• vom 31.01.2016, 15:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Unsicherheit ist das kleinere Übel"




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (94)
  • Drucken
  • Leserbrief





"Ich beispielsweise kann rumsitzen und nichts tun".

"Ich beispielsweise kann rumsitzen und nichts tun".© Julia Baier "Ich beispielsweise kann rumsitzen und nichts tun".© Julia Baier

Ich glaube, dass wir die Frage nach pragmatischen Handlungsmöglichkeiten viel zu schnell stellen und darüber das Wesentliche vergessen. In Krisensituationen geht es zunächst einmal nicht darum, dass wir etwas aus unserem Leben machen - das Leben macht etwas mit uns. Wir wollen dann ganz schnell die Situation wiederherstellen, die wir vorher hatten und mit der wir uns auskannten. Aber wir haben eine existenzielle Erfahrung gemacht, die uns verändert hat. Wir sind nicht mehr dieselben, die wir vorher waren. Das muss man erst einmal begreifen. Die erste Frage, die es zu stellen gilt, ist daher nicht: "Was mache ich jetzt?", sondern: "Was macht diese Erfahrung mit mir?" Durch übereilten Aktionismus entstehen häufig mehr Probleme als Lösungen.

Ist es demnach für jemanden, der den Job verloren hat, sinnlos, möglichst schnell viele Bewerbungen zu schreiben?

Es mag durchaus spezielle Situationen geben, in denen das angebracht ist, aber meistens beginnen zufriedenstellende Veränderungen damit, dass wir uns selbst und unsere Lebenssituation besser verstehen. Denn Lebenskrisen oder Übergangssituationen sind ja gerade keine Standardsituationen, auf die man standardisiert reagieren könnte.

Woran hält man sich fest, wenn die alten Regeln nicht mehr gelten und die neuen noch nicht da sind?

In Krisenzeiten ist es von zentraler Bedeutung, mit etwas verbunden zu sein, das heil und stabil bleibt, während das eigene Leben in Trümmern liegt. Das können die Familie, stabile Freundschaften, aber auch ein intensives Naturerleben, Sport, Kunst oder Musik sein. Es muss etwas sein, das essenziell zu meinem Leben gehört, das aber nicht davon abhängt, ob es mir gerade gut geht oder schlecht, eben etwas, das den eigenen Schmerz für einen Moment in etwas Größerem aufhebt.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es in Krisen - gleich, ob individuell oder gesellschaftlich - darum geht, das Unvermeidliche anzunehmen. Klingt plausibel und gleichzeitig verdammt schwer.

Verständlicherweise. Doch Akzeptanz ist die Voraussetzung für den Neubeginn, wie der amerikanische Evolutionsbiologe und Geograph Jared Diamond in seinem Bestseller "Kollaps" eindrucksvoll belegen konnte. Während die Volksgemeinschaft der Inuit in Zeiten des Klimawandels die alten Ernährungsgewohnheiten ablegte und von Fleisch auf Fisch umstellte, lehnten die Wikinger Fisch als Nahrungsgrundlage ab. Die Inuit überlebten, die Wikinger starben aus. Nur wer die unangenehmen Tatsachen radikal anerkennt, kann auf ihrer Grundlage einen Ausweg finden.

Sie sehen die heutige Weltgemeinschaft in einer ähnlich prekären Lage. Warum fällt vielen Menschen der Wechsel der Perspektive so schwer?

Meiner Ansicht nach ist unser größtes Problem, dass wir das Individuum so stark in den Mittelpunkt gerückt haben. Das ist die große Errungenschaft der Aufklärung, bewirkt aber eine sehr starke Fixierung auf unser eigenes Leben. Darüber haben wir vergessen, dass wir nicht nur Indivi-

Information

Natalie Knapp wurde 1970 geboren, studierte in Freiburg im Breisgau Philosophie, Religionsphilosophie und Religionsgeschichte. Sie promovierte über Heidegger, Derrida und Rilke. Bereits während ihres Studiums begann sie beim Südwestrundfunk (SWR) zu arbeiten und war dort viele Jahre als Kulturredakteurin tätig.
Sie ist Gründungsmitglied des Berufsverbandes für philosophische Praxis, kommt aber gar nicht mehr dazu, als philosophische Beraterin zu arbeiten, weil ihre Vorträge so gefragt sind. Natalie Knapp lädt Zuhörer und Leser dazu ein, nicht nach einem strengen Ursache-Wirkungsprinzip, sondern vielmehr assoziativ und damit offener zu denken.
Im Rowohlt Verlag sind bisher drei Bücher von ihr erschienen: "Der unendliche Augenblick" (2015), "Kompass neues Denken" (2013) und "Der Quantensprung des Denkens" (2011).

SonjaPanthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin, Coach und Lehrerin in München.

duen sind. Wir sind alle auch Teil einer Epoche und Wesen, die über Beziehungen miteinander verbunden sind.

Da dürften Ihnen viele, die sich als Einzelkämpfer erleben, widersprechen.

Denen ist es halt nicht bewusst. Ich gebe Ihnen ein ganz einfaches Beispiel: Es gibt jede Menge Menschen, die Kleider von der Stange in irgendeiner Kette kaufen und glauben, damit ihrem individuellen Geschmack Ausdruck zu verleihen. Das ging mir früher auch nicht anders. Aber ich lebe in der Innenstadt von Berlin und wenn ich das Haus verlasse, gehe ich an Dutzenden Schaufenstern vorbei und denke häufig: Ach, das haben wir vor dreißig Jahren auch schon getragen!

So alt sind Sie ja noch gar nicht!

Aber alt genug, um die Wiederholungen mitzuerleben!

Kaufen Sie nie etwas Neues?

Doch, natürlich! Wie Sie sehen, ist mein Handy uralt, aber es funktioniert seit 15 Jahren - und mir fehlt nichts. Wissen Sie, ich sehe einfach nicht, wie ein Immer-mehr-Verbrauchen mit der steigenden Zahl von Menschen, die auf diesem Planeten leben, einhergehen soll. Das heißt, ich glaube wirklich, dass wir uns mit dem Weniger-Besitzen anfreunden müssen.

Wie reagiert Ihre Umwelt auf Ihren bewussten Konsumverzicht?

Ich bin weder hinterwäldlerisch noch missionarisch, falls Sie darauf anspielen sollten.

Ihre Freunde trauen sich also, Ihnen zu erzählen, dass sie bei Amazon einkaufen und über Airbnb Zimmer mieten?

Eigentlich ja. Wobei ich die Einkauferei bei Amazon wirklich nicht gut finde. Da könnte es durchaus passieren, dass ich eine Buchhandlung empfehle, die ihre Angestellten besser behandelt.

Viele begründen den Einkauf bei Amazon damit, dass sie gar keine Zeit mehr dazu finden, in eine Buchhandlung zu gehen.

Das liegt daran, dass uns Hast und Eile längst zur Gewohnheit geworden sind. Wir haben ein verkürztes Verständnis von Zeit entwickelt und glauben, dass die Zeit eine Art Raum ist. Ein leerer Raum, der in kleine Einheiten von Eimerchen namens Minuten und Stunden eingeteilt ist. In diese Eimerchen wollen wir möglichst viel hineinstopfen, um ein erfülltes Leben zu führen. Dabei wissen wir sehr wohl, dass wir nicht notwendigerweise viel erleben, wenn wir viel erledigen. Der Erledigungsmodus führt dazu, dass wir einzelne Ereignisse gar nicht mehr wahrnehmen, unsere Sinne verschließen und Scheuklappen aufsetzen, damit wir überhaupt in der Lage sind, all das abzuarbeiten, was wir uns vorgenommen haben. Am Ende des Tages haben wir dann viel erledigt, aber nichts erlebt. Deshalb erklärte der polnische Philosoph Jean Gebser, der leider viel zu schnell in Vergessenheit geraten ist, bereits um die frühe Mitte des letzten Jahrhunderts: "Wenn einer sagt, er habe keine Zeit, kann er ebenso gut sagen, er habe kein Leben."

Wie finden wir zu einem anderen Umgang mit der Zeit?

Zum Beispiel, indem ich mir eine halbe Stunde Zeit pro Tag nehme - dreißig Minuten, die ich nutzlos verbringe. Damit gebe ich der Verlangsamung in meinem Leben wieder Raum und mache die Erfahrung, dass diese halbe Stunde nicht dazu führt, weniger Zeit zu haben. Ich beispielsweise kann rumsitzen und nichts tun.


zurück zu Seite 1 weiterlesen auf Seite 3 von 3




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-01-29 14:32:09
Letzte nderung am 2016-01-29 16:03:23



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Was bleibt?
  2. Der musealisierte Nationalstaat
  3. "Konservieren hat mit Beziehungspflege
    zu tun"
  4. "Eine völlig neue Art des Arbeitens"
  5. "Geld allein ist das absolut Gute"
Meistkommentiert
  1. Was bleibt?
  2. Der musealisierte Nationalstaat
  3. "Geld allein ist das absolut Gute"
  4. "Eine völlig neue Art des Arbeitens"


Werbung


Werbung