• vom 29.03.2013, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 31.03.2013, 10:14 Uhr

Egon Kapellari

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Von Piotr Dobrowolski

  • "Ostern ist ein Fest gegen die Schwerkraft"
  • Bischof Egon Kapellari über seine Erwartungen an den neuen Papst, die spezifische Botschaft des Osterfestes, das Verhältnis von Theologie, Glaube und Vernunft - und über die prinzipielle Unauflösbarkeit der Ehe für die Kirche.



"Wiener Zeitung": Herr Bischof, Ostern ist die Zeit der Auferstehung. In die diesjährige Osterzeit geht die Kirche mit einem neuen Papst. Ein Zeichen für eine, wenn schon nicht Auferstehung, so doch Erneuerung?

Information

Egon Kapellari (77) ist Bischof der Diözese Graz-Seckau und stellvertretender Leiter der österreichischen Bischofskonferenz, zuständig für die Bereiche Medien, Kultur und Europafragen. Vor seiner Bestellung zum Bischof der Diözese Graz-Seckau hat Kapellari von 1981 bis 2001 als Bischof die Diözese Gurk-Klagenfurt geleitet. Vor zwei Jahren hat er den innerkirchlichen Usancen entsprechend - anlässlich seines 75-jährigen Geburtstages - ein Rücktrittsgesuch nach Rom geschickt, wurde aber für weitere zwei Jahre bestellt. Der Wechsel von Kapellari zu einem neuen Bischof wird für den Herbst erwartet.

Kapellari, der vor seiner Bischofsweihe viele Jahre als Studentenseelsorger tätig war, gilt als intellektuell und diskussionsfreudig, zugleich wird ihm in wesentlichen kirchenpolitischen Fragen aber eine weitgehend konservative Grundhaltung zugesprochen. Was Kapellari von manchen anderen seiner Kollegen in der Bischofskonferenz unterscheidet, ist der Versuch, die moderne Welt außerhalb der Kirche nicht zu negieren, sondern mit ihr in einen Dialog zu treten. Eine Konstante in seinen öffentlichen Äußerungen ist die Sorge, die Kirche könnte durch voreilige Anpassung an den Zeitgeist ihre Grundsätze aufgeben und einer "Verflachung" anheimfallen.

Aufsehen hat Kapellari 2011 erregt als er für nicht-zölibatär lebende Priester Geldbußen, die "fast schon wehtun" verlangte. Zum 75-Jahrestag des "Anschlusses" von Österreich an Hitler-Deutschland hat Kapellari die Haltung der Katholischen Kirche, die den "Anschluss" unterstützte, als einen "Fehler" bezeichnet, dessen Folgen für die Kirche noch lange spürbar blieben und der auch für ganz Österreich ein Schaden gewesen sei.

Kapellari, der neben einem Theologiestudium auch ein Jusstudium abschloss, hat sich vor allem mit der Theologie der Symbole und des Kirchenjahres beschäftigt. Zu seinem Wahlspruch hat der gebürtige Leobner eine Stelle aus dem Ersten Korintherbrief gewählt. Sie lautet: "Omnia vestra, vos autem Christi" (Alles ist euer, ihr aber gehört Christus). Als der für Medien zuständige Bischof ist Kapellari auch Präsident der Katholischen Medienakademie.

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Egon Kapellari: Ich erhoffe mir einen Schub von neuer Vitalität, einen Schub von fröhlicher gelebter Bergpredigt in unserer großen Weltkirche, die ja im Ganzen viel lebendiger ist als man hierzulande oft sieht.

Sie haben oft sinngemäß gesagt, die Kirche wird vielleicht kleiner, aber dafür fester, weniger beliebig. Ist das die Entwicklung, die Sie vom Pontifikat von Papst Franziskus erwarten oder wird es doch eine Wendung in die Breite geben?

Wir brauchen vor allem in Europa eine starke Mitte und tiefe Wurzeln, damit es auch jene Breite geben kann, auf die wir nicht bequem verzichten dürfen. Die Kirche muss auch hier missionarisch bleiben. Sie muss versuchen, müde gewordenen Christen, aber auch außerhalb der Kirche Stehenden, Christus auf eine neue, faszinierende Weise zu zeigen. Der Papst hat damit schon - viel beachtet - begonnen.

Bei aller positiven Aufnahme für den neuen Papst: Seine Haltung in der Zeit der argentinischen Militärjunta könnte das Bild trüben. Wie bewerten Sie die Vorwürfe, er hätte als Provinzial der Jesuiten einige seiner linksgerichteten Mitbrüder nicht vor den Militärs geschützt?

Darüber haben viele Medien schon glaubhaft Klärendes berichtet, auf das ich hier verweisen kann. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an die Solidarität des argentinischen Friedensnobelpreisträgers Esquivel mit dem Papst.

Anlässlich des Rücktritts von Papst Benedikt XVI. hat der polnische Kardinal Stanislaw Dziwisz ein zur Osterzeit passendes Bild gewählt und die Entscheidung von Papst Benedikt mit den Worten kritisiert: Vom Kreuz steigt man nicht herab. Eine berechtigte Kritik?

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat eine der möglichen Dimensionen des Petrusamtes radikal gelebt, indem er öffentlich gelitten hat und gestorben ist. So hat er einer Gesellschaft, die Leiden und Sterben gerne verdrängt, ein prophetisches Zeichen dagegen gegeben. Aber ein weiteres Beispiel in dieser Dimension wäre weder für die Kirche noch für die Weltöffentlichkeit ähnlich hilfreich gewesen. Der Papst muss vor allem leiten. Dass er im Verborgenen heute auch viel zu leiden hat, darf das Leiten nicht längerfristig beeinträchtigen. Der Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. hat aus ihm keinen ehrenwerten Pensionisten gemacht. Er bleibt im Herzen der Kirche ein ruhig strahlendes geistliches Symbol, eine Kraft des Gebetes für die Kirche und für die ganze Menschenwelt.

Wenn Sie jemandem, dem die christliche Tradition völlig fremd ist, das Wesentliche an Ostern erklären müssten: Was würden Sie sagen?

"Der Papst muss vor allem leiten. Dass er im Verborgenen heute auch viel zu leiden hat, darf das Leiten nicht längerfristig beeinträchtigen": Bischof Egon Kapellari im Gespräch mit "Wiener Zeitung"- Mitarbeiter Piotr Dobrowolski. J. J. Kucek

"Der Papst muss vor allem leiten. Dass er im Verborgenen heute auch viel zu leiden hat, darf das Leiten nicht längerfristig beeinträchtigen": Bischof Egon Kapellari im Gespräch mit "Wiener Zeitung"- Mitarbeiter Piotr Dobrowolski. J. J. Kucek "Der Papst muss vor allem leiten. Dass er im Verborgenen heute auch viel zu leiden hat, darf das Leiten nicht längerfristig beeinträchtigen": Bischof Egon Kapellari im Gespräch mit "Wiener Zeitung"- Mitarbeiter Piotr Dobrowolski. J. J. Kucek

Ostern ist ein Fest gegen die Schwerkraft. Ein Fest der Hoffnung darauf, dass nicht das Böse und der Tod in dieser Welt das letzte Wort haben werden, weil Jesus, das Lamm Gottes, sich in seiner Auferstehung schließlich als stärker erwiesen hat als Kaiphas, Herodes und Pilatus. Das Osterereignis ist nach christlichem Glauben eine Vorwegnahme dessen, was für die ganze Menschheitsgeschichte erhofft werden kann. Dass also der Saldo der Weltgeschichte positiv sein wird. Wir hoffen, dass immer wieder ein Ostern kommen wird - und schließlich ein universales Ostern.

Naiv gefragt: Wann ist der Saldo der Weltgeschichte positiv? Wenn das Leid aus der Welt verschwunden ist?

Das Leid wird im Lauf der Weltgeschichte nie ganz verschwinden. Der Saldo wird erst dann offenkundig positiv sein, wenn jener Punkt Omega erreicht ist, an dem die Fragen aufgelöst werden, die von jeher viele Gläubige und Nichtgläubige bewegen: etwa die Frage, wie kann man angesichts von so viel Leid, auch vom Leid Unschuldiger an Gott glauben. Dieses universelle Ostern, dieser Punkt, den Teilhard de Chardin als "Punkt Omega" bezeichnet hat und über den er so Großartiges geschrieben hat, ist der Angelpunkt der mit Ostern verbundenen Hoffnung.

Gibt es für Sie ein besonders persönliches Erlebnis, das Ihren Osterglauben, den Glauben, dass der Mensch Erlösung findet, stärkt?



Der Osterglaube ist das stärkste Webmuster in meinem Leben. Dazu braucht man keine dramatisch-mystischen Erlebnisse, auch wenn ich so etwas zwei- oder dreimal in meinem Leben erfahren habe. Besonders berührt hat mich auch, dass der herausragende Künstler Walter Pichler vor Jahrzehnten in einer Installation ein hölzernes Kruzifix in Bandagen verhüllt und in einem kapellenartigen Schrein präsentiert hat. Auf meine Frage, warum, hat er ungefähr geantwortet: Für mich ist der Christus jetzt noch wie im Grab, aber vielleicht werde ich ihm einmal die Binden abnehmen können. Im vorigen Jahr habe ich die Begräbnisliturgie für diesen Künstler geleitet - und im Nachruf daran erinnert.

Weihnachten gilt als Fest der Freude über Christi Geburt. Ostern wird hingegen in der gängigen Wahrnehmung sehr stark vom Leid der Kreuzigung geprägt. Haben Menschen, die so empfinden, etwas missverstanden oder ist der Kern der Botschaft tatsächlich: Ohne Leid auf Erden, kein Glück im Himmel? Man könnte Ostern ja auch so verstehen.

Das Kreuz nicht als "Galgenholz", sondern als kosmisches Zeichen ist für Kapellari das Zentralsymbol der Christenheit.

Das Kreuz nicht als "Galgenholz", sondern als kosmisches Zeichen ist für Kapellari das Zentralsymbol der Christenheit.© epa Das Kreuz nicht als "Galgenholz", sondern als kosmisches Zeichen ist für Kapellari das Zentralsymbol der Christenheit.© epa

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Dokument erstellt am 2013-03-29 11:38:15
Letzte ─nderung am 2013-03-31 10:14:04



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