• vom 07.09.2012, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 07.09.2012, 14:17 Uhr
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"Es war Zufall, dass ich am Leben geblieben bin"

Ágnes Heller


Von Nikolaus Halmer

  • Die Philosophin Ágnes Heller spricht über ihre Verpflichtung für die Toten des Nationalsozialismus und des Kommunismus, über ihre Abkehr vom Marxismus, ihre grundsätzliche Unfähigkeit, konkret zu hassen- und warum für sie Musik, Kunst und Religion heute so wichtig sind.

"Wiener Zeitung": Frau Heller, Sie schrieben in Ihrer Lebensgeschichte, "Der Affe auf dem Fahrrad": "Ich bin den Opfern dieser modernen Welt verpflichtet. In erster Linie den Toten von Auschwitz, aber auch denen des Gulag". Wie verstehen sie diese Verpflichtung?

"Wichtig ist mir eine Ethik, in der es darum geht, seine eigene Persönlichkeit auszubilden, die sich von normierten gesellschaftlichen Idealen abhebt." Ágnes Heller

"Wichtig ist mir eine Ethik, in der es darum geht, seine eigene Persönlichkeit auszubilden, die sich von normierten gesellschaftlichen Idealen abhebt." Ágnes Heller© Parlamentsdirektion/Bildagentur Zolles KG/Mike Ranz "Wichtig ist mir eine Ethik, in der es darum geht, seine eigene Persönlichkeit auszubilden, die sich von normierten gesellschaftlichen Idealen abhebt." Ágnes Heller© Parlamentsdirektion/Bildagentur Zolles KG/Mike Ranz

Ágnes Heller: Ich spreche von der Verpflichtung für die Toten des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Dabei sehe ich zwei Formen der Verpflichtung: In der Zeit des Nazismus war ich selbst ein Opfer gewesen; ich wusste nie, ob oder an welchem Tag man mich töten werde. Es ist nur ein Zufall gewesen, dass ich am Leben geblieben bin. So wäre ich beinahe am Ufer der Donau in Budapest erschossen worden. Unter diesen Umständen war es für mich schwieriger, bis zum 16. Lebensjahr zu leben, als danach bis zum 83sten. Verpflichtet fühle ich mich denjenigen Menschen, die den nationalsozialistischen Terror nicht überlebt haben.

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Beim Kommunismus verhielt es sich anders. Da war ich von 1947 bis 1949 Mitglied der Kommunistischen Partei. Ich war zu einem Zeitpunkt in die Partei eingetreten, in der ich von der Existenz des Gulag noch nichts wusste. Erst 1953 hatte ich verstanden, dass ich dafür auch mitverantwortlich bin, und warf mir vor, die Schrecken dieses Regimes ausgeblendet zu haben. Später bin ich selbst zum Opfer geworden; ich wurde zwar nicht zum Tode verurteilt, aber von politischen Repressionen betroffen; aber das kann man nicht mit den Repressionen vergleichen, die im Nationalsozialismus üblich waren.

Information

Zur Person
Ágnes Heller wurde 1929 als Tochter einer gut situierten jüdischen Familie in Budapest geboren. Schon früh wurde sie ein Opfer des Nationalsozialismus. Ihr Vater und zahlreiche Verwandte wurden in Konzentrationslager deportiert; ihr selbst und ihrer Mutter gelang es immer wieder knapp, diesem Schicksal zu entgehen. Sie studierte vorerst Physik und Chemie; unter dem Eindruck einer Vorlesung des Literaturhistorikers und Philosophen Georg Lukács begann sie ein Studium der Philosophie. 1955 promovierte sie an Lukács’ Lehrstuhl und wurde schließlich seine Assistentin. Zusammen mit György Márkus, Mihály Vajda und ihrem Ehemann Ferenc Fehér gründet Heller in den 60er Jahren den oppositionellen Zirkel der "Budapester Schule". Bald gerieten Heller und einige Mitglieder dieses Kreises in Konflikt mit der herrschenden kommunistischen Partei. Es wurde ihnen mangelnde Linientreue vorgeworfen; es folgten Berufsverbot, Bespitzelung und schließlich die Emigration in den Westen. 1977 wanderte Heller gemeinsam mit Ferenc Fehér nach Australien aus, wo sie an der La Trobe University in Melbourne von 1978 bis 1983 eine Professur für Soziologie innehatte. 1988 wurde sie Hannah Arendts Nachfolgerin am Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York, wo sie bis zu ihrer Emeritierung 2009 lehrte. Gast- und Ehrenprofessuren führten sie unter anderem an Universitäten in Berlin, Konstanz, Pisa, Lima und Buenos Aires. Ágnes Heller lebt seit ihrer Emeritierung abwechselnd in Budapest und New York.

Trotz dieser Verschiedenheit glaube ich noch immer, dass ich für diese Menschen, die damals durch die tragischen Ereignisse umgekommen sind, die Verantwortung trage. Ich möchte nicht an ihrer Stelle sprechen; denn für sie kann ja niemand mehr sprechen, aber ich möchte verstehen, warum das passieren konnte, wie es in dieser modernen, rationalen Welt zu diesem Wahnsinn kommen konnte, welche historische Umstände dies ermöglicht haben. Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass ich Auschwitz und Gulag verstehen wollte, aber dabei gescheitert bin. Es ist unmöglich, das zu verstehen, aber man kann es zumindest versuchen.

Im Unterschied zu dem französischsprachigen, jüdisch-russischen Philosophen Vladimir Jankélevitch, der davon sprach, dass man die Judenvernichtung niemals verzeihen könne, empfinden Sie keinen persönlichen Hass, so sagten Sie im Vorgespräch, obwohl Sie dem Tode knapp entronnen sind.

Diese Aussage bezieht sich auf meine grundsätzliche Unfähigkeit, Hass zu fühlen, ganz und gar unfähig zu sein, konkret zu hassen. Theoretisch habe ich die Regime von Hitler und Stalin gehasst. Ich hasste aber nicht die konkreten Menschen, die für die Regime die Schmutzarbeit verrichteten. Für mich war nicht die Frage, ob die Gräueltaten von den Deutschen oder den Russen begangen wurden, sondern ich fragte mich, wieso sind Menschen überhaupt in der Lage, andere Menschen nicht nur in der Schlacht zu töten, sondern auch Zivilisten zu ermorden, zu foltern und vor allem unschuldige Kinder zu töten.

Mich hat immer der Gedanke gequält, darüber schreiben zu müssen. Daher wandte ich mich hauptsächlich zwei Problemkreisen zu: der Ethik und der Geschichtsphilosophie. In meinem Buch "Wert und Geschichte" sind die beiden Begriffe, die mich mein Leben lang beschäftigten, schon im Titel genannt. Mir ging es darum, die Motivationen jener Menschen herauszufinden, die solche unmenschliche Handlungen begehen. Und dann wollte ich auch die gesellschaftlichen Bedingungen analysieren, die solche Handlungen ermöglichen.

In Ihrer Lebensgeschichte schreiben Sie, dass die Begegnung mit dem Philosophen Georg Lukács - "der Mensch gewordene Logos" - für Ihre intellektuelle Entwicklung ein wesentliches Ereignis war. Wie ist diese Begegnung verlaufen und wie hat sie Ihren Lebensweg weiter geprägt?

In Ungarn hatte man kaum Zugang zur zeitgenössischen Philosophie. Bis 1949 stellte man uns einige Bücher zur Verfügung; danach herrschte eine philosophische Wüste. Lukács war der einzige philosophische Einfluss in meinem Leben. Ich habe ihn 1947 anlässlich seiner Vorlesungsreihe "Die Entwicklung der Kulturphilosophie von Kant bis Hegel", von der ich am Anfang wenig verstanden habe, kennen gelernt. Aber ich spürte, dass sich mein Leben entscheidend verändern würde.

Ich bin dann in sehr kurzer Zeit zur Lukács-Schülerin geworden; zu einer Zeit, als man ihn als rechtsorientierten Revisionisten bezeichnet hatte. Ein Anhänger von Lukács zu sein, war damals sehr gefährlich. In dem Lukács-Seminar waren wir ursprünglich über 50 Studenten; nach der Kritik an ihm blieben nur mehr drei oder vier Studenten übrig, darunter befand auch ich mich. Ich war eine der wenigen Personen, die Lukács treu geblieben waren, denn ich hatte das Gefühl, dass die Attacke gegen ihn ungerecht gewesen war. Es ging damals um den Streit über die Ästhetik von Andrei Schdanow, der einen platten "Sozialistischen Realismus" in der Literatur vertrat. Ich kam zu dem Schluss, dass Schdanow nicht Recht hatte und teilte dies Lukács mit. Das hat er mir nie vergessen. Ich konnte ihm später alles sagen. Er hat von mir kritische Einwände angenommen, die er von anderen Menschen niemals akzeptiert hätte, weil er wusste, dass er auf meine Loyalität zählen konnte.

Ágnes Heller bei ihrer Ansprache zur Verleihung des Concordia-Preise 2011 anlässlich des Internationalen Tages der Pressefreiheit im österreichischen Parlament im Mai 2012 (oben) - und bei der Entgegennahme des Preises aus den Händen von Concordia-Präsident Peter Bochskanl.

Ágnes Heller bei ihrer Ansprache zur Verleihung des Concordia-Preise 2011 anlässlich des Internationalen Tages der Pressefreiheit im österreichischen Parlament im Mai 2012 (oben) - und bei der Entgegennahme des Preises aus den Händen von Concordia-Präsident Peter Bochskanl.© Parlamentsdirektion/Bildagentur Zolles KG/Mike Ranz Ágnes Heller bei ihrer Ansprache zur Verleihung des Concordia-Preise 2011 anlässlich des Internationalen Tages der Pressefreiheit im österreichischen Parlament im Mai 2012 (oben) - und bei der Entgegennahme des Preises aus den Händen von Concordia-Präsident Peter Bochskanl.© Parlamentsdirektion/Bildagentur Zolles KG/Mike Ranz

Ágnes Heller 2009 mit dem Philosophen Jürgen Habermas, der über sie einmal schrieb: "Wer das Foto der kleinen vierjährigen Ágnes Heller, die den Betrachter bereits über ein Buch hinweg mit keckem Blick und wacher Intelligenz zugleich herausfordert und charmiert, erinnert, wer dann das Glück hatte, als Kollege und Freund der erwachsenen Ágnes Heller über fast ein halbes Jahrhundert immer wieder zu begegnen, der weiß es: In ihrer physiognomischen und ihrer geistigen Erscheinung hat sich diese Person im Laufe eines stürmischen Lebens nur in dem Maße verändert, wie es nötig war, um sie selber zu bleiben - eine nie versiegende Quelle provokativer und weit ausgreifender Ideen. Ágnes Heller ist dem großen Atem der klassischen Philosophie auch im Zeitalter kleinteiligen Denkens treu geblieben. Die spontane Verkörperung eines produktiven Geistes in mitreißenden Worten und unwiderstehlichen Gesten lädt uns dazu ein, in ihr eine der bedeutendsten Philosophinnen unserer Zeit zu bewundern."

Ágnes Heller 2009 mit dem Philosophen Jürgen Habermas, der über sie einmal schrieb: "Wer das Foto der kleinen vierjährigen Ágnes Heller, die den Betrachter bereits über ein Buch hinweg mit keckem Blick und wacher Intelligenz zugleich herausfordert und charmiert, erinnert, wer dann das Glück hatte, als Kollege und Freund der erwachsenen Ágnes Heller über fast ein halbes Jahrhundert immer wieder zu begegnen, der weiß es: In ihrer physiognomischen und ihrer geistigen Erscheinung hat sich diese Person im Laufe eines stürmischen Lebens nur in dem Maße verändert, wie es nötig war, um sie selber zu bleiben - eine nie versiegende Quelle provokativer und weit ausgreifender Ideen. Ágnes Heller ist dem großen Atem der klassischen Philosophie auch im Zeitalter kleinteiligen Denkens treu geblieben. Die spontane Verkörperung eines produktiven Geistes in mitreißenden Worten und unwiderstehlichen Gesten lädt uns dazu ein, in ihr eine der bedeutendsten Philosophinnen unserer Zeit zu bewundern."© EPA Ágnes Heller 2009 mit dem Philosophen Jürgen Habermas, der über sie einmal schrieb: "Wer das Foto der kleinen vierjährigen Ágnes Heller, die den Betrachter bereits über ein Buch hinweg mit keckem Blick und wacher Intelligenz zugleich herausfordert und charmiert, erinnert, wer dann das Glück hatte, als Kollege und Freund der erwachsenen Ágnes Heller über fast ein halbes Jahrhundert immer wieder zu begegnen, der weiß es: In ihrer physiognomischen und ihrer geistigen Erscheinung hat sich diese Person im Laufe eines stürmischen Lebens nur in dem Maße verändert, wie es nötig war, um sie selber zu bleiben - eine nie versiegende Quelle provokativer und weit ausgreifender Ideen. Ágnes Heller ist dem großen Atem der klassischen Philosophie auch im Zeitalter kleinteiligen Denkens treu geblieben. Die spontane Verkörperung eines produktiven Geistes in mitreißenden Worten und unwiderstehlichen Gesten lädt uns dazu ein, in ihr eine der bedeutendsten Philosophinnen unserer Zeit zu bewundern."© EPA

"Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass ich Auschwitz und Gulag verstehen wollte, aber dabei gescheitert bin. Es ist unmöglich, das zu verstehen, aber man kann es zumindest versuchen." Ágnes Heller

"Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass ich Auschwitz und Gulag verstehen wollte, aber dabei gescheitert bin. Es ist unmöglich, das zu verstehen, aber man kann es zumindest versuchen." Ágnes Heller© Maik Schuck "Am Ende kam ich zu dem Schluss, dass ich Auschwitz und Gulag verstehen wollte, aber dabei gescheitert bin. Es ist unmöglich, das zu verstehen, aber man kann es zumindest versuchen." Ágnes Heller© Maik Schuck




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-06 18:57:21
Letzte Änderung am 2012-09-07 14:17:29


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