• vom 04.09.2009, 13:53 Uhr

Zeitgenossen

Update: 04.09.2009, 13:56 Uhr

"Hilfe ist anzubieten, Hilfe ist aber auch anzunehmen"

Kirsten Heisig




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Von Ruth Pauli

  • Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig konstatiert eine Zunahme der Gewaltkriminalität bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien, und sie propagiert einen offensiven Umgang mit dem Problem der Ghettoisierung.

Wiener Zeitung: Sie arbeiten seit 1990 als Jugendrichterin in Berlin und sind derzeit für Neukölln-Nord zuständig, das eine besondere Migrationsproblematik hat.

Kirsten Heisig: In Teilen Berlins, wo sich die migrantischen Communities ausgeweitet haben, hat sich eine Kriminalität entwickelt, derer wir mit rein justiziellen Mitteln nicht mehr Herr werden. Dazu gehört ganz vorrangig Neukölln-Nord: 300.000 Einwohner, davon 35.000 türkischstämmig und 10.000 staatenlose Palästinenser. In dem Bezirk leben 88.000 Menschen, die Arbeitslosengeld beziehen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 23 Prozent, unter Migranten aber bei 60 Prozent. Das ist sozialer Sprengstoff per se. Die Hauptschulen werden überwiegend nur noch von migrantischen Kindern besucht - zu 95 Prozent, fast 100 Prozent. Fast alle ihre Eltern sind Arbeitslosengeldempfänger.

"Zufriedene Menschen arbeiten besser als unzufriedene" - Kirsten Heisig im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Ruth Pauli. Foto: Robert Strasser

"Zufriedene Menschen arbeiten besser als unzufriedene" - Kirsten Heisig im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Ruth Pauli. Foto: Robert Strasser "Zufriedene Menschen arbeiten besser als unzufriedene" - Kirsten Heisig im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Ruth Pauli. Foto: Robert Strasser

Und vor diesem Hintergrund hat sich eine neue Form der Jugendkriminalität entwickelt?

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Sie ist von großer Gewalttätigkeit geprägt. Es wird nicht einfach nur etwas weggenommen, sondern der Sinn der Straftat besteht darin, Gewalt auszuüben. Früher hat eine Truppe migrantischer Jugendlicher eine oder zwei Personen umringt und gesagt: "Handy raus!" Das war´s. Jetzt beginnt dann erst das wirklich Hässliche an der Tat. Mit dem Handy kann man ein hübsches Video drehen. Das Opfer wird zusammengeschlagen, manchmal werden ihm mit Eisenstangen die Zähne ausgeschlagen, und das wird gefilmt. Dann werden andere Jugendliche herbeitelephoniert, die sich das angucken können, das Video wird weiter versendet. Das Opfer wird auch verbal erniedrigt. Oft sagen die Opfer mir, das Schlimmste sei gewesen, am Boden zu liegen und als ungläubiger Schweinefleischfresser bezeichnet zu werden.

Wann hat das begonnen?

Mit fällt es seit fünf Jahren auf, dass die Erniedrigung und das massive körperliche Attackieren in den Vordergrund gerückt sind. Nach der Erklärung dafür suche ich noch. Es wird gesagt: Weil die soziale Lage der migrantischen Familien so desolat ist, begehen sie vermehrt Straftaten. Warum man aber ein Opfer zusätzlich zum materiellen Vorteil so extrem körperlich attackieren und auch in seiner Würde herabsetzen muss, kann mir keiner erklären.

Was ist Ihre Erklärung?

Es ist eine Ghettoisierung eingetreten. Alle haben, was sie brauchen: Es gibt den arabischen Metzger, den türkischen Bäcker, Rechtsanwalt und Arzt. Man braucht nicht mehr Teil der Aufnahmegesellschaft zu werden, um vernünftig existieren zu können. Nicht, dass die soziale Lage brillant wäre - die Aufnahmegesellschaft ist hier weiter gefragt - aber ich verspüre einen beidseitigen Rückzug, eine Abgrenzung - wir sind wir und ihr seid ihr. Daraus wird die Berechtigung abgeleitet, diese Abgrenzung in herabsetzende Worte zu kleiden.

Geht das mit einer Islamisierung Hand in Hand?

Das könnte man denken. Ich bin nicht kompetent genug, das abschließend beurteilen zu können. Aber die verbale Abgrenzung ist da. Zwischen Arabern und Deutschen, Arabern und Türken. Man sagt: Der Araber steht über dem Türken und über dem Deutschen erst recht. Aber meine Jugendlichen erzählen mir nicht: "Ich gehe in eine Moschee und deshalb weiß ich, das wir besser sind als ihr." Dieses Phänomen gibt es nicht.

Nun passiert eine Entwicklung wie in Neukölln-Nord ja nicht über Nacht. . .

Man hat sie geschehen lassen. Als die Schulen 75 oder 80 Prozent Migrantenkinder hatten, wurde das noch nicht thematisiert. Als wir bei 90 Prozent waren, stand dann in den Zeitungen: "Und was machen wir jetzt?" Da wurden dann so geniale Sachen vorgeschlagen wie Bussing . . .

. . . .also das Austauschen von Kindern aus verschiedenen Vierteln mit dem Schulbus.

Das ist nicht wirklich realistisch. Jetzt will man versuchen, die Schulen zu mischen, indem man bei den Gymnasien eine Quote einführt. 30 Prozent der Gymnasiumsplätze sollen unter denen verlost werden, die etwas benachteiligt sind. Die schickt man dann ins Gymnasium, ohne dass sie räumlich oder sozial in der Nähe sind. Auch das halte ich für fragwürdig.

Privatschulen haben dann wohl noch mehr Zulauf?

Die Privatschulen schießen aus dem Boden. Es zeichnet sich eine klare Spaltung ab. Dass man die Hauptschulen abschafft und Sekundarschulen einführt, wo Real- und Hauptschule zusammengelegt sind, halte ich für richtig. Weil sonst die Hauptschule ein reines Auffangbecken ist für die mirgrantischen Kinder und das verbleibende arbeitslose Prekariat. Das kann nicht integrativ wirken.

Lässt sich die Situation in Neukölln-Nord noch ändern?

Das weiß ich nicht, aber man sollte in anderen Bezirken vermeiden, dass sich eine ähnliche Entwicklung vollzieht. Dafür braucht man ein attraktives Schulangebot, interessant für migrantische wie für nicht-migrantische Familien. Denn wenn wir die Ethnien nicht gemischt bekommen - am besten schon im Kindergarten -, dann fährt man alles an die Wand. Es beginnt in den Elternhäusern, da bauen sich die Vorurteile auf. Die migrantischen Eltern äußern sich nicht ausschließlich positiv über die Aufnahmegesellschaft. Umgekehrt ist es genauso. So ist die Auseinanderentwicklung programmiert, die in den Eltenhäusern installiert wird.

Jugendliche Gewalttäter werden immer aggressiver.
Foto: Bilderbox

Jugendliche Gewalttäter werden immer aggressiver.

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Dokument erstellt am 2009-09-04 13:53:42
Letzte ─nderung am 2009-09-04 13:56:00



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