• vom 24.05.2013, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 24.05.2013, 14:44 Uhr

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"Schreiben hat was Meditatives"




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Von Sonja Panthöfer

  • Die Kalligrafin und Schreiblehrerin Claudia Dzengel über die Qualität von Handschriften, die Unterschiede von Tastatur und Schreibstift - und warum ein mit Tinte verfasster Brief mehr Intensität hat als eine E-Mail.

Claudia Dzengel (r.) im Gespräch mit Sonja Panthöfer.

Claudia Dzengel (r.) im Gespräch mit Sonja Panthöfer.© Anja Lungstrass Claudia Dzengel (r.) im Gespräch mit Sonja Panthöfer.© Anja Lungstrass

"Wiener Zeitung": Frau Dzengel, was verrät Ihnen die Handschrift über einen Menschen?

Claudia Dzengel: Zunächst stelle ich mir allgemeine Fragen wie die, ob es sich um einen Mann oder eine Frau, einen alten oder jungen Menschen handelt. Die Antworten darauf würde ich aber eher als intuitiv bezeichnen. Mit ziemlicher Sicherheit lässt sich jedoch am Schriftrhythmus ablesen, wie ausgeglichen oder selbstbewusst jemand ist. In der Handschrift zeigen sich Gemütslage und Charakter des Autors.

Information

Claudia Dzengel, geboren 1968 in Hildesheim (D), ist Diplom-Designerin und Kalligrafin. Während ihres Studiums an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim entdeckte sie ihre Liebe zu historischen Schriften und zur Kalligrafie, also der Kunst des "Schönschreibens" von Hand mit Federkiel, Pinsel, Rohrfeder und anderen Schreibwerkzeugen.

Für Claudia Dzengel, die seit 18 Jahren in Wien lebt, ist Kalligrafie freilich mehr, nämlich "ausdrucksvolles Schreiben". Die von ihr angebotenen Seminare kombinieren freie, rhythmische Schreibübungen mit dem Erlernen historischer Schriften und ermöglichen es Erwachsenen und Kindern, ihre Handschrift neu zu entdecken und damit zu experimentieren.

Im September 2013 erscheint Claudia Dzengels Buch "Kalligrafie und Kreatives Schreiben für Kinder" im G & G Verlag.

www.claudia-dzengel.com


Ein Beispiel bitte.

Eine geometrische Kalligrafie von Claudia Dzengel.

Eine geometrische Kalligrafie von Claudia Dzengel.© privat Eine geometrische Kalligrafie von Claudia Dzengel.© privat

Wenn ich auf der Suche nach einem Restaurant bin, betrachte ich zunächst die handgeschriebene Tafel mit der Speisekarte vor dem Lokal. Dabei gilt mein Blick nicht den Gerichten, die dort angeboten werden, sondern der Handschrift. Dann weiß ich nämlich, wie es in der Küche des Restaurants aussieht.

Ist die Gleichung so einfach: Schöne Handschrift garantiert gutes Essen?

Ja, meiner Erfahrung nach ist es tatsächlich so einfach, wenn auch zweifellos subjektiv. Ist die Speisekarte in einer ansprechenden Handschrift verfasst, kann das Essen qualitativ gar nicht schlecht sein. Denn die Handschrift lässt Rückschlüsse auf das Restaurantpersonal und dessen Charakter zu; letztlich ist es eine Visitenkarte für das Lokal. Oder ein anderes Beispiel: Ich kann mich noch gut an meinen Professor Gottfried Pott erinnern, der die Schrift eines Kommilitonen mit den Worten kommentierte: "Ich sehe dieses Blatt - und weiß, wie es bei Ihnen zu Hause aussieht." In diesem Fall drückte sich bereits im Schriftbild des Mannes ein chaotischer Charakterzug aus.

Wenn heutzutage hauptsächlich per SMS und Mail kommuniziert wird, entwickeln doch die meisten Menschen zwangsläufig eine "Sauklaue"!?

In Zeiten von Smartphones und Laptops verkümmert die Handschrift sicher. Die Älteren können immerhin noch auf eine gefestigte Basis zurückgreifen. Wer längere Zeit nichts geschrieben hat, sich dann aber wieder damit beschäftigt, findet auch wieder ins Schreiben hinein. Wenn ein Mensch aber nur noch selten zum Stift greift . . .

. . . verkrampft das Handgelenk bereits nach kurzer Zeit . . .

. . . was sich auf das Schriftbild überträgt: Die Buchstabenfolgen sehen nicht mehr so rhythmisch aus, sie wirken abgehackt und holprig, weil der Fluss fehlt. Damit wir uns aber nicht missverstehen: Es muss gewiss nicht jeder eine Schönschrift haben, er sollte seine Schrift aber zumindest noch selbst lesen können.

Ist es wirklich schlimm, wenn unsere Handschrift verkümmert?

Ich glaube schon. Die Handschrift hängt ja eng mit der Sprach- und Schreiberziehung unserer Kindheit zusammen. Schreiben zu lernen ist für die meisten Menschen ein anstrengender, zugleich aber lebensnotwendiger Prozess. Schreiben gehört nun einmal zu den herausragenden Kulturleistungen.

Aber es ist ja nicht die Schrift, die ausstirbt. Wie alt ist unsere allgemein praktizierte Handschrift überhaupt?

Im Vergleich zur Schrift an sich ist die praktizierte Handschrift tatsächlich erst wenige hundert Jahre alt, und ihre Entwicklung hing eng mit Faktoren wie der Verfügbarkeit von Papier und der allgemeinen Schulbildung zusammen. Ich habe auch gewiss nicht die Absicht, eine Grabrede auf die Handschrift zu halten, für ein gefährdetes Kulturgut halte ich sie allerdings schon.

Sie haben die Schlüsselwörter Schule und Bildung angesprochen. Lässt sich die Entwicklung nicht gerade hier als natürliche Anpassung an das digitale Leben betrachten?

Neue Medien bringen neue Möglichkeiten mit sich, ganz klar, gerade in der Schule. So wird zum Beispiel die klassische grüne Kreidetafel im Klassenzimmer heute bereits teilweise durch ein Whiteboard ersetzt. Dabei handelt es sich um eine digitale Tafel, auf der man noch normal schreiben kann, zugleich ist sie aber wie ein Computer bedienbar und bietet viele Präsentationsmöglichkeiten. Medien, Fotos und Videos lassen sich so viel einfacher in den Unterricht integrieren.

Wie wirkt sich denn das Benutzen von Tastatur und Stift auf Wahrnehmungs- und Denkformen aus?

Prinzipiell berühren die Finger die Tastatur nur flüchtig, während die Bewegung beim Schreiben und Formen der Buchstaben von Hand mehr Komplexität erfordert; sie ist inniger und vollendeter. Durch das Mitgehen der Finger beim Schreiben werden zudem andere Denkprozesse angeregt als beim Tippen auf der Tastatur.

Auch am Computer muss man sich Gedanken machen . . .

Selbstverständlich. Am Rechner lässt sich das Geschriebene aber schneller und bequemer durch die Copy-and-paste-Funktion austauschen. Für Orthographiefehler gibt es zudem noch das Rechtschreibprogramm. Ebenso lässt sich Handschriftliches natürlich durchstreichen. Generell jedoch sind Kinder beim Benutzen eines Stiftes bereits von vornherein gezwungen, darüber nachzudenken, was sie überhaupt zu Papier bringen wollen. Das logische Denken wird auf diese Weise stärker gefördert. Zusätzlich prägen sich zuerst die Buchstaben ein, später bleibt das Geschriebene und damit der Lernstoff besser in Erinnerung. Wenn Kinder mit der Hand schreiben, lernen sie also letztlich besser.

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Dokument erstellt am 2013-05-23 16:18:11
Letzte ─nderung am 2013-05-24 14:44:03



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