• vom 13.02.2016, 14:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Aber die Liebe muss lebbar sein"




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Von Sonja Panthöfer

  • Der Philosoph Wilhelm Schmid erklärt den Zusammenhang zwischen Liebe und Atem, plädiert für eine Bewährung leidenschaftlicher Beziehungen im Alltag - und proklamiert ein Menschenrecht auf Bosheit und schlechte Laune.

- © Julia Baier

© Julia Baier

"Wiener Zeitung": Herr Schmid, eines Ihrer Bücher trägt den ebenso schönen wie anspruchsvollen Titel "Die Liebe atmen lassen". Schwer tun wir uns ja häufig mit beidem, mit der Liebe und dem Atmen. Beginnen wir mit Letzterem: Warum atmen wir verkrampft?

Wilhelm Schmid im Gespräch mit Sonja Panthöfer.

Wilhelm Schmid im Gespräch mit Sonja Panthöfer.© Julia Baier Wilhelm Schmid im Gespräch mit Sonja Panthöfer.© Julia Baier

Wilhelm Schmid: Weil wir keiner Tätigkeit mehr nachgehen, die uns zum Tiefatmen zwingt. In bäuerlicher Umgebung mussten die Menschen von früh bis spät so schwer arbeiten, dass sie gezwungenermaßen tief Luft holen mussten. Wir modernen Menschen hingegen sitzen vor Schreibtischen und an Computern, müssen demzufolge auch nicht mehr tief Luft holen. So ist uns das Flachatmen zur zweiten Natur geworden: Flatscreen, Flachatmer, wenn Sie so wollen (lacht).

Information

Wilhelm Schmid wurde 1953 geboren und studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Paris und Tübingen. Er promovierte mit einer Arbeit über "Lebenskunst bei Michel Foucault" und habilitierte sich mit der Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst.Schmid lebt seit vielen Jahren als freier Philosoph in Berlin und lehrt als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Viele Jahre lang war er als Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien sowie als "philosophischer Seelsorger" an einem Krankenhaus bei Zürich tätig.
2012 erhielt er den Meckatzer-Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie, ein Jahr später den Preis der Egnér-Stiftung in Zürich für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst.
Im Suhrkamp/Insel Verlag sind zuletzt folgende Bücher von ihm erschienen: "Vom Nutzen der Feindschaft" (2015); "Sexout. Und die Kunst, neu anzufangen" (2015); "Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden" (2014); "Die Liebe atmen lassen" (2013).
Wilhelm Schmid ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder.

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin, Coach und Lehrerin in München.

Wofür steht der Atem?

Wenn wir nicht mehr atmen, sind wir tot. Was daran liegt, dass kein Sauerstoff mehr zugeführt wird. Und wenn dies der Fall ist, kann keine Energie mehr für den Körper umgewandelt werden. Der Atem ist also der Energiespender schlechthin. Es scheint, dass die Menschen in früheren Zeiten noch ein Wissen um die Bedeutung des Atems hatten, was sich in den alten Begriffen, griechisch pneuma, und lateinisch spiritus, für Atem und Lebenshauch zeigt.

Das Atmen ist ein körperlicher Vorgang. Sie sagen, dass wir zu unserem Körper ein Verhältnis wie zu einem Haustier haben. Wie meinen Sie das?

Na ja, wie geht man mit einem Haustier um? "Hasso, komm her! Hasso, leg’ dich!" (lacht) Das heißt, wir erteilen dem Körper Befehle und er hat zu gehorchen. Das jedoch ist eine Missachtung des Körpers, nichts anderes. Andere wiederum ignorieren ihren Körper entweder weitgehend oder verwöhnen ihn nach Kräften. Gerade Männer neigen dazu, Schmerzen und Krankheiten als Niederlagen zu betrachten und sie wie Feinde zu bekämpfen oder hypochondrisch zu überhöhen. Doch unser Körper ist kein Haustier, sondern im besten Falle ein Freund.

Was heißt Freundschaft mit dem Körper?

Es heißt nicht, den Körper zu vergöttern, das wäre keine Freundschaft. Verachte ich meinen Körper? Auch das ist keine Freundschaft. Es ist also etwas, das weder mit Vergötterung noch mit Verachtung zu tun hat. Wofür ich plädiere und arbeite, das ist eine Körperkultur. Darunter verstehe ich, den Körper zu achten, ihn aufmerksam, sensibel und pfleglich zu behandeln und ihn zugleich nicht zum Kult zu machen.

Auffallend ist, wie häufig der Atem als Metapher in Ihren Büchern auftaucht. Sind Ihre Bücher letztlich eine Philosophie des Atmens?

Das Atmen ist eine organische Metapher dafür, was, etwas nüchterner formuliert, nichts anderes als Polarität des Lebens bedeutet. Wesentlich für das Leben ist die Einsicht, dass wir es auf Schritt und Tritt mit Gegensätzen zu tun haben. Eine Metapher dafür und zugleich eine reale Erfahrung ist das Atmen. Das Atmen besteht im beständigen Hin und Her zwischen Gegensätzen. Wir atmen ein und wir atmen aus - das sind zwei sehr verschiedene Vorgänge, aber genau daraus besteht Leben.

Was sich auf die Liebe übertragen lässt?

Exakt! In der Liebe haben wir es mit zwei Phänomenen zu tun: Zum einen Freude, wir haben große Freude an- und miteinander. Zum anderen gehört Ärger zur Liebe dazu. Die Menschen - insbesondere die heutigen Menschen - neigen dazu, nur die positive Seite erleben zu wollen. Doch das ist so, als ob man immer nur einatmen wollte. Das Beste, was wir tun können, ist, zwischen beiden Polen hin- und herzupendeln. Mit beidem einverstanden zu sein und sich nicht zu beklagen, wenn es nach einer euphorischen Zeit auch wieder Ärger gibt.

Wie liebt ein Flachatmer?

"Ich würde mich als pragmatischen Romantiker bezeichnen" (Wilhelm Schmid).

"Ich würde mich als pragmatischen Romantiker bezeichnen" (Wilhelm Schmid).© Julia Baier "Ich würde mich als pragmatischen Romantiker bezeichnen" (Wilhelm Schmid).© Julia Baier

Wenn wir Flachatmer wären, ließe sich das noch aushalten. Aber in der Liebe sind wir Atemverweigerer. Es muss sich daher niemand wundern, wenn die Liebe abstirbt. So ist es nun mal, wenn wir nicht mehr atmen.

Was heißt das für die Liebe?

Wir sind davon überzeugt, dass Liebe vor allem von Gefühlen abhängig ist. Doch jeder, der jemals geliebt hat, dürfte bestätigen können, sofern er aufrichtig zu sich selbst ist: In der Liebe sind Gefühle mal da und mal sind sie nicht da. Wie lange bleiben die Gefühle aus? Manchmal Stunden, da wächst bereits die Unruhe. Doch es können auch Tage sein, die Unruhe wird größer. Es können jedoch auch Wochen, Monate, ja sogar Jahre ohne Gefühle vergehen. Länger als drei Jahre sollten wir allerdings nicht warten.

Sprechen Sie aus Erfahrung?

Auch, ja (lacht). Doch wir sind moderne Menschen und nach einer gewissen Zeit darf auch wieder Neues kommen. In vormodernen Zeiten konnte man auch ein Leben lang warten. Damals hat allerdings auch niemand erwartet, dass die Liebe mit Gefühlen verbunden ist. Es handelt sich dabei um eine moderne Idee, die ich nicht in Abrede stellen will.

Wie kommen wir über die Zeiten hinweg, in denen die Liebe ausbleibt?

Indem wir die Liebe zu einer Entscheidung machen. Ich entscheide mich, mit diesem Menschen zusammen zu sein, auch wenn die Gefühle ausbleiben oder noch gar nicht da sind. In früheren Zeiten wurde die Bindung von außen, durch Tradition, Religion und dergleichen gewährleistet. Heute muss jeder Einzelne diese Entscheidung für sich treffen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-12 14:23:09
Letzte Änderung am 2016-02-12 14:43:18



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