• vom 12.10.2012, 13:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 12.10.2012, 13:53 Uhr
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"Im Grunde sage ich: Danke, Occupy!"

Helmut Lind


Von Sonja Panthöfer und Andreas Wirthensohn

  • Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Münchner Sparda-Bank, spricht über Gemeinwohlbilanzen, die sein Institut seit 2011 vorlegt, über Schulden- und Vermögenskrisen, über moderne Personalführung, die die Potenziale der Mitarbeiter fördert - und über seinen persönlichen Entwicklungsweg vom Bauernbub zum Bankdirektor.

"Wiener Zeitung": Herr Lind, Sie sitzen in einem eher unspektakulären Gebäude direkt am Münchner Hauptbahnhof, das ein wenig so aussieht, wie der Name Sparda-Bank klingt: solide, aber bieder. Lässt sich damit auch das Wesen dieser Bank beschreiben?

"Es gibt den schönen Satz: Zukunft entsteht aus Krise": Helmut Lind hofft auf Bewusstseinsveränderung.

"Es gibt den schönen Satz: Zukunft entsteht aus Krise": Helmut Lind hofft auf Bewusstseinsveränderung.Foto: Dieter Mayr "Es gibt den schönen Satz: Zukunft entsteht aus Krise": Helmut Lind hofft auf Bewusstseinsveränderung.Foto: Dieter Mayr

Helmut Lind: Das trifft unser Wesen sogar ziemlich exakt. Laut Marken-Kernanalyse, die anonym durchgeführt wird, sind das genau die Werte, die unsere Kunden mit uns verbinden. Neben solide und bieder werden dabei auch immer Attribute wie bodenständig, langweilig, ursprünglich und sicher genannt. Aber mit dieser Bewertung kann ich in Zeiten wie diesen ganz gut leben.

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Aber was machen Sie mit potenziellen Bankkunden, die Sie und Ihre Unternehmensphilosophie - "Werte schaffen Erfolg" - so langweilig finden, dass sie ihr Geld lieber bei der Konkurrenz deponieren? Ist der Slogan "Leistung durch Leidenschaft", mit dem ein anderes Bankhaus wirbt, nicht viel peppiger?

Information

Zur Person
Helmut Lind, geboren 1961 in Marburg/Lahn, ist seit 2006 Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München eG, der größten bayerischen Genossenschaftsbank mit fast 250.000 Mitgliedern. Nach Banklehre und Diplom als Bankbetriebswirt kam er über eine hessische Geschäftsstelle und den Verband der Sparda-Banken 1996 nach München. Lind arbeitet konsequent an der Gemeinwohlorientierung der Bank. So belegte sie 2011 beim Wettbewerb "Deutschlands beste Arbeitgeber" zum vierten Mal Platz 1 unter den Banken (Kategorie: 501 bis 2000 Mitarbeiter). Neben sozialem Engagement hat sich die Sparda-Bank München 2011 in Deutschland als erster Finanzdienstleister der Initiative "Gemeinwohl-Ökonomie" angeschlossen und im gleichen Jahr erstmals eine Gemeinwohlbilanz veröffentlicht (abrufbar unter www.sparda-m.de/gemeinwohlbericht.php).
Die Initiative zur Gemeinwohl-Ökonomie wurde 2010 in Österreich ins Leben gerufen und propagiert ein "Wirtschaftsmodell mit Zukunft". Mehr als 800 Unternehmen unterstützen die Initiative. Weitere Informationen dazu findet man auf www.gemeinwohl-oekonomie.org und in Christian Felbers Buch "Gemeinwohl-Ökonomie", das 2012 in 2. Auflage im Zsolnay-Verlag erschienen ist.

Ach, wissen Sie, es gab gewiss Zeiten, in denen ich in einer solchen Situation begonnen hätte, zu missionieren . . .

. . . und heute nicht mehr?

Sagen wir es einmal so: Zumindest missioniere ich nicht mehr so stark, weil ich inzwischen gelernt habe, die Menschen so zu lassen, wie sie sind.

Allerdings ist es mir ein großes Anliegen, dass unsere Kunden uns anders wahrnehmen als andere Institute. Dass es bei einer Bank also nicht nur um Preise und Leistung geht, sondern auch um eine Haltung, ja, man könnte fast sagen: um einen Charakter, der zu meinem Charakter als Kunde passt.

Gehört dazu, Ihre Marke emotional aufzuladen?

Exakt! Das klingt jetzt vielleicht ein wenig sentimental, aber ich will Ihnen das mit Hilfe eines Bildes verdeutlichen. Wenn Sie heute einen jungen Baum draußen auf dem Feld sehen, dann steht der unbewegt da. Wenn nun ein Wind weht, fängt der Baum an sich zu biegen. Das heißt, erst der Baum verleiht dem Wind eine körperliche Form. Auf die Bank bezogen heißt das: Jeder Mitarbeiter, der Kundenkontakt hat, ist wie dieser Baum, er verkörpert die Atmosphäre in der Bank und lässt den Kunden spüren, dass hier etwas anders ist.

Sie klingen gerade recht leidenschaftlich. Würden Sie sich selbst auch als emotional bezeichnen?

Ein klares Ja. Ich habe mit den Jahren begriffen, dass Emotionalität ein Teil von mir ist, den ich mittlerweile auch zulassen kann. Aber soll ich Ihnen verraten, was eine enge Mitarbeiterin befürchtete, als ich Vorstand wurde?

Nämlich?

Ihr Kommentar lautete: "Muss es denn ausgerechnet der Helmut Lind sein? Der ist immer so strukturiert und so verbindlich. Das wird nicht leicht."

Hatte die Dame Recht?

Leider ja. Ich habe erst als Enddreißiger begonnen, mich mit mir selbst zu beschäftigen, mich und meine Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Auf diesem Weg der Selbstfindung habe ich gelernt, mich mehr zu öffnen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Anderen sich dann ebenfalls mehr Offenheit zugestehen und tatsächlich so etwas wie ein energetischer Prozess im Unternehmen entsteht. Insofern glaube ich, wir sollten private nicht von beruflichen Werten trennen. Das, was uns privat wichtig ist, etwa für gelingende Beziehungen oder andere Dinge, das sollte auch im Business gelten.

Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen. Man könnte sagen, dass Sie damit nicht unbedingt zum Vorstandschef prädestiniert sind. Wie haben Sie es trotzdem an die Spitze der größten bayerischen Genossenschaftsbank geschafft?

Grunde haben wir keine Schulden-, sondern eine Vermögenskrise": Helmut Lind im Gespräch mit den "Wiener Zeitung"-Mitarbeitern Panthöfer und Wirthensohn.

Grunde haben wir keine Schulden-, sondern eine Vermögenskrise": Helmut Lind im Gespräch mit den "Wiener Zeitung"-Mitarbeitern Panthöfer und Wirthensohn.Foto: Dieter Mayr Grunde haben wir keine Schulden-, sondern eine Vermögenskrise": Helmut Lind im Gespräch mit den "Wiener Zeitung"-Mitarbeitern Panthöfer und Wirthensohn.Foto: Dieter Mayr

Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt. Kindheit auf dem Bauernhof bedeutet, sehr früh in die Arbeitsabläufe eingebunden zu werden, bereits in sehr jungen Jahren Verantwortung zu übernehmen und auch keine Ferien zu haben wie etwa die Schulkameraden. Kurz gesagt: Man wird sehr früh mit dem Leistungsprinzip vertraut gemacht. Manche mögen belächeln, was ich jetzt sage: Ich bin der Überzeugung, dass sich jeder seinen Platz im Leben aussucht.

Wann haben Sie es sich ausgesucht, Vorstandschef einer Bank zu werden?

Diesen - übrigens sehr starken - Wunsch habe ich erstmals mit Anfang 20 verspürt.

Aber haben Sie sich auf Ihrem Weg nach oben nie schwer getan, weil sie - verzeihen Sie den Kalauer - den falschen Stallgeruch hatten? Oft sind es doch elitäre Zirkel, bei denen der Besuch etwa bestimmter Universitäten eine Grundvoraussetzung für die Karriere ist.

Das ist eine gute Frage. Ängste und Selbstzweifel habe ich sicherlich erlebt und dennoch: Neben diesen grüblerischen Gedanken habe ich sehr klar den starken Willen in mir gespürt, einmal eine Bank leiten zu wollen.

Nun haben Sie Ihr Ziel erreicht: Sie sind ein erfolgreicher Banker, allerdings in einer Zeit, in der Menschen gegen "Bankster" und das Finanzsystem auf die Straße gehen. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Im Kern begrüße ich die Proteste, gern auch vor Mitarbeitern und Führungskräften. Ich finde es stark, dass die Occupy-Bewegung existiert. Das, was gerade in der Finanzwelt geschieht, würde ich als die Entmystifizierung eines Systems bezeichnen. Das ist wie ein Nebel, der sich gerade lichtet.

"Die Occupy-Bewegung fordert ja nicht die Abschaffung der Banken, sondern ein alternatives Wirtschaftsmodell." (Helmut Lind)

"Die Occupy-Bewegung fordert ja nicht die Abschaffung der Banken, sondern ein alternatives Wirtschaftsmodell." (Helmut Lind)© EPA "Die Occupy-Bewegung fordert ja nicht die Abschaffung der Banken, sondern ein alternatives Wirtschaftsmodell." (Helmut Lind)© EPA




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-12 11:18:16
Letzte Änderung am 2012-10-12 13:53:55


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