• vom 03.07.2015, 15:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 03.07.2015, 15:48 Uhr

Bücher

Ein Leben zwischen zwei Buchdeckeln




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Von Wolfgang Tumler

  • Besuch bei einer "Unsichtbaren": Renate Stefan ist seit vielen Jahrzehnten Buch-Herstellerin - und erläutert, wie aus Geschriebenem ein anfassbarer Gegenstand wird.

Keine Zeit für Ruhestand: Buch-Herstellerin Renate Stefan.Foto:privat

Keine Zeit für Ruhestand: Buch-Herstellerin Renate Stefan.Foto:privat Keine Zeit für Ruhestand: Buch-Herstellerin Renate Stefan.Foto:privat

Wer sagt, Bücher seien nur gut für die Augen, das Gefühl und den Verstand, der hat einen Schnupfen. Bücher sind auch etwas für die Nase. Wer jemals eine verschweißte Verpackung aufgerissen oder eine Neuerscheinung aufgeschlagen hat, weiß das. Gute Bücher riechen nach Papier, nach Leim und nach Farbe. Und sie ziehen die Spürnasen unter den Lesern an, die immer auf der Jagd nach dem Besonderen sind.

Wie aus dem Pferd in der Sozialgeschichte erst ein günstiges Transportmittel und später ein wertvolles Sportgerät geworden ist, so mutierte das besondere Buch zum kostbaren Nachfolger von Gutenbergs Bibel für alle. Neben dem ansprechenden Inhalt gilt für eine Kaufentscheidung wieder die passende Form und damit die Frage: Wie machen die das?

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Papier wird aus Holz hergestellt, das wissen wir schon. Die meisten von uns wissen auch, dass Bücher von Autorinnen und Autoren geschrieben, auf Maschinen gedruckt und von Verlagen in Buchhandlungen zum Kauf angeboten werden. Die Verbindung von Geist und Geschäft ist uns vertraut. Was aber geschieht unterwegs, wie wird aus dem Schreiben und dem Entschluss zur Veröffentlichung ein Gegenstand, den ich anfassen, heimtragen und zwischen zwei Deckeln aufschlagen kann? Dahinter stecken, wie sie sich selbst nennen, die "Unsichtbaren".

Beginn als Redakteurin
Renate Stefan lebt in einer dieser viel zu großen Altbauwohnungen mit hohen Decken und weißen Flügeltüren im Berliner Bezirk Friedenau. Zu Kaisers Zeiten wohnten dort großbürgerliche Herrschaften, später Zahnärzte, Max Frisch, Uwe Johnson und Günter Grass. Bald nach deren besten Zeiten machte sich Renate Stefan schon auf den Weg ins "Unsichtbare", heute könnte sie längst in Pension gehen. Als junge Zeitschrift-Redakteurin im altehrwürdigen Verlag de Gruyter hatte sie es in den siebziger Jahren mit gescheiten Geistern der Wissenschaften zu tun - und dabei gelernt, eine unverzichtbare Verbindung für sie zu knüpfen.

Wie am Theater für seine Stücke und seine Schauspieler kunstvoll eine Bühne gebaut werden muss, bevor das Publikum etwas hören und sehen kann, so muss zwischen das Schreiben und Lesen ein Träger aus brauchbarem Material eingezogen werden - das Buch aus Papier, Leim und Farbe.

Renate Stefan schaute im Verlag fast zehn Jahre lang denen über die Schulter, die für die Auswahl des Papiers, für die Bestimmung der Schriften und die Bearbeitung von Bildern zuständig waren. Sie besuchte den Setzer, der die Bleibuchstaben zu Wörtern und ganzen Texten zusammenfügte, sah in der Druckerei, wie das Papier in seine Form geschnitten wurde, und schaute beim Binden der Bücher zu, wenn sie zu ihrer endgültigen Gestalt geheftet oder geklebt wurden.

Sie nahm unbezahlten Urlaub für unzählige Fortbildungen. Um Reisekosten zu sparen, organisierte sie einen Arbeitskreis in Berlin, zu dem Fachleute aus aller Welt kamen und die Verlage lernwillige Mitarbeiter schickten - bis zu 70 an einem Tag.

Wenn ihr selbst etwas unklar war, machte sie ihre eigene Frage zum Thema des nächsten Seminars. Irgendwann hatten die Verleger bei de Gruyter an der Kreativität beim Lösen von Aufgaben und an ihrem persönlichen Einsatz Gefallen gefunden, und so stieg Renate Stefan zur Herstellerin auf. Das ist kein geschützter Titel und war lange kein Ausbildungsberuf. Es gab zunächst nur die allgemeine Lehre zum Verlagskaufmann, heute gibt es spezialisierte Studiengänge an Fachhochschulen und u. a. an der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Viele Arbeitsschritte werden allerdings inzwischen digital an Computern vollzogen, und ganze Berufe sind dabei verschwunden. Auch der Hersteller ist von Rationalisierung bedroht. Können dessen Arbeiten nicht zusätzlich von anderen Mitarbeitern oder gleich von Robotern erledigt werden? Viele Verlage sehen das so. Was unterscheidet also ein Buch von einem T-Shirt aus Taiwan? Und was unterscheidet ein sorgfältig oder gar liebevoll hergestelltes Buch von einer Massenware?

Manchen sieht man ihre feine Herkunft schon im Schaufenster einer Buchhandlung an - etwa der Edition Suhrkamp mit ihren Regenbogenfarben, auch den Büchern des Diogenes Verlags mit ihren stilisierten farbigen Gemälden auf weiß glänzendem Grund, oder der Reihe Salto im Wagenbach Verlag. Sie alle haben ein verlässlich wiederkehrendes Format, sodass der Leser voller Vertrauen zugreifen kann - und das auch tut. Aber ist dem zu trauen? Bei meinem Besuch im Literatenviertel Berlin-Friedenau fragt Renate Stefan an dieser Stelle, ob ich Zeit mitgebracht habe. Qualität sei ein weites Feld, wenn auch ein spannendes, und sie hat ihren Preis.

Arbeitslöhne und Material für die reine Herstellung eines Buches kosten etwa 15 Prozent vom Netto-Verkaufspreis. Das sind fixe Kosten, die unabhängig davon anfallen, ob das Buch gut verkauft wird oder gar nicht. Also geht der Verleger hier ständig ins Risiko und steht gerne auf der Kostenbremse. Der Hersteller ist für die Kalkulation verantwortlich, für die Ermittlung und Festsetzung aller Kosten von zu bezahlenden Leistungen, die er ins Verhältnis zum geplanten Ladenpreis setzen muss. Und dann soll er sparen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-07-03 14:23:06
Letzte ─nderung am 2015-07-03 15:48:20



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