• vom 19.06.2016, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 13.02.2017, 11:44 Uhr

Interview

"Es ist erstaunlich, wie viel Menschen aushalten"




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Von Sonja Panthöfer

  • Die Psychotherapeutin Andrea Kerres spricht darüber, wann der Begriff "Trauma" wirklich angemessen ist, was ihn physiologisch und psychologisch ausmacht - und wie man lernen kann, mit Belastungsstörungen zu leben.

- © Dieter Mayr

© Dieter Mayr



"Wiener Zeitung": Beim Juniormarathon kürzlich in Linz haben sich erschreckende Szenen abgespielt. Verbissene Eltern zerrten ihre drei- bis vierjährigen Schützlinge über die Ziellinie. Sind diese Kinder tatsächlich traumatisiert, wie es danach hieß?

Andrea Kerres: Nein, sicherlich nicht. Zweifellos mag dies eine schwierige Situation gewesen sein, nun jedoch gleich von traumatisierten Kindern zu sprechen, halte ich für stark übertrieben. Was sich an diesem Beispiel zeigt, ist, dass der Begriff "Trauma" mitunter inflationär verwendet wird.

Information

Andrea Kerres, Jahrgang 1964, leitet den Studiengang Pflegepädagogik an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München. Die Arbeit mit traumatisierten Menschen ist ein Schwerpunkt in ihrer Arbeit als niedergelassene Psychotherapeutin. Sie sitzt im Vorstand des Traumahilfe-Netzwerks Augsburg und Schwaben, das jährlich rund 800 traumatisierte Menschen unbürokratisch unterstützt. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit sind Informationsveranstaltungen und Seminare, in denen die Psychologin gemeinsam mit Maria Johanna Fath, der Initiatorin des Netzwerks, Wissen über die Entstehung und Folgen von Traumata vermittelt. Im vergangenen Jahr haben die Trauma-Expertinnen vor allem bei Menschen, die mit traumatisierten Flüchtlingen arbeiten, einen rapide wachsenden Bedarf an Information und Wissen festgestellt. Die Seminare für Ehrenamtliche und pädagogische Fachkräfte sind stets ausgebucht.

Andrea Kerres war über viele Jahre hinweg Missbrauchsbeauftragte der Diözese Augsburg und ist in dieser Funktion für den Salesianer-Orden tätig. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe von Augsburg.

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin, Coach und Lehrerin in München.

Verliert der Begriff an Bedeutung, ähnlich wie Burnout oder Depression?

Sie haben insofern Recht, als die Diagnostik in der Alltagssprache an Schärfe verliert. Wir sind häufig voreilig mit der Diagnose Burnout bei der Hand, eine Depression hat bereits jeder, der einen schlechten Tag erwischt hat, und es kommt vor, dass Menschen das Sterben der eigenen Eltern als traumatisierend bezeichnen. In Wirklichkeit ist dies jedoch häufig eine Trauerreaktion, wie sie nach dem Verlust eines geliebten Menschen ebenso normal wie verständlich ist, aber sie zieht nicht automatisch eine Traumatisierung nach sich.

Trauma-Expertin Andrea Kerres (r.) im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer.

Trauma-Expertin Andrea Kerres (r.) im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer.© Dieter Mayr (3) Trauma-Expertin Andrea Kerres (r.) im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer.© Dieter Mayr (3)

Es ist also ein Trugschluss, dass uns schlimme Ereignisse zwangsläufig traumatisieren?

Manchmal vergessen wir schlicht, über wie viel positive Lebenserfahrung wir bereits verfügen. Denn wir müssen ja beides im Blick haben - einerseits erleben wir schreckliche Dinge, andererseits haben wir in der Regel schon viel Gutes erfahren. So belastend die Erfahrung für die Teilnehmer dieses Kinderlaufs gewesen sein mag, ist es ebenso gut wahrscheinlich, dass diese Kinder ansonsten fürsorgliche Eltern erleben, die mit ihnen viel kuscheln und sie trösten, wenn dies erforderlich ist. Solch positive Momente können ein belastendes Ereignis aufwiegen.

Beim Zugunglück in Bad Aibling (D) zu Beginn dieses Jahres waren Rettungskräfte überdurchschnittlich lange mit dem schweren Leid von Überlebenden konfrontiert und belastet, was bei vielen zu "sekundären Traumatisierungen" führte.

Beim Zugunglück in Bad Aibling (D) zu Beginn dieses Jahres waren Rettungskräfte überdurchschnittlich lange mit dem schweren Leid von Überlebenden konfrontiert und belastet, was bei vielen zu "sekundären Traumatisierungen" führte.© apa/dpa/Peter Kneffel Beim Zugunglück in Bad Aibling (D) zu Beginn dieses Jahres waren Rettungskräfte überdurchschnittlich lange mit dem schweren Leid von Überlebenden konfrontiert und belastet, was bei vielen zu "sekundären Traumatisierungen" führte.© apa/dpa/Peter Kneffel

Wovon hängt die Schwere eines Traumas ab?

Vom Alter des Menschen, von der Beziehungserfahrung, die man im Laufe des Lebens mit anderen macht, sowie von dem, was die Forschung als Resilienz bezeichnet, also der Fähigkeit, Krisen bewältigen zu können. Ein weiterer Faktor wäre, wie häufig man schlechte Erfahrungen verkraften musste. Handelt es sich um ein einmaliges Ereignis, spricht man von einem Monotrauma, während man bei vielen dramatischen Geschehnissen von einer Entwicklungstraumatisierung spricht. Insgesamt gilt: Je mehr belastende Situationen sich anhäufen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung.

Was sind Trauma-Auslöser?

Andrea Kerres: "Der Körper trägt die Last des Traumas, denn die Spannung,. die ich in einer traumatischen Situation erlebt habe, sitzt noch in meinem Körper, der nicht einfach sagen kann: Es ist vorbei."

Andrea Kerres: "Der Körper trägt die Last des Traumas, denn die Spannung,. die ich in einer traumatischen Situation erlebt habe, sitzt noch in meinem Körper, der nicht einfach sagen kann: Es ist vorbei."© Dieter Mayr Andrea Kerres: "Der Körper trägt die Last des Traumas, denn die Spannung,. die ich in einer traumatischen Situation erlebt habe, sitzt noch in meinem Körper, der nicht einfach sagen kann: Es ist vorbei."© Dieter Mayr

Es sind lebensbedrohliche und zumeist plötzlich auftretende Situationen, in denen wir uns hilflos und ohnmächtig ausgeliefert fühlen. Es sind Momente von existenzieller Ohnmacht, in denen wir dem Hier und Jetzt zumindest physisch nicht entkommen können.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche bezeichnet es als ureigene Möglichkeit des Menschen, "sich vom Pflock des Augenblicks losreißen zu können". Ist es dieser Freiheitsmoment, der traumatisierten Menschen fehlt?

Ein interessanter Aspekt. In der Tat führt das Trauma dazu, dass ich in der Situation verhaftet bleibe und dadurch, dass ich weder kämpfen noch fliehen kann, vor Angst erstarre, wie der Volksmund sagt. Dieser Moment der Schutzlosigkeit wird als sogenannte "traumatische Zange" bezeichnet, da es unmöglich ist, der Situation durch reales Handeln zu entkommen. In dieser Ausweglosigkeit ist das Gehirn dazu gezwungen, seine Wahrnehmung zu verändern und auf uralte Überlebensstrategien zurückzugreifen.

Nämlich?

Das Gehirn kann die bedrohliche Erinnerung nicht als Ganzes abspeichern, sondern fragmentiert sie, unterteilt sie also in kleine Stücke. Der Kinder- und Jugendpsychiater Lutz-Ulrich Besser hat für dieses Phänomen das Bild vom zersplitterten Spiegel geprägt, dessen Einzelteile unverbunden im Gedächtnis abgelegt werden. Auf diese Weise wird das Erlebte zwar aushaltbarer, führt jedoch zugleich dazu, dass sich ein Mensch häufig nur an Bruchstücke erinnert, was für den Betroffenen bedrohlich sein kann. Das Trauma an sich ist jedoch keine Krankheit, kann aber zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Diese Symptome, zu denen u.a. Depression, Schlafstörungen, Übererregungs- und Angstzustände zählen, können sich übrigens auch bei Menschen zeigen, die mit Traumatisierten zu tun haben. In der Fachsprache nennt man das sekundäre Traumatisierung. Erinnern Sie sich an das Zugunglück von Bad Aibling zu Anfang dieses Jahres?

Sie meinen das tragische Unglück in Bayern mit mehren Toten und vielen Verletzten, bei dem zwei Personenzüge frontal zusammenstießen.

Richtig. Doch wissen Sie, was zur Tragik dieses Ereignisses noch hinzukam? Weil die Schwerverletzten nur unter erschwerten Bedingungen aus den Trümmern gerettet werden konnten, waren die Rettungskräfte überdurchschnittlich lang mit dem schweren Leid der Überlebenden konfrontiert. Neurobiologisch bedingt, d.h. aufgrund unserer Spiegelneuronen im Gehirn, geht es nicht spurlos an uns vorüber, wenn wir mit ansehen müssen, wie andere unter ihren Schmerzen leiden. Und je länger das der Fall ist, desto belastender wird es. Davon betroffen sein können so unterschiedliche Personenkreise wie etwa Feuerwehrleute oder Krankenschwestern, aber auch Ehepartner.

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Dokument erstellt am 2016-06-17 14:35:14
Letzte ─nderung am 2017-02-13 11:44:41



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