• vom 24.01.2014, 13:10 Uhr

Zeitgenossen

Update: 24.01.2014, 13:20 Uhr

Antonio Fian

"Ich nenne Namen, wenn es zur Sache geht"




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Von Christine Dobretsberger

  • Der Schriftsteller Antonio Fian berichtet über seinen neuen Roman, "Das Polykrates-Syndrom", er erklärt, warum ihn die Form des Dramoletts so anhaltend beschäftigt und erinnert an seinen langjährigen Freund und Autorkollegen Werner Kofler.

"In der Silvesternacht achte ich darauf, dass keine Wäsche zum Trocknen hängt." Antonio Fian - © Foto: Robert Wimmer

"In der Silvesternacht achte ich darauf, dass keine Wäsche zum Trocknen hängt." Antonio Fian © Foto: Robert Wimmer

"Wiener Zeitung": Herr Fian, nach der Lektüre Ihres neuen Romans "Das Polykrates-Syndrom" drängt sich zu Beginn die Frage auf: Sind Sie ein abergläubischer Mensch?

Antonio Fian: In der Silvesternacht achte ich darauf, dass keine Wäsche zum Trocknen hängt. Mit der Wilden Jagd und der Tödin ist nicht zu spaßen, wie man aus den Kärntner Sagen weiß.

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Und wie halten Sie persönlich es mit dem sogenannten "Polykrates-Syndrom", also jener Mutmaßung, die Ihrem Roman zugrunde liegt, wonach allzu großes Glück möglicherweise größtmögliches Unglück nach sich ziehe?

Mich wundert, dass es in der medizinischen Literatur dieses Krankheitsbild nicht schon längst gibt. Es drängt sich gerade in den reichen westlichen Staaten doch auf. Man sieht, wie schrecklich es den Leuten rundherum geht, und selber geht es einem extrem gut. Erstaunlich, dass nicht mehr Leute Angst haben, dass diese Situation plötzlich kippt.

Dass eine Glückssträhne den umso gewisseren tiefen Sturz befürchten lässt, thematisierte bereits Schiller in der Ballade "Der Ring des Polykrates".

Information

Zur Person
Antonio Fian, geboren 1956 in Klagenfurt, aufgewachsen in Spittal/Drau, Matura 1974, lebt seit 1976 in Wien. Sein Volkswirtschaftsstudium hat er 1980 abgebrochen; seither arbeitet er als freier Schriftsteller.
Fian ist Mitbegründer der Literaturzeitschrift "Fettfleck" und war in den Jahren 1976 bis 1983 deren Herausgeber. Er ist Dramatiker, Erzähler, Lyriker, Essayist und Kritiker und verfasst Satiren sowie Dramolette zu aktuellen Themen aus Politik und Kultur. 1990 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, 2009 erhielt Antonio Fian den Johann Beer-Preis.
Publikationen (Auswahl):
"Bis jetzt" - Erzählungen, 2004
"Fertige Gedichte", 2005
"Bohrende Fragen" - Dramolette IV, 2007
"Im Schlaf" - Erzählungen nach Träumen, 2009
"Man kann nicht alles wissen" - Dramolette V, 2011
(alle erschienen im Literaturverlag Droschl, Graz/Wien).
Hinweis: Antonio Fians Roman "Das Polykrates-Syndrom" (240 Seiten, 19,- Euro) ist soeben im Droschl Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.

Und Schiller nutzte als Vorlage eine Passage im III. Buch der "Historien" Herodots, wonach der einst so glücksgesegnete griechische Tyrann Polykrates letzten Endes auf so grausame Weise umgebracht wurde, dass Herodot das nicht näher beschreiben wollte.

Was hat Sie an diesem Thema fasziniert, dass Sie es zur Rahmenhandlung Ihres Romans machten?

Der Stoff war ursprünglich für einen Fernsehfilm gedacht. Aber der ORF wollte ihn dann doch nicht, und ich habe gedacht, eigentlich schade um die Geschichte. So war die Idee geboren, einen Roman daraus zu machen.

Wann begannen Sie an dem Roman zu schreiben?

Vor ungefähr zehn Jahren. Dazwischen gab es immer sehr lange Pausen. Ich habe das Projekt aber nie aus den Augen verloren.

Die Entstehungsgeschichte Ihres ersten Romans "Schratt", der 1992 erschien, erstreckte sich ebenfalls über zehn Jahre.

Ich hätte nach "Schratt" nicht gedacht, dass ich noch jemals einen Roman schreiben würde. Ich bin nicht unbedingt ein Romanschreiber, ich bin zu ungeduldig. Aber wenn ein langer Text dann tatsächlich fertig ist, hat das natürlich was.

Kurz zusammengefasst dreht sich Ihr Roman um einen verheirateten Mann namens Artur, der eine Affäre mit einer jungen Frau beginnt, woraufhin sein bislang unaufgeregtes Leben total aus den Fugen gerät. Vor dem Hintergrund des "Polykrates-Syndroms" stellt sich prinzipiell die Frage, ob man eine Affäre als glückliche Wendung des Schicksals bezeichnen möchte?

Ich denke, dieser Artur will einfach einmal ausbrechen aus seinem langweiligen Leben. Ein eigentlich sehr durchschnittlicher Wunsch. Noch dazu gefällt ihm diese Frau ja sehr gut und zeigt ihm eine völlig andere Lebenshaltung.

Als Leser gewinnt man allerdings nicht den Eindruck, dass der Protagonist auf einer Glückswelle schwimmt. So gesehen, bräuchte er vielleicht gar nicht so eine große Angst zu haben, dass sich das Schicksal zum Schlechten wendet?

Diese Angst begleitet ihn ständig und hat im Grunde nichts mit dieser Affäre zu tun. Artur ist polykrateskrank, und ein Polykrateskranker glaubt immer, zuviel Glück zu haben, auch wenn es ihm schon ziemlich dreckig geht.

Ohne zu viel vom Inhalt des Buches verraten zu wollen, würde mich Ihre Einschätzung interessieren, ob das Schicksal für Artur in Zukunft eher Glück oder Unglück bereit hält?

Das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht genau, wie die Geschichte ausgeht. Niemand kann das wissen.

Deutet dieser Schwebezustand, dieses offene Ende, auf einen Folgeroman hin?

Nein, das habe ich nicht vor. Ich wollte ein Buch schreiben, dessen Handlung anders verläuft, als man erwarten würde, ein bisschen unangenehm und jedenfalls ernster, als es zu Anfang den Anschein hat.

Ihren Namen verbindet man zuallererst mit der literarischen Gattung des Dramoletts. Ihr erstes Minidrama veröffentlichten Sie 1988 im "Falter". Anlass war die Erregung rund um die Burgtheater-Premiere von Thomas Bernhards "Heldenplatz". Wie kamen Sie damals auf die Idee, ausgerechnet die literarische Form des Dramoletts zu wählen?

Das erste Dramolett war eine Bernhard-Paraphrase. Thomas Bernhard hat ja selbst Dramolette geschrieben, die ich sehr schätze. Zu dieser Zeit gab es noch die kommunistische "Volksstimme", und der Kritiker Gerald Grassl schrieb diesen wunderbaren Satz: "Heldenplatz ist ein kritisches Theaterstück". Das hat mir so gefallen, dass ich besagtes Dramolett verfasst habe. Im Grunde war es eine Stilübung. Es gab damals viele Bernhard-Parodisten, vor allem schlechte Bernhard-Parodisten, die gedacht haben, wenn man ein paar Mal das Wort "naturgemäß" sagt und einige Wiederholungen einsetzt, dann reicht das aus, den Bernhard-Stil zu imitieren. Aber der ist natürlich wesentlich komplizierter.

Was reizt Sie am Dramolett, dass Sie diese Minidramen seit nunmehr 25 Jahren regelmäßig publizieren?

Es hat sich herausgestellt, dass das Dramolett eine Form ist, die sehr viele Möglichkeiten bietet. Man kann die unterschiedlichsten Stilmittel einsetzen, manche Stücke sind in Jamben gehalten, andere im Dialekt verfasst, man kann sehr variieren.

"Ich wollte ein Buch schreiben, dessen Handlung anders verläuft, als man erwarten würde, ein bisschen unangenehm . . ." Antonio Fian im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.

"Ich wollte ein Buch schreiben, dessen Handlung anders verläuft, als man erwarten würde, ein bisschen unangenehm . . ." Antonio Fian im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.© Foto: Robert Wimmer "Ich wollte ein Buch schreiben, dessen Handlung anders verläuft, als man erwarten würde, ein bisschen unangenehm . . ." Antonio Fian im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.© Foto: Robert Wimmer

Fians Freund Werner Kofler (1947-2011).

Fians Freund Werner Kofler (1947-2011).© Foto: Marko Lipus Fians Freund Werner Kofler (1947-2011).© Foto: Marko Lipus

"Ich wollte schon als Mittelschüler Schriftsteller werden. Und wenn man das will, ist auch klar, dass man sicher nicht Germanistik studieren wird." Antonio Fian

"Ich wollte schon als Mittelschüler Schriftsteller werden. Und wenn man das will, ist auch klar, dass man sicher nicht Germanistik studieren wird." Antonio Fian© Foto: Robert Wimmer "Ich wollte schon als Mittelschüler Schriftsteller werden. Und wenn man das will, ist auch klar, dass man sicher nicht Germanistik studieren wird." Antonio Fian© Foto: Robert Wimmer

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-01-23 20:38:16
Letzte ─nderung am 2014-01-24 13:20:30



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