• vom 27.08.2016, 13:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Wo bleibt der Aufschrei der Informatiker?"




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Von Saskia Blatakes

  • Peter Reichl, Informatik-Professor an der Uni Wien, kritisiert unsere Abhängigkeit von Technologien und fordert mehr Verantwortung der Wissenschaft ein.

Peter Reichl wurde 1967 geboren, studierte Mathematik, Physik und Philosophie in München und Cambridge. Seit zwei Jahren ist der gebürtige Bayer Professor für Informatik an der Universität Wien, wo er sich vor allem mit kooperativen Systemen befasst. - © Luiza Puiu.

Peter Reichl wurde 1967 geboren, studierte Mathematik, Physik und Philosophie in München und Cambridge. Seit zwei Jahren ist der gebürtige Bayer Professor für Informatik an der Universität Wien, wo er sich vor allem mit kooperativen Systemen befasst. © Luiza Puiu.

"Wiener Zeitung": Herr Professor Reichl, Sie sind Informatiker, haben aber kein Smartphone. Wie passt das zusammen?

Peter Reichl: Sie glauben mir wohl nicht? (Lacht und zeigt sein Mobiltelefon, ein älteres Modell ohne Touchscreen.) Ein fantastisches Stück Technik: Man kann damit telefonieren, und das genügt mir. Zurzeit wundere ich mich über Studierende, die herumlaufen, auf ihr Telefon starren und Pokémon spielen.


Reizt Sie das nicht?

Ich finde es als Phänomen faszinierend. Erwachsene Menschen rennen herum, sobald etwas auf einem kleinen Bildschirm blinkt, und tun Sachen, die sie ansonsten niemals tun würden. Wir haben ein Projekt, wo wir Diabetes 2-Patienten zu mehr Bewegung motivieren wollen, mit Hilfe von Gamification. Ein Doktorand hat sich ein Art Stadt-Monopoly überlegt, bei dem man um Häuser herumgehen muss, damit sie einem "gehören". Die Idee von solchen Spielen ist natürlich genial, weil sich die Macher überlegt haben, was den Leuten aus ihrer Kindheit geblieben ist, und das aktivieren sie wieder. Ein toller Marketing-Trick.

Sie haben auch kein Facebook-Profil. Was stört Sie denn an den Neuen Medien?

"Musik ist eine Sprache, gewisse Sachen auszudrücken, die man anders nicht sagen kann", meint der leidenschaftliche Pianist und ehemalige Sänger Peter Reichl.

"Musik ist eine Sprache, gewisse Sachen auszudrücken, die man anders nicht sagen kann", meint der leidenschaftliche Pianist und ehemalige Sänger Peter Reichl.© Luiza Puiu "Musik ist eine Sprache, gewisse Sachen auszudrücken, die man anders nicht sagen kann", meint der leidenschaftliche Pianist und ehemalige Sänger Peter Reichl.© Luiza Puiu

Dass sie Zeit rauben. Der Durchschnittsmensch verbringt mehrere Stunden pro Tag auf Facebook. Eine Wagner-Oper dauert vier Stunden. Wenn ich täglich in eine Oper gehe, erklärt man mich für verrückt. Wenn ich dieselbe Zeit auf Facebook verbringe, wundert das niemanden. Ich selber habe diese Zeit einfach nicht. Da mache ich lieber Musik. Außerdem gibt mir das für meine Arbeit als Wissenschafter eine gesunde Distanz. Mein wichtigster Lehrer in Cambridge war ein Pionier in der Modellierung von Telefonnetzen - und konnte selbst keine Telefone aushalten. Das Klingeln hat er gehasst! Ich will daraus aber auch kein Dogma machen. Die Dinger sind schon praktisch, zum Beispiel, um sich zu orientieren. Und es ist absolut erstaunlich, wie unglaublich schnell sie unsere Welt verändert haben. Neulich ist mir aufgefallen, dass man kaum noch reale Stadtpläne findet.

War das nicht abzusehen? Nicht umsonst spricht man von einer Digitalen Revolution.

Nein, das sehe ich anders. Für mich ist das ein absolut überraschendes und unglaublich schnelles Wachstum. Vor allem ist die Entwicklung alles andere als li-near. Wir wissen überhaupt nicht, wo es hingeht. Kant hat dagegen vierzig Jahre an seinen Büchern geschrieben - und nach 200 Jahren hat man sie verstanden. Das waren doch eher unsere gewohnten Dimensionen.

Das Internet verändert vor allem auch die Demokratie, Stichwort "Hochgeschwindigkeitsdemokratie". Die Informatiker sind in dieser Debatte seltsam leise.

Ich wurde jüngst zu einer Enquete-Kommission des Bundesrats zum "Digitalen Wandel" eingeladen. Dort trifft man dann eine Reihe von erfahrenen Politprofis und redet über die Welt der Zwanzigjährigen. Aber kaum jemand aus der akademischen Welt befindet sich darunter. Man muss doch auch Leute mit einbeziehen, die es betrifft und die sich damit auskennen. Das sind zum Beispiel Informatik-Studierende. Ich habe das dann in ein Seminar eingebracht, und jetzt entwickeln wir gerade mit drei Studierenden eine neue Online-Plattform für E-Partizipation. Da gibt es zwar schon einige, aber die kranken daran, dass Informatiker programmieren, was sie sich unter Demokratie vorstellen. Wir versuchen jetzt etwas anderes. Wir haben Parlamentarier und Interessenvertreter gefragt, wie sie so eine Plattform überhaupt nutzen würden, damit der Input der Bürger auch tatsächlich eine Wirkung hat und irgendwann zu Gesetzen führt. Was mir besonders gefällt: Wir verwenden dabei ein Online-Tool, um die Wirkung von Online-Tools zu erforschen.

Sind Sie als kritischer Informa-tiker in der Minderheit?

Ja. Wo bleibt der Aufschrei der Informatiker? Bis jetzt fragen das viel zu wenige. Es gibt zwar zögerliche Kritik, wie etwa vom Internet-Pionier Jaron Lanier, der einen neuen Humanismus fordert, oder auch der letztes Jahr plötzlich aufbrechende Skeptizismus von Apple-Mitbegründer Steve Wozniak. An der WU forscht meine Kollegin Sarah Spiekermann dazu und schreibt auf ihrem Blog über die "ethische Maschine". Aber ansonsten ist es überraschend still. Ohne eine breite Debatte werden wir von der Realität schlicht überrollt werden. Wir müssen die "anti-kopernikanische" Wende dringend aus dem wissenschaftlichen Diskurs hinaus in die gesellschaftliche Diskussion tragen.

Was meinen Sie damit?

Es geht darum, den Faktor Mensch zurück ins Zentrum zu rücken und zu fragen: Für wen ist die Technologie denn eigentlich da? Ein Beispiel: Für einen Informatiker ist die Verwendung von vielen Passwörtern kein Problem, weil er ja selbst in Algorithmen denkt. Nicht-Informatiker tun sich hingegen schwer damit. Man denke nur an jenes legendäre Fernseh-Interview auf TV5, wo im Hintergrund an der Wand die Passwörter der gesamten Redak-tion zu lesen waren.

Der Nutzer ist die Schwachstelle jedes Sicherheitssystems. Eine alternative Lösung wäre zum Beispiel eine "smarte" Armbanduhr, die meinen Herzschlag erkennt und weiß: Das bin ich. Dann müsste man nicht dreißig Mal am Tag das Passwort ins Handy eingeben. Technik muss intuitiv sein.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-25 18:11:19
Letzte Änderung am 2016-08-25 18:26:01



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