• vom 04.09.2009, 13:53 Uhr

Zeitgenossen

Update: 04.09.2009, 13:56 Uhr

"Hilfe ist anzubieten, Hilfe ist aber auch anzunehmen"

Kirsten Heisig




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"Zufriedene Menschen arbeiten besser als unzufriedene" - Kirsten Heisig im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Ruth Pauli. Foto: Robert Strasser

"Zufriedene Menschen arbeiten besser als unzufriedene" - Kirsten Heisig im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Ruth Pauli. Foto: Robert Strasser "Zufriedene Menschen arbeiten besser als unzufriedene" - Kirsten Heisig im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"- Mitarbeiterin Ruth Pauli. Foto: Robert Strasser

Das stimmt wohl auch für das Frauenbild.

Die Kopftuchfrage fällt natürlich in die Religionsfreiheit. Aber wenn die Kinder damit aufwachsen und dann in der Kindertagesstätte und der Grundschule der blonden Erzieherin in Minirock und Latschen sagen: "Du hast mir gar nichts zu sagen, du trägst kein Kopftuch", dann ist für ein friedliches Miteinander schon viel Boden verloren. Wir müssen Geld in intelligente Erziehungskonzepte und nicht in einzelne über die Stadt verstreute Projekte investieren. Es geht um attraktive Kindergärten und Schulen. Gemischtethnisch, also 50 zu 50 muss der Standard sein, damit die Kinder miteinander umgehen lernen, bevor sich das Vorurteil ausgepägt hat. Das kostet natürlich Geld.

Sie gehen als Richterin einen neuen Weg: Sie setzen die Schulpflicht durch.

Als Jugendrichterin komme ich an die Eltern erst heran, wenn die Straftaten begangen worden sind, und das Jugendamt mir den Lebenslauf schildert. Dann sehe ich den sozialen Hintergrund, ob die Eltern arbeiten, wieviel Kinder vorhanden sind etc. Da sind wir häufig zu spät dran. Wenn einer im Alter von 15 Jahren massive Gewaltdelikte begeht, gar nicht oder sehr selten zur Schule gegangen ist, was soll ich da machen? Da ist die Schulpflicht schon durch. Man muss auf die Familien schauen, bevor das Schulversäumnis sich verfestigt hat. Und da habe ich festgestellt, dass das Schulgesetz Bußgelder vorsieht bis zu 2500 Euro oder zwei bis sechs Wochen Erzwingungshaft, wenn die Eltern die Kinder schuldhaft nicht in die Schule schicken.

Dieses Bußgeld hat Ihnen einen Hardliner-Ruf eingetragen.

Die Möglichkeit der Bußgelder ist geltendes Recht. Es wird aber nur zögerlich angewendet, weil man sagt: "Die haben als Arbeitslosengeldbezieher ohnehin kein Geld." Aber wer über eine rote Ampel fährt, muss auch zahlen. Da ist die Schulpflicht allemal wichtiger. Und es ist ein Ansatzpunkt, wo man die Familien nicht erst kennen lernt, wenn einer mit 15 bei mir vor Gericht steht, sondern schon, wenn die Schule anzeigt, dass der Achtjährige nicht in die Schule geht und die Familie vier Wochen länger Türkeiurlaub macht. Da kann ich schon anhand des Bußgeldverfahrens sehen, wie die Entwicklung ist. Da gab es großes Geschrei: "Die Richterin sperrt die Eltern ein!" Aber es ist uns wichtig, dass ein Kind in die Schule geht. Es ist eine Pflicht, wer dagegen verstößt, muss mit Nachteilen rechnen.

Verstehen das die bildungsfernen Eltern?

Die muss man eben darauf aufmerksam machen, dass sie in einer Gesellschaft leben, in der Bildung wichtig ist. Darum führe ich Elternabende durch, um ihnen unsere Rechtsordnung plausibel zu erklären - nicht vom sozialarbeiterischen Ansatz her, sondern auch vom repressiven. Wenn man mit ihnen spricht, dann ist es nicht besonders kompliziert, das zu vemitteln. Man muss ihnen sagen, was hier anders ist. Das verstehen sie. Auch das mit den Bußgeldern. Die Irritation ist nur in meinem eigenen Umfeld, nicht bei den Migranten.

Ich kombiniere das auch mit eigener präventiver Elternarbeit, gehe zu den migrantischen Verbänden und sage: "Ich bin die böse Frau, die die Eltern bestraft, aber ich möchte mit ihnen reden, wie man das vermeiden kann. Mir geht es um das Fortkommen ihrer Kinder, damit die nächste Generation als Lehrer, Erzieher, Polizeibeamte und Jugendamtsmitarbeiter beschäftigt werden können."

Da rennt man offene Türen ein. Ich bin noch nie von den Migrantenvereinen zurückgewiesen worden. Im Gegenteil. Gerade der türkische Mittelstand sagt mir häufig: "Setzt eure Gesetze durch." Ich versuche auch immer zu betonen, dass es nicht zuletzt um zigtausende, vollkommen unauffällige und integrierte Migranten geht, die davor geschützt werden müssen, mit Intensivstraftätern in einen Topf geworfen zu werden. Deshalb ist es wichtig hinzugehen, aufzuklären und das Problem gemeinsam zu lösen.

Das machen Sie freiwiliig?

Ja, in meiner Freizeit. Anders geht´s nicht. Das ist sozusagen mein zeitaufwendiges Hobby. Ich will mir nicht sagen lassen: "Du schwingst die Keule, aber tust nichts, was den Missständen ursächlich entgegenwirkt." Doch wenn wir trotz der Durchsetzung der Schulpflicht Hinweise haben, dass das Kind weiter nicht in die Schule geschickt wird, dass kriminelle Strukturen in der Familie bestehen, dann bin ich der Meinung, dass man beim Bußgeld nicht stehen bleiben kann. Da muss das Kind aus der Familie genommen werden.

Jugendliche Gewalttäter werden immer aggressiver.
Foto: Bilderbox

Jugendliche Gewalttäter werden immer aggressiver.

Foto: Bilderbox
Jugendliche Gewalttäter werden immer aggressiver.

Foto: Bilderbox

Noch mehr Härte?

Natürlich muss das Jugendamt Angebote mit Familienhilfe vorschalten. Aber bei Kindeswohlgefährdung ist eine Herausnahme aus der Familie vorzusehen. Auch das ist geltendes Recht. Wer seine Kinder in kriminellen Strukturen aufwachsen lässt, der macht sich strafbar. Darauf muss man zumindest einmal hinweisen. Hilfe ist anzubieten, Hilfe ist aber auch anzunehmen. Wir können nicht in einer Großfamilie drei Helfer einsetzen, was ein Schweinegeld kostet, und dann, wenn die Hilfe nicht angenommen wird, einfach sagen: "Bildungsfernes Elternhaus, da kann man nichts machen". Damit geben wir die Kinder auf.

Mir geht es ganz klar um das Kindeswohl. Denn jedes zweite Berliner Kind hat einen Migrationshintergrund und soll doch diese Stadt einmal gestalten, tragen, soll im positiven Sinne mitwirken. Das können wir nicht erreichen, indem wir die Kinder im Ghetto lassen, in der Hauptschule versacken lassen, in den Familien teilweise verkümmern lassen, nur um politisch korrekt zu bleiben. Das kann sich die Gesellschaft im Interesse der nachwachsenden Generation nicht erlauben.

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Dokument erstellt am 2009-09-04 13:53:42
Letzte ─nderung am 2009-09-04 13:56:00



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