• vom 29.10.2016, 14:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Menschenzüchtung ist völlig unrealistisch"




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Von Ingeborg Hirsch

  • Der Stammzellen-Experte Jürgen Knoblich über medizinische Hoffnungen, die mit seinem Forschungszweig verbunden sind, und über absurde Vorstellungen, Vorwürfe und Ängste.

Zählt mit seinen Arbeiten zu den international renommiertesten Forschern: Jürgen Knoblich. - © Michael Janousek

Zählt mit seinen Arbeiten zu den international renommiertesten Forschern: Jürgen Knoblich. © Michael Janousek



Querschnitt eines im Bioreaktor hergestellten, vollständigen (rund 4 mm großen) Minihirns ("Organoid") mit verschiedenen Regionen: Zellen (blau), neuronale Stammzellen (rot) und Neuronen (grün).

Querschnitt eines im Bioreaktor hergestellten, vollständigen (rund 4 mm großen) Minihirns ("Organoid") mit verschiedenen Regionen: Zellen (blau), neuronale Stammzellen (rot) und Neuronen (grün).© IMBA/Madeline A. Lancaster & Jürgen Knoblich Querschnitt eines im Bioreaktor hergestellten, vollständigen (rund 4 mm großen) Minihirns ("Organoid") mit verschiedenen Regionen: Zellen (blau), neuronale Stammzellen (rot) und Neuronen (grün).© IMBA/Madeline A. Lancaster & Jürgen Knoblich

"Wiener Zeitung": Herr Professor Knoblich, was sind Stammzellen?

Jürgen Knoblich: Stammzelle ist ein Sammelbegriff für sehr viele Zellen, die alle etwas gemeinsam haben, nämlich, dass sie sich teilen und erneuern können. Zunächst muss man zwischen em-bryonalen und adulten Stammzellen unterscheiden. Die embryonalen sind pluripotent, das heißt, sie können alle Gewebe im Körper herstellen. Diese embryonalen Stammzellen sind ein Zwischenprodukt unserer Embryonalentwicklung, damit ein Em-bryo wachsen und ausreifen kann. Dem gegenüber stehen adulte Stammzellen, die es in so gut wie jedem Gewebe gibt, also in der Haut etwa Hautstammzellen, die permanent das Hautgewebe erneuern. Im Darm gibt es Darmstammzellen, die innerhalb von einer Woche mehr oder weniger den kompletten Darm austauschen. Und auch in unserem Gehirn gibt es Stammzellen, die sich vielleicht einmal pro Woche teilen und neue Nervenzellen erzeugen können.

Information

Jürgen Knoblich wurde 1963 in Memmingen (D) geboren und hat in Tübingen und London Biochemie und Molekularbiologie studiert. Nach mehreren Auslandsaufenthalten führte ihn sein Weg an das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien, dessen stellvertretender wissenschaftlicher Direktor er heute ist. Knoblich ist einer der international renommiertesten Stammzellforscher. Er erhielt für seine Arbeiten den Wittgenstein- und den Erwin-Schrödinger-Preis und ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften. 2013 erzielte seine Forschergruppe weltweites Aufsehen: Es war ihr gelungen, aus neuronalen Stammzellen erbsengroße dreidimensionale Strukturen (= Organoide) zu züchten, anhand deren die ersten drei Monate der embryonalen Hirnentwicklung des Menschen und mögliche Fehlentwicklungen nachvollzogen werden können. (Bisher hatte man sich hauptsächlich an Mäusemodellen orientiert, allerdings verläuft die Hirnentwicklung bei Mensch und Maus in einigen Arealen völlig unterschiedlich.) Das Medienecho war enorm, mehr als 1000 Artikel erschienen über diese Arbeit, neben hochrangingen Publikationen wurde sie von "Science" zu den zehn wichtigsten Forschungsergebnissen des Jahres erklärt. Schnell hatte sich in einigen Boulevard-Medien ein griffiger Name für die CNS-Organoide etabliert: "Mini-Hirne aus der Retorte". Die Konnotation zu Frankensteins Experimenten war nicht mehr weit und führte trotz gründlicher Vor- und Aufbereitung des Themas zu verstörenden Reaktionen in sozialen Netzwerken, was die Kluft zwischen dem schnellen wissenschaftlichen Fortschritt und dem hinterherhinkenden gesellschaftlichen Diskurs auf breiter Ebene aufzeigt.

Ingeborg Hirsch, geboren 1966, ist Biologin und arbeitet als freie Autorin und Lektorin in Wien.


"Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und möchte auch meinen Eltern erzählen können, was ich tue." Jürgen Knoblich

"Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und möchte auch meinen Eltern erzählen können, was ich tue." Jürgen Knoblich© Michael Janousek "Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und möchte auch meinen Eltern erzählen können, was ich tue." Jürgen Knoblich© Michael Janousek

So hat jedes Gewebe seine eigenen Stammzellen - und die sind quasi ein Perpetuum mobile für zelluläre Ersatzteile, und das macht sie für die Medizin so interessant.

So überlegt, hat ein Mensch sehr viele verschiedene Alter: Der Darm ist etwa jünger als die Zähne. Kann man das so sehen?

Die Darmzellen sind vielleicht jünger, aber das Alter unseres Körpers ist eine Systemeigenschaft. Es ist ja nicht so, dass unsere Zellen nur deswegen altern, weil sie verbraucht werden. Das Altern ist ein gezielter Prozess, unser Körper braucht sich selbst auf und entscheidet sich ganz bewusst, Dinge kaputt zu machen, das ist leider so. Es ist in der Natur so gewollt, dass wir älter werden.

Heißt das, dass man sich mit einer Stammzelltherapie nicht jünger machen kann?

Zumindest nicht den ganzen Körper; das Altern ist ein gewollter Prozess, den man auch mit Stammzellen nicht unbedingt aufhalten kann. Es gibt Abnutzungserscheinungen im Laufe des Alterns, unsere Haut verändert sich, Nervenzellen sterben ab, und diesen Defekten könnte man theoretisch mit Stammzellen begegnen. Aber ich glaube, dass das Poten- tial der Stammzellen nicht darin liegt, gesunde Menschen jünger zu machen, sondern bei Menschen mit schweren und schwersten Krankheiten einzelne Organe funktionell wieder herzustellen.

Eine Leberzirrhose, zum Beispiel, ist eine schreckliche Krankheit, und es gibt als Behandlung nur die Möglichkeit einer Lebertransplantation. Jeder, der mit dieser Situation konfrontiert ist, weiß, wie unglaublich schwer ein Spenderorgan zu bekommen ist. Da gibt es nun Hoffnungen in der Stammzellforschung, dass man ein Organ oder Teile davon in Kultur herstellen und damit das kranke Organ ersetzen kann.

Das ginge dann in Richtung personalisierte Medizin und Ersatzteilproduktion: Wie weit ist diese Entwicklung fortgeschritten?

Ich mag das Wort "Ersatzteilmedizin" nicht, weil es ein bisschen einen abfälligen Unterton hat. Wenn man irgendwann einmal Diabetes Typ 1 heilen kann, indem man funktionierende Inselzellen (Insulin-produzierende Zellen, Anm.) züchten und dem Patienten geben kann, wird man wahrscheinlich erkennen, dass das Ganze ein unglaublicher Durchbruch ist.

Der aktuelle Stand ist, dass man im Labor Hautgewebe aus Hautstammzellen züchten kann, das bei großen schweren Brandverletzungen oder bei bestimmten Formen der Schmetterlingskrankheit dem Patienten transplantiert wird. Aber ansonsten gibt es, was den Ersatz kompletter Gewebe und Körperteile betrifft, keine Art der Therapie, die wirklich routinemäßig in der Klinik angewandt würde. Es gibt eine Reihe von Erfolg versprechenden Studien, und man wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren sehr viel davon hören, aber im Augenblick ist es nicht soweit, dass man ins Krankenhaus gehen und sagen kann, dieser Körperteil ist verletzt und ich möchte ihn durch Stammzellen ersetzt haben.

In welchen Bereichen zeichnen sich Erfolge ab?

Bei Makula-Degeneration (Erkrankung der Netzhaut des Auges, Anm.) gibt es klinische Studien, in denen eine neue Netzhaut gezüchtet oder auch embryonale Stammzellen in die kranke Netzhaut eingebracht werden. Es gibt vielversprechende Versuche, Knorpelgewebe durch adulte Stammzellen wieder heranzuziehen und für beschädigte oder abgenutzte Strukturen einzusetzen. Und bei der Parkinson-Erkrankung, bei der ganz bestimmte Neuronen absterben, kann man im Labor aus Stammzellen neue Nervenzellen herstellen. Ins Gehirn eingebracht - und das ist sehr interessant -, wandern sie an die richtige Stelle und ersetzen die erkrankten Neuronen.

Wie kommt man als Forscher an embryonale Stammzellen?

Bei einer künstlichen Befruchtung wird im Labor eine Eizelle mit einem Spermium zusammengebracht, man lässt die befruchtete Zelle ein oder zwei Teilungen machen, bevor sie in die Gebärmutter eingepflanzt wird. Weil die Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter nicht immer funktioniert, werden bei der In-vitro-Fertilisation gleich mehrere Eizellen befruchtet und eingefroren. War der Implantationsprozess erfolgreich, werden die überschüssigen Zellen entweder weggeworfen oder der Forschung überlassen. In Österreich ist eine solche Gewinnung von Stammzellen verboten, aber die Arbeit mit Stammzellen ist erlaubt. Wir arbeiten mit Stammzelllinien, die es seit Jahrzehnten gibt, die man einfrieren kann und die immer wieder weiter gezüchtet werden; dafür müssen keine Embryonen zerstört werden.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-28 13:35:11
Letzte nderung am 2016-10-28 14:14:34



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