• vom 25.09.2015, 21:33 Uhr

Zeitgenossen

Update: 25.09.2015, 21:44 Uhr

Christian Ludwig Attersse

"Ich bin ein Schauspieler der Kunst"




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Von Julia Rumplmayr

  • Der Universalkünstler Christian Ludwig Attersee, der heuer 75 Jahre alt geworden ist, über seine Nachkriegskindheit in Oberösterreich, das Blau des Attersees und das rauschhafte Glücksgefühl beim Malen.



Attersee beim Interview mit der "Wiener Zeitung".

Attersee beim Interview mit der "Wiener Zeitung". Attersee beim Interview mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Seit fast 50 Jahren heißen Sie jetzt Attersee - nach dem Ort, wo Sie als Segler Erfolge gefeiert haben. Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie Ihren Künstlernamen wählten?

Christian Ludwig Attersee: Das war 1966 bei einer Zugfahrt von Wien nach Klagenfurt mit der damals sehr jungen Galeristin Krinzinger. Da habe ich gesagt, ich heiße jetzt Attersee. Meine erste Ausstellung kurz davor in Berlin war zur selben Zeit wie die vom Wolfgang Ludwig. Da habe ich gemerkt: du brauchst einen Künstlernamen! Da habe ich den genommen, den ich eigentlich schon gehabt habe als Österreichs vielleicht erfolgreichster Segler. Meine Mutter hat immer in die Rettungswesten und Decken "Attersee" reingeschrieben. Und wenn ich gewonnen habe, und das war sehr oft, wurde das Revier Attersee immer dazu genannt - also Christian Ludwig, Attersee. Das war also schon eingehört. Künstlernamen zu wählen ist gar nicht so einfach, und dieser war gut.

Information

Christian Ludwig Attersee wurde am 28. August 1940 als Christian Ludwig in Pressburg (Slowakei) geboren. 1944 flüchtete die Familie nach Österreich, Christian Ludwig verbrachte seine Kindheit und Jugend in Aschach an der Donau, in Linz und am Attersee, wo er als Segler große Erfolge feierte und dreimal österreichischer Staatsmeister wurde.

Mit 16 Jahren kam Christian Ludwig als Hochbegabter an die Universität für Angewandte Kunst und studierte zunächst Bühnenarchitektur und später Malerei und angewandte Kunst. 1965 hatte er seine erste Ausstellung in Berlin und legte sich danach den Künstlernamen "Attersee" zu. 1984 vertrat er Österreich auf der Biennale in Venedig, von 1990 bis 2009 unterrichtet er eine Meisterklasse an der Universität für Angewandte Kunst. Heute unterrichtet er in Wien und Geras. Attersee machte sich auf fast allen Gebieten der Kunst einen Namen, als Musiker, Schriftsteller, Designer, Bühnenbildner. Vor allem aber gilt er als einer der bedeutendsten Vertreter der gegenständlichen Malerei Europas und ist einer der international meistbeachteten Künstler Österreichs mit über 500 Einzelausstellungen in Europa und den USA.

Attersee ist mit Ingried Brugger, der Leiterin des Bank Austria Kunstforums, verheiratet und lebt in Wien und am Semmering. Zuletzt erschien das Buch "Das Mosaik" über Attersees Mosaikarbeiten im Hirmer Verlag.

Brucknerfest 2015:
29. September 2015: Künstlerporträt "75 Jahre Christian Ludwig Attersee" mit Konzert, Oberbank Donau Forum (begrenztes Kartenkontingent).

30. September 2015:
17 Uhr: Ausstellungseröffnung Brucknerhaus Foyer.
19.30 Uhr: Premiere "Weiße Rose" von Udo Zimmermann.

www.brucknerhaus.at


Christian Ludwig Attersee in seinem Wiener Atelier. Robert Newald

Christian Ludwig Attersee in seinem Wiener Atelier. Robert Newald Christian Ludwig Attersee in seinem Wiener Atelier. Robert Newald

Wie haben der Attersee und das Segeln Ihre spätere Kunst beeinflusst?


Ich habe ein Gefühl bekommen für Wasser, Wind und Wetter - und für Blaus. Segeln ist eine der schönsten Beschäftigungen, die der Mensch für sich erfunden hat: Sie geht nicht auf Kosten der Umwelt, sondern man kann die ganze Welt mit Wind und Taktik bereisen. Ich habe letztlich mein Leben nicht als Segler, sondern als Künstler verbracht, weil diese beiden Blaus, Himmel und Wasser, für mich noch wichtiger waren. Wenn ich durchs Segeln ins Ausland gekommen bin, bin ich immer gleich in die Museen gegangen. Ich musste mich entscheiden, Malerei oder Segeln, ich habe mich für Malerei entschieden.

Sie sind 1944 mit Ihrer Familie von Pressburg nach Aschach an der Donau geflüchtet. Welche Erinnerungen haben Sie an das Oberösterreich der 40er und 50er Jahre?

Ich erinnere mich an den Aschacher Apfelsaft, den wir als Flüchtlingskinder bekommen haben. Ich habe noch viele Kriegssachen in Erinnerung, die ich eigentlich alle verdrängt habe nach der Vertreibung meiner Familie aus Pressburg. Ich könnte stundenlang von Aschach reden, zum Beispiel wie ich mein erstes Salzstangerl gesehen habe. Mein Vater hat zwei Jahre keine Arbeit gehabt und mit mir gezeichnet. Von mir gibt’s keine Kinderzeichnung, weil ich wie mein Vater gezeichnet habe. 1946 habe ich dann den ersten Preis bei einem Zeichenwettbewerb, den die amerikanischen Besatzungsmächte unter allen Volksschulen ausgeschrieben haben, gewonnen. Die Zeichnerei hat Spaß gemacht, ich konnte die ganze Welt erfinden, wie ich es auch heute mache. Damals war wichtig, dass man was zum Essen gehabt hat. Ein Apfel hat eine Bedeutung gehabt, eine Zeichnung nicht. Für mich waren die Zeichnungen aber schon wichtig, weil ich immer gern etwas alleine für mich gemacht habe.

Die Mittelschule haben Sie später in Linz besucht. . .

Ich war in meiner Mittelschule, der Khevenhüllerschule in Linz, nicht so beliebt, weil ich schon mit 14 meinen Caesar mit lauter Aktzeichnungen vollgezeichnet habe. Die Mittelschule war für mich auch schwierig durch meine Taubheit, es hat ja keine Hörgeräte gegeben. Ich wurde komischerweise immer nach hinten gesetzt, da habe ich dann nicht einmal gehört, wenn mein Name genannt wurde. Es war immer noch sehr rassistisch, die Nachkriegsprofessoren waren zum Teil noch aus der Nazizeit. Es war keine gute Stimmung in dieser Mittelschule, vor allem wenn man ein Handicap gehabt hat wie ich.

Verfolgen Sie das oberösterreichische Kulturgeschehen heute, etwa das neue Musiktheater, oder 2009 die Kulturhauptstadt Linz?

Ich verfolge das nur ein bisserl, ich bin ja viel im Ausland. Das Musiktheater hat gute Kritiken, die Kulturhauptstadt war eine Geldweglegung, die nicht notwendig war. Ich habe damals eine sehr gute Idee gehabt, die nicht umgesetzt wurde: Ich wollte eine zweite zeitkritische Pestsäule machen, das hätte vielleicht das wichtigste Projekt werden können.

Nun kehren Sie zu einem richtigen Attersee-Fest wieder zurück nach Linz. Sie spielen ein Konzert, es gibt eine große Ausstellung im Brucknerhaus, Sie gestalten das Bühnenbild für die Kammeroper "Weiße Rose".

Eigentlich wollte ich ja Opernsänger werden, das hat man mir aber nicht erlaubt und niemand wollte mich unterrichten. Dadurch ist ein Mensch entstanden, der alle Berufe machen muss, daher spiele ich nicht am Klavier, sondern male am Klavier und so weiter. Bei mir gibt’s bei nichts eine Regel - und so inszeniere ich auch in Linz. Die Reihen sind alle rausgerissen worden, das Publikum sitzt im Kreis. Die "Weiße Rose" ist sicher die schönste Kammeroper der letzten 25 Jahre. Sie ist schwierig mit Bühne zu umgeben, da sie sehr sensibel ist, es geht ja um die Geschichte der Geschwister Scholl, die nicht erschlagen werden soll von Regie und Bühnenbild. Im Foyer mache ich eine Ausstellung quer durch mein Werk von 1980 bis jetzt, das ist viel besser als im Museum, weil am Tag 2000 Leute kommen, im Museum kommen pro Tag vielleicht 20.

Auch mit Ihrer angewandten Kunst von der Attersee-Wurst bis zur Weinetikette erreichen Sie viele Menschen, die vielleicht nie in ein Kunstmuseum gehen würden. War das auch Ihr Motor bei Projekten wie dem Atterseehaus oder der Verhüllung des Ringturms in Wien?

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Dokument erstellt am 2015-09-24 14:32:09
Letzte ─nderung am 2015-09-25 21:44:38



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