• vom 02.08.2013, 13:10 Uhr

Zeitgenossen

Update: 12.08.2013, 09:54 Uhr

Literatur

"Drauflos schreiben gibt es bei mir nicht"




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"Stillbach oder Die Sehnsucht" wirkt historisch ungemein akribisch recherchiert. Wie lange haben Sie an diesem Roman gearbeitet?

"Ich erfinde Figuren, brauche aber ganz reale Plätze . . . " - Sabine Gruber, die übrigens am 6. August ihren 50. Geburtstag begehen wird, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.

"Ich erfinde Figuren, brauche aber ganz reale Plätze . . . " - Sabine Gruber, die übrigens am 6. August ihren 50. Geburtstag begehen wird, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.
© Foto: Robert Wimmer "Ich erfinde Figuren, brauche aber ganz reale Plätze . . . " - Sabine Gruber, die übrigens am 6. August ihren 50. Geburtstag begehen wird, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.
© Foto: Robert Wimmer

Ich habe ein Jahr lang recherchiert und zwei Jahre daran geschrieben, wobei man das als Autorin nie so genau festmachen kann, nebenbei muss man sich ja auch anderen Dingen widmen, um Geld zu verdienen.

Charakteristisch für Ihre Romane ist auch die Tatsache, dass oft mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt werden. In Ihrem vorletzten Roman "Über Nacht", der auch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, beschreiben Sie zwei Frauenschicksale. Eine Handlungsebene spielt in Rom, die andere in Wien, beide Geschichten sind subtil ineinander verwoben. Wie behalten Sie da beim Schreiben den Überblick?

Ich lege mir vorab immer ein ziemlich klares Konzept zurecht. In diesem Fall habe ich zuerst die Rom-Geschichte geschrieben, gleichzeitig aber immer schon die Nahtstellen markiert, wo die andere Geschichte einfließen wird.

Sie haben also vorab bereits die konkrete Richtung im Kopf, die ein Roman nehmen soll?

Ja, bildhaft gesprochen könnte man sagen, das Skelett ist da, den Rest fülle ich nur noch auf. Ich weiß genau, womit ich anfange und womit ich aufhöre. Drauflos schreiben gibt es bei mir nicht. Ich sammle Material, schreibe Hefte mit Notizen, Fragmenten voll, aber bevor das Gerüst/Konzept nicht steht, kann ich mit dem eigentlichen Romanschreiben nicht beginnen. Ich arbeite sehr kontrolliert und feile lange an einem Satz, am Ende gibt es nur wenig zu korrigieren und zu lektorieren.

Um nochmals auf die persönlichen Anknüpfungspunkte in Ihren Romanen zurückzukommen. In "Über Nacht" recherchiert eine der beiden Protagonistinnen über aussterbende Berufe, konkret über den Beruf des Schriftsetzers. Sie selbst stammen ja aus einer Südtiroler Schriftsetzerfamilie.

"Es ist für mich sehr wichtig, die Orte zu kennen, über die ich schreibe." Einer dieser Orte ist für Sabine Gruber Venedig.

"Es ist für mich sehr wichtig, die Orte zu kennen, über die ich schreibe." Einer dieser Orte ist für Sabine Gruber Venedig.© Foto: epa/A. Merola "Es ist für mich sehr wichtig, die Orte zu kennen, über die ich schreibe." Einer dieser Orte ist für Sabine Gruber Venedig.© Foto: epa/A. Merola

Die Stelle ist tatsächlich eine Hommage an meinen Vater. Mein Urgroßvater war Buchbinder und mein Großvater hatte eine kleine Druckerei. Seine beiden Söhne, also mein Vater und mein Onkel, haben dann in dieser Druckerei gearbeitet. Aber wie das oft so ist, war für beide nicht genug Platz, und mein Vater hat daraufhin als Schriftsetzer in einer großen Verlagsanstalt in Bozen gearbeitet. Ende der 1980er Jahre wurde dann auf Computer umgestellt und der Beruf des Schriftsetzers ist ausgestorben.

Bücher waren in Ihrer Familie also immer ein Thema?

Bei uns zu Hause hatten wir zwar keine große Bibliothek, weil wir keinen bürgerlichen Hintergrund haben, aber einige Bücher gab es schon, von Hemingway, Feuchtwanger und Thomas Mann zum Beispiel, außerdem bekam ich jede Menge Papier, Abfälle aus der Druckerei. Ich bastelte damit kleine Hefte, und ich besaß einige Bleilettern, einzelne Buchstaben, mit denen ich herumstempeln konnte. Das Spiel mit den Buchstaben war von Anfang an da. Und der Kontakt zu Printmedien und Comics. Meine Großmutter hatte ein Zeitungs- und Schreibwarengeschäft.

Ein großer Themenbereich in Ihrem literarischen Werk befasst sich mit der Erfahrung von Grenzen des eigenen Körpers, mit der Konfrontation von Krankheiten. Beide Protagonistinnen in Ihren Romanen "Die Zumutung" und "Über Nacht" laborieren an den Folgeerscheinungen einer chronischen Nierenkrankheit. Diese Erfahrung mussten Sie ja selbst auch machen.

Ja, diese Recherche war sozusagen eine am eigenen Körper.

Sie ließen zu Beginn des Gesprächs anklingen, dass Sie auch aus gesundheitlichen Gründen von Venedig nach Wien übersiedelt sind. Wurde damals diese Nierenerkrankung diagnostiziert?

Die Nierenerkrankung wurde bereits Anfang der 1980er Jahre diagnostiziert, eine irreversible chronische Nierenentzündung, die über die Jahre zu einer Niereninsuffizienz führte. Ich konnte das Versagen der Organe durch eine sehr rigorose Diät und gute medikamentöse Therapie fast zehn Jahre hinauszögern; 1993 musste ich an die künstliche Nierenwäsche. 1994 spendete mir meine Mutter eine Niere.

Wie geht es Ihnen heute?

Immer noch gut, aber eine Transplantation ist leider keine Lösung für immer. Das transplantierte Organ verliert mit den Jahren an Funktionsfähigkeit. Die Medikamente, welche eine Abstoßung verhindern, schädigen es gleichzeitig. Nur bei eineiigen Zwillingen, die Spender und Empfänger sind, findet keine Antikörperbildung statt, also muss auch nicht die Immunabwehr medikamentös herabgesetzt werden.

Sie fühlten sich also auch aus medizinischen Gründen in Österreich besser aufgehoben als in Italien?

In Österreich ist es erlaubt, nach festgestelltem Hirntod Organe zu entnehmen. Man muss sich ins Widerspruchsregister eintragen, wenn man gegen die Entnahme ist. Italien hat mittlerweile auch diese Regelung getroffen, aber damals durften nur Organe entnommen werden, wenn der Tote einen Spenderausweis besaß. In Deutschland ist das noch immer so. Obwohl über 80 Prozent der Deutschen für Organtransplantationen sind, besorgt sich nur ein Bruchteil der Befürworter einen Spenderausweis. Es herrscht ein viel größerer Organmangel als beispielsweise in Österreich. Nach der Lektüre meines Romans "Über Nacht" haben sich übrigens einige Leser und Leserinnen einen Spenderausweis besorgt. Über solche Nachrichten habe ich mich besonders gefreut. Literatur kann manchmal auch etwas bewirken!

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Dokument erstellt am 2013-08-01 16:08:08
Letzte Änderung am 2013-08-12 09:54:39



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