• vom 08.01.2010, 13:49 Uhr

Zeitgenossen

Update: 08.01.2010, 13:51 Uhr

"Träume sind flüchtige Besucher"

Ortrud Grön




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Von Sonja Panthöfer

  • Die Traumforscherin Ortrud Grön erklärt, warum sie auf den Begriff "Traumdeutung" allergisch reagiert, weshalb Träume nicht nur von Spezialisten entschlüsselt werden können - und erzählt von ihrem eigenen aktiven Nachtleben.

Der Ahnherr der Traumforschung, hier als Büste im Sigmund Freud-Museum in der Berggasse. Foto: apa

Der Ahnherr der Traumforschung, hier als Büste im Sigmund Freud-Museum in der Berggasse. Foto: apa

Wiener Zeitung: Frau Grön, wie sehen die Nächte einer Traumforscherin aus?

Ortrud Grön: Ganz unterschiedlich. Jede Nacht hat ihre eigene Geschichte. In manchen Nächten schlafe ich, in manchen bin ich recht lange wach. Dann denke ich gerne über neue Fragen für meine Forschung nach. Das ist ein Prozess des intensiven inneren Hörens und Fragens. Dabei empfange ich oft "Traumtexte", die meine Gedanken vertiefen.

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Wann schreiben Sie Ihre Träume auf? Auch mitten in der Nacht?

Wenn ich nach einem Traum aufwache, schreibe ich ihn sofort auf. Denn Träume sind flüchtige Besucher. Danach schlafe ich aber problemlos wieder ein.

Ortrud Grön im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer. Foto: Dieter Mayr

Ortrud Grön im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer. Foto: Dieter Mayr Ortrud Grön im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer. Foto: Dieter Mayr

Ehrlich gesagt, klingt das nicht nach erholsamen Nächten.

Es verlangt viel Selbstüberwindung. Ich habe das lange genug geübt, und jetzt fällt es mir nicht mehr schwer, weil ich mich auf das Ergebnis freue.

Was gefällt Ihnen denn so gut an Träumen?

Ich liebe die provozierenden, oft surrealistischen Einfälle der Träume. Manchmal genieße ich ihren überraschenden Humor, der in den allermeisten Fällen ja uns selbst betrifft.

Aber oft träumen wir doch von anderen Menschen, oder nicht?

Wenn ich diese Menschen kenne, geht es darum, dass ich mir bewusst mache, ob die Eigenschaften, die sie haben, mir sympathisch oder unsympathisch sind. Denn diese Eigenschaften will mir der Traum als Anteil von mir selbst bewusst machen.

Wenn ich also von meiner bösen Nachbarin träume oder von meinem Chef, der sich schlecht benimmt . . .

(Lacht) Genau! Wenn ich von negativen Bezugspersonen träume, geht es in Wahrheit um mich selbst. Ich lasse den Träumenden in solchen Fällen gerne lang erzählen, damit die Erfahrung auch wirklich greift.

Gefühle wie etwa Wut empfinde ich deshalb im Traum, weil ich mich selbst, zumindest in bestimmten Bereichen meines Lebens, ähnlich verhalte.

Ortrud Grön. Foto: Dieter Mayr

Ortrud Grön. Foto: Dieter Mayr Ortrud Grön. Foto: Dieter Mayr

Wie läuft eine Traumsitzung bei Ihnen ab? Wie deuten Sie Träume?

Auf den Begriff Traumdeutung reagiere ich sehr allergisch.

Was ist daran so schlimm?

In der sogenannten esoterischen Literatur gibt es sehr viele schwammige Erklärungen über Träume, die gern den Terminus Traumdeutung verwenden. Die Traumlexika sind häufig eine Komposition aus Einfällen, die dem Bildinhalt nicht gerecht werden, sondern nur der eigenen Phantasie folgen. Beides aber gehört unbedingt zusammen, damit wir erkennen, wie wir mit dem realen Bildinhalt in unserem Leben umgehen.

Wie arbeiten Sie persönlich mit Träumen?

Mein Weg besteht darin, mich über den sachlichen Inhalt der Bilder in das Persönliche des Träumers hinein zu fragen. Und was dabei herauskommt, erfahre ich ja nur vom Träumer selbst. Also deute ich nicht, sondern wir arbeiten gemeinsam an einem Traum.

Viele Leute erinnern sich jedoch nicht an ihre Träume. Was raten sie denen?

Das habe ich hier in der Lauterbacher Mühle oft erlebt. Patienten haben gesagt: "Frau Grön, ich soll mit Ihnen über meine Träume sprechen. Ich träume aber nicht." Dann habe ich ihnen erklärt, dass sie sich dem Träumen aufmerksam zuwenden sollten. Und spätestens nach zwei Tagen konnten sich die Patienten in der Regel an einen Traum erinnern.

Häufig hört man: "Ich habe schlecht geträumt." Wozu träumen wir überhaupt? Oft erinnert es ja eher an absurdes Theater.

Absurd ist das Theater nur oberflächlich betrachtet. Im Grunde geht es darum, dass wir uns mit unserem Leben beschäftigen. Träume wollen uns helfen, dass wir uns von Ängsten befreien und Probleme lösen. Gerade mit erschreckenden Träumen sollte man sich also intensiv befassen.

Was muss ich denn wissen, um so eine "Theatervorstellung" zu verstehen, vielleicht sogar zu genießen?

Träume sind ungeheuer logisch und häufig gibt es einen Dreier-Rhythmus, den man im Auge behalten sollte. Der erste Teil des Traums beschreibt das Problemumfeld, der zweite zeigt auf, wie ich mit dem inneren Zwiespalt zwischen Gefühlen und Gedanken umgehe, und im dritten Teil geht es um die Problemlösung.

Das klingt aber recht anspruchsvoll.

Doch Traumbilder können nicht nur von Spezialisten entschlüsselt werden. Träume verwenden eine Gleichnissprache, und je mehr man über die Wesen und Dinge weiß, die in unseren Träumen auftauchen, desto besser vermag man sie zu verstehen. Wenn ich etwa von einem Pferd träume, muss ich mir das Wesen dieses Tieres klar machen. Können Sie reiten?

Nein. Sie?

Reiten ist etwas Wunderbares! Dabei spüre ich eine unbändige Lust von Freiheit und Vitalität. Das ist die Grundaussage. Wenn nun ein Pferd in dem Traum, der für mein Leben prägend war, verlaust und müde im Stall steht, ist das ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass die Vitalität meiner Gefühle verkümmert ist.

Inwiefern haben Träume Ihr eigenes Leben verändert?

Einst steckte ich in einer tiefen Krise, wusste nicht mehr weiter und erzählte diesen Traum dem Psychotherapeuten Karlfried Graf Dürckheim. Er half mir, diesen Traum zu interpretieren, und ich begriff, dass ich vor lauter Pflichten, die ich auf mich genommen hatte, keine Freude mehr an mir selbst empfand.

Sind Sie dadurch sozusagen auf den Geschmack gekommen?

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Dokument erstellt am 2010-01-08 13:49:19
Letzte nderung am 2010-01-08 13:51:00



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