründen wollen, war die örtliche Bevölkerung nicht begeistert. Da Jerusalem zudem ein religiöser Ort ist, entstand auf muslimischer Seite der Eindruck, die zionistischen Juden würden Jerusalem einnehmen wollen. Damit begann der Import des Antisemitismus in den fundamentalistischen islamischen Diskurs. All die Theorien von der jüdischen Weltverschwörung, der Verantwortung der Juden für den Ersten Weltkrieg usw. hatten aber nichts mit den Arabern zu tun. Diese Ideen verbreiteten sich vor allem in deutschsprachigen Ländern und in Westeuropa.

Sie analysieren die Haltung der Öffentlichkeit in arabischen Ländern während der NS-Zeit anhand vier großer Strömungen: den westlich orientierten Liberalen, den Marxisten, den Nationalisten und den Reaktionären beziehungsweise fundamentalistischen Panislamisten. Von rigoroser Ablehnung der Nazi-Ideologie bis zu Parteien, die fast ein Klon der NSDAP waren, sei alles dabei gewesen, schreiben Sie, aber als Beleg für die angebliche Kooperation der Araber mit den Nazis werde immer der Großmufti von Jerusalem angeführt.

Der berühmte Mufti wurde zu seiner Zeit von sehr vielen Arabern heftig kritisiert, auch von den Führern nationalistischer Bewegungen. Nach 1941, als er in Europa lebte und mit dem Nazi-Regime und mit Mussolini kollaborierte, rief er dazu auf, sich den Nazis anzuschließen, aber niemand folgte ihm. Obwohl die Deutschen im Krieg die Feinde der verhassten britischen Kolonialmacht waren, findet man nur wenige Araber auf der Seite der Nazis. Die 9000 Palästinenser, die in der britischen Armee kämpften, waren nicht dazu verpflichtet. Die Zahl der Araber, die der Nazi-Ideologie anhingen, war sehr begrenzt, verglichen mit nahezu jedem europäischen Land, ja sogar im Vergleich mit Großbritannien und den USA.

Im Juni 1941 gab es in Bagdad das erste antijüdische Pogrom in der arabischen Welt. Wie kam es dazu?

Es gab im Irak Ultra-Nationalisten, die den antijüdischen Diskurs pflegten. Als die Briten angriffen, um das nationalistische Regime zu stürzen, bezeichneten Militärs in Bagdad die Juden als fünfte Kolonne des britischen Empires. Dieses Pogrom blieb das einzige Ereignis dieser Art während des Zweiten Weltkriegs. Dabei wurden weniger als 200 Menschen getötet, was natürlich eine große Zahl ist, die jedoch sehr viel größer gewesen wäre, wenn nicht viele Moslems ihre jüdischen Nachbarn geschützt hätten.

"Vereinzelt findet man schon antijüdische Stellen in islamischen Schriften, allerdings viel weniger als in christlichen": Gilbert Achcar im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Jeannette Villachica.

"Vereinzelt findet man schon antijüdische Stellen in islamischen Schriften, allerdings viel weniger als in christlichen": Gilbert Achcar im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Jeannette Villachica.Foto: Anna Schmidt "Vereinzelt findet man schon antijüdische Stellen in islamischen Schriften, allerdings viel weniger als in christlichen": Gilbert Achcar im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Jeannette Villachica.Foto: Anna Schmidt

Die jüdische Gemeinde in Bagdad war eine sehr alte und sehr große Gemeinde. Bei der Bekämpfung dieses Pogroms durch irakische Truppen wurden 600 Moslems getötet. Trotz des Pogroms blieb die jüdische Gemeinde im Irak; das zeigt, dass sie sich nicht permanent bedroht fühlte. Viele Juden waren wohlhabend, sie lebten wirklich gerne dort. Das war auch der Grund, warum sie den Zionismus ablehnten. Zionismus entstand unter europäischen Juden und war ein Projekt für sie, nicht für arabische Juden.

Die Phasen der jüdischen Immigration nach Palästina waren immer an die Ereignisse in Europa gekoppelt. Was nicht so bekannt ist: Die Emigration deutscher Juden nach Palästina wurde sogar von den Nazis organisiert.

Demonstration in Tel Aviv gegen die israelische Regierung wegen teurer Wohnungen. Gilbert Achcar hofft auf einen Umschwung in der öffentlichen Meinung, die auch den Nahost-Konflikt beeinflussen könnte.

Demonstration in Tel Aviv gegen die israelische Regierung wegen teurer Wohnungen. Gilbert Achcar hofft auf einen Umschwung in der öffentlichen Meinung, die auch den Nahost-Konflikt beeinflussen könnte.© EPA Demonstration in Tel Aviv gegen die israelische Regierung wegen teurer Wohnungen. Gilbert Achcar hofft auf einen Umschwung in der öffentlichen Meinung, die auch den Nahost-Konflikt beeinflussen könnte.© EPA

Gilbert Achcar.

Gilbert Achcar.Foto: Anna Schmidt Gilbert Achcar.Foto: Anna Schmidt




Schlagwörter

Holocaust, Araber, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-16 15:15:19
Letzte Änderung am 2012-08-20 11:50:16


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