• vom 14.11.2015, 16:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Ich kenne den Schweinehund in mir"




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Von Irene Prugger

  • Der Schriftsteller Joseph Zoderer über seine Karriere, und seinen 80. Geburtstag, den er am 25. November 2015 feiert.

Joseph Zoderer im Interview. - © Prugger

Joseph Zoderer im Interview. © Prugger

Joseph Zoderer im Gespräch mit Irene Prugger.

Joseph Zoderer im Gespräch mit Irene Prugger.© Prugger Joseph Zoderer im Gespräch mit Irene Prugger.© Prugger

"Wiener Zeitung":Herr Zoderer, hier, in Ihrer "Schreibvilla" in Bruneck, hängt also Ihr neuer Roman . . .

Joseph Zoderer: Ja, dort die erste Fassung, in diesen beiden Zimmern die neue Fassung. Aber ich bin in der Krise, es wird eine nächste Fassung geben müssen! Es stimmt alles nicht mehr! Im Roman, der eigentlich schon fast fertig wäre, geht es u.a. um einen Katzensammler, einen ehemaligen griechischen Gastarbeiter, dessen zweite Heimat die Insel Lesbos ist. Ich kenne diese Insel seit über 25 Jahren. Ich kenne die Idylle und kenne die Folgen eines florierenden Tourismus, aber nun stranden dort täglich tausende Flüchtlinge - und diese Problematik zu ignorieren, wäre für mich literarisch untragbar.

Information

Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol.


Material aus dem Vorlass, den Joseph Zoderer dem Brenner-Archiv in Innsbruck überlassen hat:

Material aus dem Vorlass, den Joseph Zoderer dem Brenner-Archiv in Innsbruck überlassen hat:© Archiv Material aus dem Vorlass, den Joseph Zoderer dem Brenner-Archiv in Innsbruck überlassen hat:© Archiv

Was werden Sie tun?

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Ich werde demnächst dorthin reisen und mir ein Bild von der Situation machen. Dann werde ich eine Rahmenhandlung zu schreiben versuchen. Der Roman hätte im Frühjahr 2016 herauskommen sollen, das wird sich nun nicht mehr ausgehen.

Dafür werden aber die insgesamt 17 Bücher der neuen Zoderer-Werkausgabe über die nächsten Jahre verteilt pünktlich erscheinen. Eine sehr schöne Ausgabe, die Sie sicher freut?

Joseph Zoderer geboren am 25. November 1935 in Meran, lebt als Schriftsteller in Bruneck im Südtiroler Pustertal. Seine Kinderjahre verbrachte er in Graz; Studium in Wien. Nach vielen Jahren journalistischer Tätigkeit entschied er sich für ein Leben als freier Autor. Ein außergewöhnliches Werk, bestehend aus Gedichten, Romanen und Erzählungen, prägen seine literarische Karriere. Seine Bücher zeichnen sich durch eine poetische Erzählweise und eine genaue Beobachtungsgabe aus; die zentralen Themen: Liebe, Sehnsucht, Tod, Entfremdung in Beziehungen und existenzielle Fremdheit. Außerdem setzte Zoderer sich in vielen Werken kritisch mit seiner Heimat Südtirol auseinander. Der Durchbruch gelang ihm 1982 mit dem Roman "Die Walsche", der 1986 verfilmt und 2012 für das Theater adaptiert wurde.

Joseph Zoderer geboren am 25. November 1935 in Meran, lebt als Schriftsteller in Bruneck im Südtiroler Pustertal. Seine Kinderjahre verbrachte er in Graz; Studium in Wien. Nach vielen Jahren journalistischer Tätigkeit entschied er sich für ein Leben als freier Autor. Ein außergewöhnliches Werk, bestehend aus Gedichten, Romanen und Erzählungen, prägen seine literarische Karriere. Seine Bücher zeichnen sich durch eine poetische Erzählweise und eine genaue Beobachtungsgabe aus; die zentralen Themen: Liebe, Sehnsucht, Tod, Entfremdung in Beziehungen und existenzielle Fremdheit. Außerdem setzte Zoderer sich in vielen Werken kritisch mit seiner Heimat Südtirol auseinander. Der Durchbruch gelang ihm 1982 mit dem Roman "Die Walsche", der 1986 verfilmt und 2012 für das Theater adaptiert wurde. Joseph Zoderer geboren am 25. November 1935 in Meran, lebt als Schriftsteller in Bruneck im Südtiroler Pustertal. Seine Kinderjahre verbrachte er in Graz; Studium in Wien. Nach vielen Jahren journalistischer Tätigkeit entschied er sich für ein Leben als freier Autor. Ein außergewöhnliches Werk, bestehend aus Gedichten, Romanen und Erzählungen, prägen seine literarische Karriere. Seine Bücher zeichnen sich durch eine poetische Erzählweise und eine genaue Beobachtungsgabe aus; die zentralen Themen: Liebe, Sehnsucht, Tod, Entfremdung in Beziehungen und existenzielle Fremdheit. Außerdem setzte Zoderer sich in vielen Werken kritisch mit seiner Heimat Südtirol auseinander. Der Durchbruch gelang ihm 1982 mit dem Roman "Die Walsche", der 1986 verfilmt und 2012 für das Theater adaptiert wurde.

Ja, der Innsbrucker Haymon-Verlag macht wirklich eine gute Arbeit. Der wissenschaftliche Anhang bei "Dauerhaftes Morgenrot" ist für mich selber zum Staunen wegen seiner akribischen Ausführlichkeit. Ich hoffe, es finden sich dafür auch akribische, interessierte Leser.

Die ProtagonistInnen in Ihren Romanen und Erzählungen stehen oft zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei Frauen, zwei Männern. Ein immerwährendes Dazwischen - ist und war das oft auch Ihr Lebensgefühl?

Mein Lebensgefühl ist das eines weißen Lipizzaners, denke ich manchmal. Einerseits spüre ich eine große Wildheit in mir, andererseits wurde ich durch Erziehung und Dressur veredelt. Ich war u.a. ein Missionshausschüler, der Drill, der mir damals beigebracht wurde, steckt mir heute noch in den Knochen. Ich habe Disziplin und Schweigen gelernt (Nur nach dem Essen durften wir am Hof miteinander reden, sonst war immer das Schweigen die Regel). Disziplin und Schweigen - beides kommt mir beim Schreiben zugute. Ohne Disziplin wäre ich im Leben verloren, es wäre ein tägliches Unglück, wenn ich nicht meinen Rhythmus mit Flanieren und Beobachten sowie stundenlangem Schreiben einhalten könnte. Eigentlich müsste ich ein religiöses "Vergelt’s Gott" sagen, aber ich sage lieber: zum Glück! Zur Disziplin brauche ich aber auch die Freiheit für meine Inspiration. Ich will keine bürgerliche Bravheitsstille, weder in der Literatur noch im Leben. Und so bin ich immer ein Mensch mit einem Koffer in der Hand gewesen, bereit zum Aufbruch.

Der früheste Aufbruch in Ihrem Leben war, als Sie im Alter von vier Jahren mit Ihrer Familie von Südtirol nach Graz übersiedelten, weil Ihr Vater ein Optant war, der diese Entscheidung allerdings schon vom ersten Tag in der Fremde als großen Fehler erkannt hat. Ihre Familie kehrte zehn Jahre später nach Südtirol zurück. Sie folgten 1953, lebten zwischenzeitlich zehn Jahre als Journalist in Wien und haben seit 1971 wieder Ihren Wohnsitz in Südtirol, wo Sie wegen Ihrer heimatkritischen Literatur von vielen Südtirolern als Verräter angesehen wurden.

Da muss ich echt auflachen, wenn ich daran zurückdenke. Bereits auf meinen ersten Lyrikband im Jahr 1974, "S Maul auf der Erd oder Dreckknuidelen kliabn", das einzige Buch, das ich im Dialekt verfasste, gab es über Monate in der Landeszeitung "Dolomiten" eine heftige Debatte. Einige Leserbriefschreiber wollten mich in ein Erziehungslager gesteckt wissen. Auch bei den Lesungen im Ausland war es viele Jahre so, dass eher die falschen Leute kamen, in der Annahme, einen neuen jungen Luis Trenker zu sehen und zu hören.

Sie selbst sagen oft von sich, Sie seien ein "deutschsprachiger Autor mit österreichischer kultureller Prägung mit italienischem Pass". In Wikipedia lautet der erste Satz zu Ihrer Person: "Joseph Zoderer ist ein Schriftsteller aus Südtirol." Ist Ihnen die Formulierung "aus Südtirol" lieber als ein "Südtiroler Schriftsteller"?

Unbedingt, meine Literatur reicht doch wohl, hoffe ich, über Südtirol hinaus. Was mich bewegt sind Sehnsucht, Fremdheit, Einsamkeit, Liebe und Tod. Es ist aber gut, dass ich nach Südtirol zurückgekommen bin. Wäre ich in Berlin oder Wien geblieben, wo ich einige Jahre gelebt habe, hätte ich nicht so stark den Kontrast zwischen Heimat und Fremde gespürt und nicht entsprechend darüber schreiben können.

Für den Traum, eine Schriftstellerkarriere zu realisieren, haben Sie einiges auf sich genommen, zum Beispiel gute Arbeitsverhältnisse als Journalist aufgegeben.

Ich habe mich oft selbst gekündigt. Bei "Krone" und "Kurier" sowie bei der "Presse" in Wien und später dann beim Rai-Sender Bozen, wo eine Anstellung der Sicherheit einer Generalskarriere entsprochen hätte, mit regelmäßigen finanziellen Aufstockungen und einer hohen Pension. Ich hatte zuerst gedacht, der Journalismus sei der beste Weg, mir als Schriftsteller die Welt anzueignen, aber ich merkte schon früh, dass er für mich ein Irrtum war, dass er meiner literarischen Entwicklung im Weg stand, meine Sprache eher gefährdete als förderte. Den Rai-Job gab ich auf, als ich 1981 zum Bachmannpreis eingeladen wurde und mir ein Freund empfohlen hatte, nicht aus "Dauerhaftes Morgenrot" zu lesen, sondern einen neuen Text zu verfassen. Ich war verheiratet, hatte zwei kleine Kinder, viele hielten mich für verrückt, insbesondere meine Schwiegermutter, aber ich kündigte, ging für eine Zeit nach Rom und begann dort mit dem Roman "Die Walsche", aus dem ich dann vorlas.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-13 14:23:11
Letzte ─nderung am 2015-11-13 16:12:54



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