• vom 31.01.2016, 15:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Unsicherheit ist das kleinere Übel"




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Von Sonja Panthöfer

  • Die Philosophin und Sachbuchautorin Natalie Knapp erklärt, warum Zeiten der Krisen, des Umbruchs und der Ungewissheit sowohl persönlich als auch gesellschaftlich sehr wertvoll sein können.

- © Julia Baier

© Julia Baier

"Wiener Zeitung": Wir leben in unsicheren Zeiten und das macht vielen Menschen Angst. Ist das bei Ihnen anders?

Nathalie Knapp: Ehrlich gesagt ändert sich das immer wieder. Denn es ist ja eine Tatsache, dass sich vieles im Leben auf eine Art und Weise wandelt, die wir nicht vorhersehen können. Was unter anderem daran liegt, dass wir Menschen in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und morgen anders zu handeln als heute. Angela Merkels Verhalten angesichts der Flüchtlingskrise ist dafür ein gutes Beispiel: Hätten Sie es für möglich gehalten, dass die Bundeskanzlerin die Grenzen öffnen würde?

Nein, gewiss nicht.

Sehen Sie, ich auch nicht. Womöglich hätte Angela Merkel noch nicht einmal von sich selbst eine solche Entscheidung erwartet, hätte man sie zuvor in einer ruhigen Minute danach gefragt.

Wie würden Sie das Gefühl beschreiben, das Unsicherheit in uns auslöst?

Kennen Sie dieses flaue Schwindelgefühl, das im Magen entsteht, wenn Sie beispielsweise mit einem Flugzeug durch Turbulenzen fliegen? Die vorübergehende Luftleere trifft diesen Zustand meiner Ansicht nach ganz gut. Der Philosoph Sören Kierkegaard bezeichnet diese Form der Angst daher als "den Schwindel der Freiheit".

Was bedeutet das?

Für viele Menschen ist das ein ambivalentes Gefühl. Während es bei den einen Zustände von Angst oder Panik auslösen kann, verspüren andere wiederum eine Affinität zu diesem Schwindelgefühl - denken Sie etwa an Extremsportler wie Freeclimber. Die Instabilität und die damit verbundene Unsicherheit sind eine Grundvoraussetzung der Freiheit. Nur wenn alles schon determiniert und festgelegt wäre, könnten wir in völliger Sicherheit leben - und das wäre sehr unangenehm. Die wenigsten Menschen könnten das genießen. Erinnern Sie sich an den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier"?

Der zeigt, was passiert, wenn wir alles schon vorher wissen?

Natalie Knapp im Gespräch mit Sonja Panthöfer.

Natalie Knapp im Gespräch mit Sonja Panthöfer.© Julia Baier Natalie Knapp im Gespräch mit Sonja Panthöfer.© Julia Baier

Exakt! Der Protagonist kann sich die Liebe seiner Herzensdame erschleichen, indem er alle ihre Vorlieben berechnend miteinbezieht - aber sie macht ihn nicht glücklich. Ich wollte einmal versuchsweise einen Tag lang mit dem Gedanken leben, alles sei determiniert, vom Aufwachen über das Frühstück bis hin zu jedem Gedanken, den ich denke. Das erzeugt so eine Enge, dass man Atemnot bekommt und die Lebensfreude verliert. Das heißt letztlich, dass ich die Unsicherheit für das kleinere Übel halte.

Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen? Schließlich ist Krise als Chance nichts Neues.

Mir ging es gar nicht darum, ein Handbuch zur Krisenbewältigung zu schreiben, sondern darum, den Wert der Unsicherheit in die Waagschale zu werfen, um ihre unangenehmen Seiten aushaltbarer werden zu lassen. Ich bin ja Philosophin und glaube daran, dass manche Dinge allein dadurch erträglicher werden, dass man sie besser versteht. Deshalb scheint es mir wichtig zu verstehen, dass Unsicherheit, Kreativität und Freiheit zusammengehören.

Aber Unsicherheit heißt, keinen festen Boden unter den Füßen zu spüren. Den braucht man doch, um den nächsten Schritt zu wagen.

Interessanterweise haben viele Dichter und Denker diesen Zustand mit ähnlichen Bildern beschrieben. Bei Franz Kafka etwa findet sich das Bild von der Leiter, die plötzlich abzubrechen scheint, und während der Mann weiter versucht, die Leiter emporzusteigen, wächst die nächste Sprosse heran. Und von der Lyrikerin Hilde Domin, die Gefühle auf eine sehr treffende Art in Wortbilder fassen konnte, stammt der Satz: "Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug." Das heißt, in den Situationen, wo etwas Neues entsteht, ist es das Handeln selbst, das den Boden erzeugt. Erforderlich dafür ist eine Haltung, in der man sich vorsichtig vorantastet.

Also nachdenken? Grübeln wir nicht ohnehin viel zu viel?

Das würde ich bestreiten!

Warum?

Weil das meiste, was wir als Denken erleben, Routineprozesse sind. Wir folgen häufig vorgefertigten Denkprozessen, die wir irgendwann einmal von anderen übernommen haben. Damit wir uns nicht missverstehen: Wir benötigen diese Denkroutinen, weil wir ohne die Hilfe dieser Wiedererkennungsmuster nicht einmal die Straße überqueren könnten. Doch als aktives Denken würde ich das nicht bezeichnen.

Was sind unsere "Denk-Tretmühlen"?

Sehr verbreitet sind die Kategorien entweder-oder, richtig-falsch und gut-schlecht. Doch beispielsweise das Denkmuster richtig-falsch ist lediglich in Fällen angemessen, die festgelegten und wiederholbaren Mustern folgen, wie etwa Mathematikaufgaben. Da aber unser jeweiliges Leben einzigartig ist und zudem noch von niemandem vor uns gelebt wurde, sind die Begriffe richtig-falsch denkbar ungeeignet. Konkret bedeutet dies, dass es mir gar nicht möglich ist, herauszufinden, wie ich an dieser oder jener Stelle anders und zugleich objektiv richtig gehandelt hätte. Ähnlich verhält es sich mit den Beurteilungen gut-schlecht. Kennen Sie nicht auch Fälle, wo jemand entlassen wurde und zehn Jahre später sagt: "Das war das Beste, was mir jemals passiert ist"?

Durchaus. Aber spannender finde ich die Frage, was jemand konkret tun sollte, der seinen Job verloren hat.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-29 14:32:09
Letzte nderung am 2016-01-29 16:03:23



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