"Wiener Zeitung": Herr Moroder, es war nicht leicht, diesen Gesprächstermin zu bekommen. Geben Sie nicht gerne Interviews?
Giorgio Moroder: Das ist vor allem eine Zeitfrage. Ich stehe sehr unter Druck, bin jetzt in Gröden und warte auf einen Anruf aus Frankreich, weil ich die Musik zu einem Film komponieren soll. Wenn der Anruf kommt, muss ich sofort abreisen. Außerdem habe ich in Interviews schon alles gesagt, was es über mich zu erzählen gibt. Man hat beim Antworten ja so seine Muster.
Wie in der Musik?
Ja, in der Pop-Musik gibt es ebenfalls Erzählmuster. Zumindest bei älteren Schlagern: Erste Strophe, erster Vers, Refrain und so weiter. In den vergangenen Jahren hat sich diesbezüglich allerdings einiges verändert. Es wird jetzt mehr variiert, man schneidet einzelne Teile auf ungewöhnliche Art zusammen, es gibt mehrere verschiedene Refrains, es entstehen andere Dramaturgien.
Sie gelten als Pionier, ja als "Godfather" der Discomusik. Gibt es ein bestimmtes Lebensgefühl, das Sie mit dieser Musik verbinden? Jugend? Partystimmung? Flucht vor dem Alltag?
"Godfather der Discomusik" höre ich jedenfalls lieber als "Großvater der Discomusik", wie ich auch oft genannt werde. Damals, als die Discomusik aufkam, gefiel sie vielen Menschen nicht, man sagte, sie sei zu flach, zu monoton, zu hektisch. Es wurde aber trotzdem gerne dazu getanzt. Und sie hat sich bis heute gehalten. Die derzeit populäre Dancefloor-Musik ist im Grunde nur eine Variante davon. Was das Lebensgefühl betrifft, muss ich gestehen, dass ich nie mittendrin war. Ich ging nicht besonders gern auf Partys, nicht einmal in Discos, nahm auch nie Drogen. Ich saß im Studio bei der Arbeit und produzierte meine Musik.
Haben Sie dennoch hin und wieder zu Ihrer eigenen Musik getanzt?
Ich bin kein guter Tänzer. Discos besuche ich höchstens, um meine Musik zu testen. In München, wo ich mein Studio hatte, war ich mit einem DJ befreundet, der im "Eastside" aufgelegt hat. Er spielte meine Demobänder und ich beobachtete gespannt, ob sich bei meinen Songs die Tanzfläche füllt oder leert. Das ist bei rhythmischer Musik immer ein guter Gradmesser, ob eine Nummer beim Publikum ankommt. Später hat mich meine Frau manchmal in einer Disco auf die Tanzfläche geschleppt. Da bin ich dann halt ihr zuliebe herumgehopst.
Ist Ihnen dabei die eigene Musik in die Beine gefahren?
Sagen wir so: Es hat mich immer gefreut, wenn meine Musik gespielt wurde. Aber noch lieber als in der Disco höre ich sie im Radio. Besonders erhebend ist es, wenn ich sie in fernen Ländern wie in China oder Japan zu hören bekomme. Das ist der Beweis, dass sie tatsächlich weltweit gespielt wird.
Selten zuvor hatten Produzenten bessere Chancen, selbst zu Stars zu werden als in der Zeit der Discomusik. Sie sind das beste Beispiel dafür. War Ihnen das zu Beginn Ihrer Karriere klar?
Nein, diese Entwicklung habe ich zuerst nicht erkannt. Zwar genossen John Lennon und Paul McCartney auch nach der Beatleszeit einen legendären Ruf als Songwriter und Komponisten, ansonsten standen aber zumeist die Sängerinnen und Sänger im Blickfeld der Öffentlichkeit. In der Discozeit wurden dann oft die Produzenten bekannter als die Interpreten. Das liegt daran, dass Sänger vielleicht nur einmal oder zweimal einen Hit landen, während ein Produzent, der mit vielen Künstlern zusammenarbeitet, meistens mehrere erfolgreiche Songs verbuchen kann. Und es hängt auch damit zusammen, dass die Disco- oder Dancemusik einen sehr großen Aufwand bei der Produktion erfordert. Bob Dylan stellt sich mit seiner Gitarre auf die Bühne und kann damit Wirkung erzielen, bei der Disco- oder Dancemusik braucht es mitunter ein ganzes Orchester und einen riesigen Produktionsaufwand. Der Name des Produzenten steht dann stellvertretend für das Werk.
Welchen Plan hatten Sie, als Sie in jungen Jahren nach München gingen, wo Sie ein paar Jahre später Ihr Studio "Musicland" eröffneten?
Ich hatte keinen ausgefeilten Plan. Ich wollte berühmt werden, am liebsten natürlich weltberühmt, aber das hätte ich nicht zu träumen gewagt. Der Anfang war ja entsprechend hart. Ich tingelte zuerst als Sänger durch Deutschland, um mir meine Brötchen zu verdienen, und trat in Discotheken auf. Dann produzierte ich in meinem Münchner Studio ein paar Hits, u.a. mit Michael Holm und Mary Roos. Bald wollten internationale Künstlerinnen und Künstler mit mir zusammenarbeiten. Aber dass es ganz nach oben gehen könnte, begriff ich erst, als ich mit Donna Summer und "Love to Love you, Baby" auf Platz eins der US-Charts rangierte.
Bei diesem Hit wird viel gestöhnt. War das Kalkül? Nach dem Motto: Sex sells?
Es war reiner Spaß. Ich wollte einmal ein sexy Lied produzieren und sagte zu Donna, die in München lebte, wenn sie eine Idee hätte, würde ich das gerne machen. Dann kam sie eines Tages mit diesen Zeilen an. Ich komponierte die Melodie dazu, wir nahmen das Lied auf, perfektionierten den Sound und setzten beim Stöhnen aus Übermut immer noch eins drauf. Und zwar so viel, dass später einige Sender wie zum Beispiel die BBC den Song verboten.



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