• vom 16.01.2015, 13:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 16.01.2015, 15:13 Uhr

Interview

"In meinem Kopf läuft ein Film ab"




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Von Irene Prugger

  • Der Tiroler Autor Bernhard Aichner spricht über seinen international erfolgreichen Thriller "Totenfrau", die Poesie der Grausamkeit, sein Erzählen in Bildern, die Notwendigkeit guter Literaturagenten - und darüber, dass er im Grunde ein ganz Sanfter und Netter sei.

"Gute literarische Unterhaltung, da bin ich zu Hause": Bernhard Aichner mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Irene Prugger. - © Foto: Irene Prugger

"Gute literarische Unterhaltung, da bin ich zu Hause": Bernhard Aichner mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Irene Prugger. © Foto: Irene Prugger

"Unbewusst reagiere ich beim Schreiben wohl Aggressionen ab. Meine Kinder dürfen meine Romane jedenfalls erst ab 15 lesen" Bernhard Aichner

"Unbewusst reagiere ich beim Schreiben wohl Aggressionen ab. Meine Kinder dürfen meine Romane jedenfalls erst ab 15 lesen" Bernhard Aichner© Foto: Irene Prugger "Unbewusst reagiere ich beim Schreiben wohl Aggressionen ab. Meine Kinder dürfen meine Romane jedenfalls erst ab 15 lesen" Bernhard Aichner© Foto: Irene Prugger

"Wiener Zeitung": Herr Aichner, wir befinden uns im altehrwürdigen Innsbrucker Café Central, wo Sie oft mit Ihrem Laptop sitzen und an Ihren Büchern schreiben. Brauchen Sie diese Umgebung für Ihre Kreativität?

Bernhard Aichner: Ich bin beim Schreiben gern unter Leuten; ich mag es, wenn es um mich herum wuselt und lebendig ist. Ich bin ja trotzdem weit weg und ganz auf meine Geschichte konzentriert, habe meine Stöpsel in den Ohren und höre Musik. Sanfte Popsongs, auch kitschig-romantische Schmachtfetzen, manche davon höre ich 70 Mal hintereinander. Weil ich die Lieder schon so gut kenne, werde ich davon nicht abgelenkt, sondern angenehm inspiriert.


Sie werden von kitschig-romantischer Musik zu literarischen Grausamkeiten inspiriert?

Information

Zu Person
Bernhard Aichner
, geboren 1972 in Osttirol, arbeitete fünf Jahre als Fotograf für die österreichische Tageszeitung "Kurier". Im Jahr 2000 gründete er mit seiner Frau Ursula, ebenfalls einer Fotografin, in Innsbruck das Fotoatelier "fotowerk aichner". Parallel dazu begann er eine literarische Karriere, wobei er sich vor allem der "Spannungsliteratur" widmete. Mehrere Literaturpreise und -stipendien, zuletzt der Burgdorfer Krimipreis (2014). Zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele sowie Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Bei HAYMONtb erschienen die Max Broll-Krimis "Die Schöne und der Tod" (2010), "Für immer tot" (2011) und "Leichenspiele" (2012) sowie der Roman "Nur Blau" (2012). Seine Romane "Das Nötigste über das Glück" (2002) und "Schnee kommt" (2009) sowie sein Erzählband "Babalon" (2000) erschienen bei Skarabaeus .

Zuletzt veröffentlichte Bernhard Aichner den Thriller "Totenfrau" (btb, 2014) und schrieb sich damit auf Anhieb in die Bestsellerlisten. Im Frühjahr 2015 erscheint das Buch in elf europäischen Ländern und in Amerika, die Filmrechte sind bereits verkauft. Bernhard Aichner lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Innsbruck.
Website Bernhard Aichner

Das ist kein Widerspruch. Liebe und Tod, Leben und Sterben, das gehört alles zusammen. Mein Roman "Totenfrau" ist nicht nur ein Thriller, sondern auch eine Liebesgeschichte. Die Hauptfigur, Bestatterin Blum, ist eine durch ein Kindheitstrauma seelisch zutiefst verletzte Frau, deren Wunden durch die Liebe Heilung erfahren. Sie lebt viele Jahre glücklich mit ihrer Familie. Als ihr Mann, ihre große Liebe, ermordet wird, brechen die alten Wunden wieder auf und sie wird zum Racheengel.

Man könnte auch sagen, sie ist eine Psychopathin und kaltblütige Massenmörderin . . .

Als Psychopathin habe ich sie eigentlich noch nie gesehen. Sie wird von ihren Emotionen zu ihrer gnadenlosen Selbstjustiz getrieben. Und sie hat aufgrund ihrer Bestatterinnentätigkeit gute Möglichkeiten, unentdeckt zu morden. Sie denkt nicht lange nach, sie tut es einfach.

Sie setzt sich einfach aufs Motorrad oder ins Auto, fährt los und bringt Leute um . . .

Ja, aber nur die Bösen. Das ist ganz wichtig für den Roman, dass es wirklich abgrundtief böse Menschen sind. Hätte ich nur jeweils fünf Sätze mehr zu diesen Opfern geschrieben, etwa, dass sie nicht nur Verbrecher, sondern auch treusorgende Familienväter sind, würde der Roman nicht mehr funktionieren. Er lebt davon, dass man ohne schlechtes Gewissen auf der Seite der Mörderin steht und es beim Lesen gut findet, dass sie meuchelt und mordet. Man will, dass sie davonkommt. Ich wollte es auch. Ich werde ja eine Blum-Trilogie schreiben. Aber ich wollte es auch deshalb, weil ich sie mag.

Dennoch verzichten Sie darauf, Blums Charakter detailliert auszuloten. Manchmal wirkt sie wie eine Figur in einem Videospiel, die immer wieder aufsteht und losrennt. Auch ihr Aussehen beschreiben Sie nicht näher. Warum nicht?

Ich schreibe, dass sie schön ist, das genügt. Die Leser können sich ihre eigene Vorstellung von ihr machen. Ich beschreibe auch keine Landschaften. Der Roman spielt in Innsbruck, aber ich wollte kein Lokalkolorit hineinbringen, keinen Reiseführer schreiben. Meine Romane haben ein hohes Tempo, was sich auch in den oft staccato-artigen Satzfolgen niederschlägt. Schilderungen von unbedeutenden Äußerlichkeiten würden die Dramaturgie bremsen. Bei der "Totenfrau" käme das Getriebensein dieser Person nicht mehr zum Ausdruck.

Andererseits recherchieren Sie sehr genau und haben für die "Totenfrau" sogar ein halbes Jahr in einem Bestattungsunternehmen gearbeitet. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

Gar nicht so schlecht, ich habe mich mit dem Tod vertraut gemacht. Meine Angst davor ist jetzt nicht mehr so groß. Natürlich war es zuerst eine Überwindung, Leichen den Mund zuzunähen, aber es muss gemacht werden und mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Allerdings habe ich mich von Unfallopfern oder verstorbenen Kindern ferngehalten. Das hätte ich nicht verkraftet. Selbst wenn ich im Schreiben gerne den voyeuristischen Blick bediene, so hat er doch seine Grenzen. Obwohl ich Pressefotograf war, kann ich es oft nicht verstehen, welch abscheuliche Fotos man heute veröffentlicht. So etwas will ich mir gar nicht ansehen.

Mit der Beschreibung von Grausamkeiten sind Sie allerdings nicht zimperlich. Wenn man etwa an die Angstfantasien des Taxifahrers in Ihrem Roman "Nur Blau" denkt . . .

Ja, aber es ist ja nur ein Roman, eine Spielwiese für Fantasien, und es kommt das skurrile Element dazu. Ein schwarzer Humor, den ich nie ganz unterdrücken kann, selbst dann nicht, wenn ich einen ernsten Roman schreiben will, wie zum Beispiel "Totenfrau".

Die Situationen, in die Sie Ihre Figuren schicken, sind nicht immer bis ins Letzte glaubwürdig, aber originell und kreativ. Schütteln Sie manchmal selber den Kopf über Ihre Einfälle?

Und ob! Es ist schon ziemlich wild, was sich manchmal in meinem Kopf abspielt. Mitunter bringen mich auch Freunde auf Ideen. Jemand sagt zum Beispiel, ich soll eine meiner Figuren in einem Eimer ertränken. Dann stelle ich mir vor, wie das ist, jemanden in einem Eimer zu ertränken, und beschreibe es. Unheimlich ist das und aufregend, manchmal macht es auch Spaß, vor allem dann, wenn es die Bösen sind und noch dazu scheinheilige Obrigkeiten wie im Fall der "Totenfrau". Das funktioniert wie in einem Märchen. Unbewusst reagiere ich dabei wohl unterschwellige Aggressionen ab. Meine Kinder dürfen meine Romane jedenfalls erst ab 15 lesen.

"Neulich habe ich mir wunderschöne Schuhe gekauft. Als ich sie trug, dachte ich stolz: Die habe ich mir erschrieben!"

"Neulich habe ich mir wunderschöne Schuhe gekauft. Als ich sie trug, dachte ich stolz: Die habe ich mir erschrieben!"© Foto: Irene Prugger "Neulich habe ich mir wunderschöne Schuhe gekauft. Als ich sie trug, dachte ich stolz: Die habe ich mir erschrieben!"© Foto: Irene Prugger

Stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wird verfilmt.

Stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wird verfilmt. Stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wird verfilmt.

Hat sich ein halbes Jahr lang in einem Bestattungsunternehmen mit dem Tod vertraut gemacht: Bernhard Aichner.

Hat sich ein halbes Jahr lang in einem Bestattungsunternehmen mit dem Tod vertraut gemacht: Bernhard Aichner.© fotowerk aichner Hat sich ein halbes Jahr lang in einem Bestattungsunternehmen mit dem Tod vertraut gemacht: Bernhard Aichner.© fotowerk aichner

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-15 16:38:25
Letzte nderung am 2015-01-16 15:13:35



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