• vom 04.10.2015, 14:15 Uhr

Zeitgenossen

Update: 04.10.2015, 14:22 Uhr

Interview

"Man muss immer offen für Neues sein"




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Von Christine Dobretsberger

  • Kammersängerin Christa Ludwig blickt auf ihre lange künstlerische Laufbahn zurück, erinnert sich an ihre drei Lieblingsdirigenten, an die einzige wirkliche Primadonna, die sie kannte, und zieht eine optimistische Bilanz ihres Lebens als Musikerin und als "suchender Mensch".



"Wiener Zeitung": Frau Ludwig, es ist nun rund zwanzig Jahre her, dass Sie nach einer höchst erfolgreichen Sängerinnenkarriere Abschied von der Bühne genommen haben. Rückblickend betrachtet: Wie stark prägt die intensive Auseinandersetzung mit Musik die Seele?

Christa Ludwig: Ich denke, dass generell jeder Beruf einen Menschen in seinem Leben, in seiner Weltanschauung weiterbringen sollte. Das ist jetzt nicht nur bezeichnend für die Musik. Man lernt auch deshalb durch seinen Beruf, weil man neue Menschen kennen lernt.

Information

Am 11. Oktober um 11.00 Uhr findet in der Wiener Staatsoper eine Matinee mit KS Christa Ludwig und KS Gundula Janowitz statt.

Eine ausführlichere Fassung dieses Interviews ist in dem Buch "Was ich liebe, gibt mir Kraft. Bühnenstars aus Oper und Theater erzählen." nachzulesen. Das bei Styria premium neu erschienene Buch versammelt Gespräche, die Christine Dobretsberger mit Senta Berger, Renate Holm, Christa Ludwig, Erni Mangold, Elisabeth Orth, Christine Ostermayer, Elfriede Ott, Erika Pluhar, Hilde Zadek und Bibiana Zeller geführt hat.

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, freie Journalistin und Autorin, Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur Lineaart.


Was war für Sie prägender: die Musik oder die Menschen, mit denen Sie zu tun hatten?

Für mich war eigentlich in erster Linie der Text entscheidend. Wenn ein Werk keinen guten Text hatte, interessierte es mich nicht. Daher kommt auch meine Liebe zu Liedern, weil diese oft auf wunderbaren Gedichten basieren. Wenn man älter wird, kann man diese Gedichte überhaupt erst in ihrer Tiefe erfassen. Von diesen Texten lernt man auch, sein eigenes Leben zu meistern.

Christa Ludwig mit Christine Dobretsberger. Fotos: Robert Wimmer

Christa Ludwig mit Christine Dobretsberger. Fotos: Robert Wimmer Christa Ludwig mit Christine Dobretsberger. Fotos: Robert Wimmer

Ich nehme an, Sie sprechen von Dichtern wie Hugo von Hofmannsthal?

Ja, zwei Gedanken der Marschallin aus dem "Rosenkavalier" sind absolut zu meiner Lebensphilosophie geworden: "Jedes Ding hat seine Zeit" und "Leicht muss man sein, mit leichtem Herz und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen". Und das Lassen ist das Schwierigste. Was gilt es im Leben nicht alles loszulassen? Ob das nun ein Freund ist oder die Eltern oder eben der Beruf: Wenn man, so wie ich, einen Beruf fünfzig Jahre lang ausgeübt hat und dann plötzlich sagt: "Finita la commedia!", dann ist das erste halbe Jahr zwar prima, aber anschließend fällt man in ein großes Loch.

Christa Ludwig wurde 1928 in Berlin geboren. Ihr erstes Engagement hatte sie 1945 in Gießen, ein Jahr später wechselte sie für sechs Jahre an die Oper Frankfurt. Es folgten Engagements an den Landestheatern in Darmstadt (1952-1954) und Hannover (1954-1955) sowie regelmäßige Auftritte bei den Donaueschinger Musiktagen.

Christa Ludwig wurde 1928 in Berlin geboren. Ihr erstes Engagement hatte sie 1945 in Gießen, ein Jahr später wechselte sie für sechs Jahre an die Oper Frankfurt. Es folgten Engagements an den Landestheatern in Darmstadt (1952-1954) und Hannover (1954-1955) sowie regelmäßige Auftritte bei den Donaueschinger Musiktagen. Christa Ludwig wurde 1928 in Berlin geboren. Ihr erstes Engagement hatte sie 1945 in Gießen, ein Jahr später wechselte sie für sechs Jahre an die Oper Frankfurt. Es folgten Engagements an den Landestheatern in Darmstadt (1952-1954) und Hannover (1954-1955) sowie regelmäßige Auftritte bei den Donaueschinger Musiktagen.

Haben Sie Ihrer Einschätzung nach Ihre Karriere zum richtigen Zeitpunkt beendet?

Der Zeitpunkt war optimal. Aber wie gesagt: Zuerst fällt man in ein Loch und muss sein Leben neu organisieren. In schwierigen Situationen habe ich mir oft Texte in Erinnerung gerufen, die ich gesungen habe. Als mein Mann gestorben ist, fing ich an, Sonette von Pablo Neruda zu lesen. Das ist etwas, das der Beruf mit sich bringt: Es gibt so viele herrliche Texte, an die man denken kann, wenn einmal etwas passiert.

Christa Ludwig mit Karl Böhm, einem ihrer Lieblingsdirigenten. Felicitas / Interfoto/ picturedesk.com

Christa Ludwig mit Karl Böhm, einem ihrer Lieblingsdirigenten. Felicitas / Interfoto/ picturedesk.com Christa Ludwig mit Karl Böhm, einem ihrer Lieblingsdirigenten. Felicitas / Interfoto/ picturedesk.com

Ist es tatsächlich schwieriger, einen Liederabend zu gestalten, als in der Oper eine Hauptrolle zu singen?

Die Lieder sind das Schwierigste. Man muss sein ganzes Gefühl in den Text hineinlegen und steht nicht mit Schminke, Perücke und Kostüm vor dem Publikum, sondern als Person. Man lässt sich quasi von den Leuten ins Herz hineinblicken und zeigt seine Seele. Lieder von Hugo Wolf habe ich besonders geliebt, weil sie Musik und Poesie auf wundervolle Weise vereinen. Lieder wie diese bereichern das eigene Leben.

Wie groß ist beim Liedgesang der Spielraum der Interpreta-
tion? Schließlich gibt es Noten.

Gustav Mahler sagte, das Wesentliche der Musik steht nicht in den Noten geschrieben. Wenn man nur Noten singt, dann singt man Töne, das mag zwar wunderschön klingen, wird aber nach zehn Minuten langweilig. Maria Callas war eine der ganz wenigen, die eben nicht nur Töne gesungen haben. Sie vermochte es, dem Ton einen Ausdruck zu verleihen. Gerade in der Oper ist dies ungemein wichtig, schließlich will man ja auch von Menschen verstanden werden, die der jeweiligen Sprache, in der gesungen wird, nicht mächtig sind.

Wie erlangt man als Interpretin diese Kunst, die Seele im Gesang mitklingen zu lassen?

Meine liebe Mutter sagte zu mir: "Christa, ich hoffe, dass du dir die Stimme noch intakt behältst, bis du weißt, worum es sich handelt." Die Tragödie in diesem Beruf ist ja, dass man aufhören muss, wenn man Erfahrung gewonnen hat und tiefer in die Charaktere der darzustellenden Rollen einzudringen vermag. Im Alter von vierzig ist der Berg erklommen und man stellt sich plötzlich die Frage: Kann ich das? Bin ich das wirklich? Wie es in Büchners "Woyzeck" heißt: "Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wenn man hinunterschaut." Dann beginnt man an sich zu zweifeln. Diese Phase gilt es zu überwinden.

Selbst wenn man ein Lied fünfzig Mal gesungen hat, wird es nicht leichter?

Nein, aber es wird immer schöner, weil man dieses Lied stets anders interpretiert. Schließlich bekommt man von Jahr zu Jahr eine andere Sicht auf den Text, man entwickelt sich ja menschlich und geistig weiter. Das ist das Herrliche, wenn man sich über einen langen Zeitraum hinweg die Stimme erhält und die erworbene Reife hineinlegen kann.

Achtsam mit der Stimme umzugehen, ist für Sängerinnen und Sänger ja ein Thema, das letztlich auch in hohem Maße das Privatleben diktiert . . .

Das Singen frisst das Leben auf. Man singt eben nicht nur zwei Stunden am Abend, sondern stimmt sein ganzes Leben darauf ab. Wir sind wie Sportler, die auch nicht nur im Rahmen eines Tennismatches drei Stunden am Court stehen, sondern tagsüber trainieren, auf die Ernährung achten etc.

Bei Sängern kommt noch hinzu, dass man abseits der Bühne sozusagen zum Schweigen verurteilt ist, um die Stimme zu schonen. Ist dies tatsächlich so krass?

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Dokument erstellt am 2015-10-01 16:47:09
Letzte nderung am 2015-10-04 14:22:24



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