• vom 26.06.2016, 14:00 Uhr

Zeitgenossen


Psychologie

"Wer bin ich ohne Handy und Medien?"




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Von Rudolf Stumberger

  • 40 Jahre nach Erscheinen von Erich Fromms Bestseller "Haben oder Sein" spricht der Psychoanalytiker Rainer Funk über die Aktualität des Buches und über heutige Probleme, mit denen er in seiner Praxis konfrontiert ist.

Rainer Funk war sechs Jahre lang Assistent des Sozialpsychologen Erich Fromm - und ist nun dessen Nachlassverwalter. - © privat

Rainer Funk war sechs Jahre lang Assistent des Sozialpsychologen Erich Fromm - und ist nun dessen Nachlassverwalter. © privat

"Haben oder Sein"-Autor Erich Fromm im Jahr 1974.

"Haben oder Sein"-Autor Erich Fromm im Jahr 1974.© Müller May/Funk "Haben oder Sein"-Autor Erich Fromm im Jahr 1974.© Müller May/Funk

"Wiener Zeitung": Erich Fromms Buch "Haben oder Sein" ist vor 40 Jahren, also 1976, erschienen und wurde schnell ein sehr großer Erfolg, es wurde regelrecht zu einem Kultbuch. Warum stieß es auf so große Resonanz?

Rainer Funk: Die meisten Leute haben es damals verstanden als einen Aufruf weg vom kapitalistischen Denken, quasi als eine Art Bibel für postmaterialistische Werte. In der breiten Öffentlichkeit war eine große Bereitschaft spürbar, nach Alternativen zur Wohlstandsgesellschaft zu suchen. Es war die Zeit des Ausprobierens: Öko-Landwirtschaft, Kommunen, alternative Lebensweise. Der Grundtenor lautete: weg von diesem materialistischen Streben. Fromm hat mit diesem Buch den Zeitgeist getroffen. Allerdings wurde die psychologische Dimension des Buches oft nicht verstanden. Die damalige Interpretation ging in Richtung Askese, Verzicht - und das war überhaupt nicht die Intention von Fromm gewesen. Er saß im schönen Locarno, war mit einer reichen Amerikanerin verheiratet und lebte keineswegs asketisch. In "Haben oder Sein" geht es vielmehr um zwei Grundeinstellungen zum Leben: Entweder man orientiert sich an etwas, an dem man sich festhalten kann, an Dingen, und damit ist immer eine Orientierung von außen nach innen gemeint. Oder man lebt aus seinen eigenen geistigen, emotionalen und körperlichen Kräften heraus und steht so quasi auf eigenen Füßen.

Rainer Funk

Rainer Funk© Stumberger Rainer Funk© Stumberger

Wie aktuell ist "Haben oder Sein" heute noch?

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Die Aktualität hängt davon ab, wie man diese Alternative versteht. Geht man von dem Verständnis von vor 40 Jahren aus, nämlich, dass die Menschen von einer großen Habgier bestimmt sind, dann stimmt das in Einzelfällen auch heute noch. Die breite Bevölkerung ist aber nicht habgierig. Im Gegenteil, die heranwachsende Jugend hat es mit dem Teilen und will alles gemeinsam machen. Sieht man die Botschaft des Buches so, wie die meisten es vor 40 Jahren verstanden haben, dann würde ich sagen, ist es ein Buch der Vergangenheit. Wenn man es aber von der psychologischen Ebene her begreift, so wie Fromm das Buch auch gemeint hat, dann ist es immer noch sehr aktuell. Die Orientierung am Sein meint eben keine Orientierung am Nicht-Haben, sondern an den mir eigenen körperlichen, geistigen und psychischen Fähigkeiten. Am Sein orientiert zu sein, meint, selbst zu denken, selbst zu fühlen, selbst zu wollen, selbst zu urteilen, ein eigenes Interesse zu spüren und aus eigenen Antrieben zu leben. Versteht man das Buch so, dann hat es eine ganz hohe Aktualität, weil über die neuen medialen Möglichkeiten wir in zunehmenden Maße von außen nach innen leben.

Man muss auch die Frage der Orientierung am Haben von der Gegenwart aus stellen und fragen: Was bedeuten uns heute die sozialen Medien, was bedeuten uns die Unterhaltungsmedien? Wie sehr definieren sie mein Fühlen, mein Denken? Was und wer bin ich ohne diese Medien? Was kann ich noch mit mir und anderen anfangen, wenn ich kein Handy habe, keine Unterhaltungsmöglichkeiten? Kann ich aus mir selbst schöpfen und sein?

Mit welchen Leiden kommen die Menschen heute zu Ihnen in Psychotherapie?

In der Regel geht es darum, dass sie mit den realen Anforderungen, mit der Arbeitswelt, in Beziehungen, in der Erziehung, nicht mehr richtig klar kommen. Das heißt, dass sie sich getrieben fühlen und in eine Beschleunigung hineingeraten, die sie immer hektischer werden lässt und unter Druck bringt. Das führt dazu, dass dieses beschleunigte Leben irgendwie aus der Bahn gerät. Aus psychologischer Perspektive kommt es dann zu dem, was man heute gern "Burn Out" nennt: Angst- und depressive Störungen mit einer ganz eigenen Dynamik. Jede Kraft, jede Energie geht verloren, die Leute sind völlig "ausgepowert".

Das hat ja wohl weniger mit der individuellen Situation der Menschen als mit dem zu tun, was in unserer Gesellschaft vor sich geht?

Heute soll jeder sein eigener "Unternehmer" sein - und das überfordert die Menschen. Beruf heißt heute, Höchstleistungen zu bringen. Aus meiner therapeutischen Erfahrung würde ich sagen, dass psychische Krankheiten heute viel mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun haben. Deshalb spielt in der Therapie die reale Arbeitssituation der Patienten eine große Rolle, denn diese Situation wirkt sich ja auf die innerpsychische Dynamik aus.

Kann man wirklich sagen, dass sich soziale und wirtschaftliche Verhältnisse als Spuren in den psychischen Befindlichkeiten wiederfinden?

Fromm konnte zeigen, dass sich die Verhältnisse in den psychischen Strukturen - in dem, was er "Charakter" nennt - wiederfinden. Als Fromm den "autoritären Charakter" untersuchte, war die Beziehung klar. Dort der autoritäre Fabrikant - und da der unterwürfige Arbeiter oder Angestellte, dem gar nichts anders übrig blieb, als zu gehorchen. Bei dem späteren "Marketing-Charakter" ging es dann vor allem um die Anpassung an den Markt und darum, sich selbst am besten zu verkaufen. Dieser Charakter reagiert wie ein Chamäleon auf die sich ändernden Anforderungen der Umwelt. Die Frage ist, zu welcher Sozialcharakterbildung es heute kommt.

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Dokument erstellt am 2016-06-24 15:05:11
Letzte ─nderung am 2016-06-24 15:11:08



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