• vom 15.11.2013, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 18.11.2013, 09:51 Uhr

Kurt Kotrschal

Kurt Kotrschal: "Wir kommen mit Anlagen auf die Welt"




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Von René Freund

  • Interview mit dem Verhaltensforscher Kurt Kotrschal
  • Der Biologe und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal spricht über Nobelpreise und Wissenschaftsförderung, vergleicht Hunde, Wölfe und Gänse und konstatiert die Entbehrlichkeit von Männern.

"Es gibt keine anderen Wesen, die uns Menschen so nah sind wie Wölfe." - © Foto: dpa/Peter Steffen

"Es gibt keine anderen Wesen, die uns Menschen so nah sind wie Wölfe." © Foto: dpa/Peter Steffen

"Wiener Zeitung": Fast alle Wissenschafts-Nobelpreise gingen heuer an die USA. Sie haben selbst in den USA gelehrt. Können Sie erklären, woher dieser Erfolg kommt?

Kurt Kotrschal: Einer der Gründe liegt darin, dass manche US-Universitäten seit Jahrzehnten zur absoluten Weltspitze gehören und dadurch sehr viele private Gelder bekommen. Es ist ein österreichisches Spezifikum, dass es so gut wie keine Förderung der Forschung durch Private und durch die Wirtschaft gibt. Ein weiterer Grund liegt in den Mentalitäten. Österreich liegt europaweit an letzter Stelle, was das Interesse an der Wissenschaft betrifft. Dadurch sinkt natürlich auch das Interesse der Politik, das zu finanzieren. In diesem Teufelskreis stecken wir.


Und was könnten wir ändern?

Österreich hat in den letzten 15 Jahren eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung in der Grundlagenforschung gemacht, und das bei unzureichender Finanzierung der Unis und nicht immer zureichender Finanzierung des FWF, des "Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung in Österreich". Das ist eigentlich die einzige Quelle, wo man kompetitive Anträge stellen kann, um Grundlagenforschung - die betrifft alle Fächer, die an der Universität gelehrt werden - finanziert zu bekommen.

Information

Kurt Kotrschal, geboren 1953 in Linz, lehrt Verhaltensbiologie an der Universität Wien, leitet als Nachfolger von Konrad Lorenz die "Konrad Lorenz Forschungsstelle" in Grünau im Almtal und ist Mitbegründer des "Wolf Science Center" im niederösterreichischen Ernstbrunn.
Kurt Kotrschal studierte Biologie in Salzburg, wurde 1981 promoviert und 1987 habilitiert. Von 1981 bis 1989 war er Assistenzprofessor an der Universität Salzburg und 1989 bis 1990 Assistant Visiting Professor an der Universität Colorado, Denver (USA). Dort forschte er und verfasste wissenschaftliche Artikel über die Evolution der Fische und zur Funktion von Sinnes- und Nervensystemen. Er beschäftigt sich überdies mit hormonalen und kognitiven Gesichtspunkten sozialer Organisation, sowie der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung, insbesondere der Beziehung zwischen Mensch und Hund.
2011 wurde Kotrschal zum österreichischen Wissenschafter des Jahres gewählt. Sein neuestes Buch "Wolf - Hund - Mensch. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung" (Brandstätter Verlag Wien 2012) wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2013 in der Kategorie Medizin/Biologie gewählt.

Sonstige Publikationen (Auswahl)
  • Faktor Hund - Hund. Eine sozio-ökonomische Bestandsaufnahme der Hundehaltung in Österreich. Czernin Verlag, Wien 2004 .
  • Konzepte der Verhaltensforschung. Konrad Lorenz und die Folgen. Filander Verlag, Fürth 2001.
  • Im Egoismus vereint? Tiere und Menschentiere - das neue Weltbild der Verhaltensforschung. Piper Verlag, München 1995, Neuauflage. Filander 2001.

Grundlagenforschung ist nicht nur ein Teil der Kultur, sondern tatsächlich die Basis für alle weiteren Entwicklungen. Hier wird der Nachwuchs trainiert, hier entsteht internationale Vernetzung. In den letzten Jahren stieg die Zahl der Anträge und auch die Qualität der Anträge, aber die Finanzierung des Fonds blieb gleich. Ich sitze im Kuratorium des Fonds, also an der Infoquelle: Das Geld fehlt leider, und auch innerhalb der letzten Sitzung mussten wir wirklich gute Anträge ablehnen. Da sitzt dann ein Haufen frustrierter Jungwissenschafter herum, die wir ans Ausland verlieren, während viel zu wenige aus dem Ausland wieder zurückkommen. Es wäre also wirklich eine Aufgabe der nächsten Regierung, die Dotierung des Fonds zu verdoppeln, um den Wissenschaftsstandort Österreich zu sichern, und dadurch auch den Wirtschaftsstandort. Es wäre wirklich schade, wenn die Entwicklung der letzten 15 Jahre durch unzureichende Finanzierung zunichte gemacht würde. Man darf nicht vergessen, nach ein paar Jahren mit eingeschränkten Mitteln muss man praktisch von vorne anfangen, weil die Leute und die Strukturen weg sind.

Kommen wir zu Ihrem eigenen Forschungsfeld, der Ethologie. Kann die Verhaltensbiologie uns etwas über die Gesellschaft lehren?

Es gibt keine politischere biologische Disziplin als die Verhaltensbiologie. Das Konzept, wie Menschen ticken, hat einen direkten Bezug etwa zu der Frage, wie formbar sie sind. Wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass im letzten Jahrhundert die USA und die UdSSR gar nicht so weit voneinander entfernt waren mit ihrem Menschenbild. Die einen wollten den sozialistischen Menschen formen und die anderen predigten, dass jeder Einzelne alles erreichen kann, wenn er sich nur anstrengt. Der Hintergrund beider Systeme war also der Glaube an die unbeschränkte Formbarkeit von Individuen. Die Ergebnisse unserer Forschung zeigen: wir kommen mit Anlagen auf die Welt und können nicht alles so frei gestalten. Das war keine gute Botschaft für beide Seiten. Mittlerweile hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt. Das biologische Weltbild ist ein Teil des neuen Pragmatismus auf der Welt. Niemand glaubt heute ernsthaft daran, dass der perfekte Mensch entsteht und wir in 200 Jahren keine Kriege mehr führen.

Die Vernunft kann also gar nichts bewirken?

Das habe ich nicht behauptet. Ich sage meinen Studenten immer, wenn es um die menschliche Soziobiologie geht, sie sollen ja nicht behaupten, der Kotrschal habe gesagt, das sei evolutionär so angelegt und wir könnten nichts dafür. Das stimmt nämlich nicht. Aber uns wird immer wieder vorgeworfen: "Wenn Ihr Biologen sagt, was ist, meint Ihr damit, was sein sollte." Das ist natürlich nicht so. Ein Beispiel ist der Kindermord. Infantizid ist ein unter Säugetieren relativ verbreitetes Phänomen. Eine bestimmte Kategorie von Kindermord unter Menschen fällt darunter. Der gefährlichste Faktor eines noch abhängigen Kindes ist immer der neue Freund der Mutter. Es ist weder schön noch politisch korrekt, das zu behaupten, aber die Kriminalstatistiken sprechen eine deutliche Sprache. Das kann man eindeutig als evolutionäres Erbe identifizieren. Wenn du als Säugetiermännchen abhängige Nachkommen aus dem Weg schaffst, ist das Weibchen schneller bereit, deine eigenen Kinder auszutragen. Das ist nicht nur bei vielen Tierarten so, sondern im Ansatz auch beim Menschen.

Als Biologen haben wir die Verpflichtung, das aufzuzeigen, wobei natürlich der Überbringer der schlechten Botschaft geprügelt wird. Aber nur weil wir sagen, "passt auf, diese Gefahr gibt es", heißt das natürlich nicht, dass die Biologen für den Kindermord beim Menschen eintreten. Doch die Diagnose ist wichtig - wo müssen wir hinschauen, um das abzustellen?

"Hunde haben als Sozialpartner eben doch einen anderen Stellenwert als Goldfische oder Meerschweinchen." Kurt Kotrschal in seiner Forschungsstelle in Grünau.

"Hunde haben als Sozialpartner eben doch einen anderen Stellenwert als Goldfische oder Meerschweinchen." Kurt Kotrschal in seiner Forschungsstelle in Grünau.© Foto: René Freund "Hunde haben als Sozialpartner eben doch einen anderen Stellenwert als Goldfische oder Meerschweinchen." Kurt Kotrschal in seiner Forschungsstelle in Grünau.© Foto: René Freund

"Wann immer Frauen es sich leisten können, sich der Männer zu entledigen, sollten sie das, evolutionär gesehen, tun." Kurt Kotrschal

"Wann immer Frauen es sich leisten können, sich der Männer zu entledigen, sollten sie das, evolutionär gesehen, tun." Kurt Kotrschal© Foto: apa/Herbert Pfarrhofer "Wann immer Frauen es sich leisten können, sich der Männer zu entledigen, sollten sie das, evolutionär gesehen, tun." Kurt Kotrschal© Foto: apa/Herbert Pfarrhofer

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-11-14 20:14:09
Letzte Änderung am 2013-11-18 09:51:00



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