• vom 12.11.2016, 13:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Werte sind ein Findelkind der Aufklärung"




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Von Sonja Panthöfer

  • Der Philosoph Andreas Urs Sommer über die Entstehung des Werte-Diskurses im 18. und 19. Jahrhundert - und warum er im Rechtspopulismus keine Gefahr für die Demokratie sieht.

Werte-Philosoph Andreas Urs Sommer im imaginären Dialog mit Friedrich Nietzsche.

Werte-Philosoph Andreas Urs Sommer im imaginären Dialog mit Friedrich Nietzsche.



"Wiener Zeitung": Herr Professor Sommer, jeder spricht über Werte, jeder glaubt an Werte, kurz: Werte sind uns wichtig. Wozu dienen sie?

Andreas Urs Sommer:Wir nehmen Werte dadurch wahr, dass wir über sie reden, sie dienen uns als Mittel der Kommunikation und der Selbstverständigung. Werte sind also kommunikative Wesenheiten, die wir uns über unser Miteinander-Reden und Miteinander-Handeln erschaffen. Interessant dabei ist, dass in der Kommunikation oft der moralische Aspekt im Vordergrund steht. Nehmen wir ein alltägliches Beispiel: Trinken Sie gern Kaffee?

Ja, und zwar herkömmlichen. Ist das schlecht?

Kommt drauf an. Wenn Sie Ihre Entscheidung mit ästhetischen oder ökonomischen Werten begründen, weil Ihnen der herkömmliche Kaffee besser schmeckt und/oder aber billiger ist, könnte ich Ihnen entgegenhalten, dass Sie allein aus Gründen der Gerechtigkeit Fair-Trade-Kaffee trinken müssten.

Ich spüre gerade, dass sich mein schlechtes Gewissen meldet.

Philosoph Sommer im realen Dialog mit Sonja Panthöfer.

Philosoph Sommer im realen Dialog mit Sonja Panthöfer.© Andreas Wirthensohn Philosoph Sommer im realen Dialog mit Sonja Panthöfer.© Andreas Wirthensohn

Das schlechte Gewissen ist ein Mittel, Menschen zu etwas zu bewegen, was sie von sich aus nicht tun würden, und es ist im jüdisch-christlichen Kulturkreis besonders prominent. Wenn Sie den Menschen lange genug klar gemacht haben, dass das, was sie tun, böse ist, internalisieren sie dies, selbst wenn keine unmittelbare Strafe droht. Das heißt, sie verlagern die wertende Strafinstanz nach innen.

In Ihrem Fall könnte das heißen, dass Sie künftig womöglich Fair-Trade-Kaffee trinken. Das schlechte Gewissen hat eine sozial ungemein nützliche Funktion, weil es die Gesellschaft davon entbindet, überall Wächter aufstellen zu müssen. Aufgrund seiner enormen Nützlichkeit würde ich das schlechte Gewissen sogar als soziales Implantat bezeichnen.

Einen moralischen Sinn zu haben, bedeutet doch nichts anderes als Vergleiche anzustellen. Haben wir insofern nicht schon immer bewertet?


© Lisa Mathis © Lisa Mathis

Information

Andreas Urs Sommer, Jahrgang 1972, wuchs in einem protestantischen schweizerischen Pfarrhaushalt auf. Nach seiner Schulzeit in Aarburg und Basel studierte er Philosophie, Kirchen- und  Dogmengeschichte sowie Deutsche Literaturwissenschaften in Basel, Göttingen und Freiburg im Breisgau. Heute lehrt er Philosophie an der Universität Freiburg i. Br. mit einem breiten Spektrum an Themen von der Antike bis in die Neuzeit.
Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt er den Friedrich-Nietzsche-Preis und die Carl Friedrich von Siemens Fellowship.
Mit dem Werk Nietzsches ist Andreas Urs Sommer besonders intensiv verbunden, seit 2014 leitet er die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Zuletzt ist von ihm der Band "Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt" bei J. B. Metzler erschienen. 2012 erschien in der "Anderen Bibliothek" das "Lexikon der imaginären philosophischen Werke". Sehr lesenswert sind zudem "Die Kunst der Seelenruhe" (C. H. Beck 2009), sowie "Die Kunst des Zweifelns: Anleitung zum skeptischen Denken" (C. H. Beck 2007).

Sicher! Und dennoch ist das Sprechen über an sich existierende Werte eine recht junge Erfindung, die erst vor wenigen Generationen aufkam. Allerdings hat man im Wirtschaftsleben stets den Wert von Dingen berechnet, doch ging es dabei um den Wert im Hinblick auf etwas. Dass jedoch etwas ein Wert an sich sei, ist eine sprachliche und begriffliche Innovation des späten 18. und 19. Jahrhunderts.

Sind Werte also ein Kind der Aufklärung?

Sie sind ein sehr spätes Kind, oder besser: eine Art Findelkind der Aufklärung. Denn die Aufklärer selbst haben diese Art des Redens noch nicht gepflegt, sondern sie sprachen eher von Prinzipien, etwa den drei Losungen der Französischen Revolution. Die Werte traten just in dem Augenblick in Erscheinung, als der Glaube der Menschen an das eine Gute sowie an den einen Gott zerbrach. Deshalb kommen Werte auch per se in der Mehrzahl vor. Insofern sind Werte Schwundstufen metaphysischer Gewissheiten, die unmittelbar mit der kritischen Arbeit der Aufklärung zu tun haben.

Die Vielfalt der Werte macht uns gesellschaftlich aber gehörig zu schaffen.

Aber genau darin besteht eine wesentliche Funktion der Werte, dass sie nämlich die Streitkultur zur Regel machen!

Im Zuge der Flüchtlingskrise prallen sehr unterschiedliche Moralvorstellungen aufeinander. Inwiefern ist dieser Stresstest positiv?

Im Unterschied zu vielen Schwarzmalern glaube ich an die große Integrationskraft unserer Kultur, die sehr vieles und sehr Unterschiedliches verdauen und leben lassen kann. Völlig klar ist jedoch auch, dass Wertekonflikte existieren, die nur über einen Prozess des Aushandelns zu lösen sind.

Was heißt das konkret?

Man sollte den pragmatischen Nutzen der Prinzipien zeigen, die wir in unserer Gesellschaft mehrheitlich pflegen, wie beispielsweise Offenheit und Toleranz, und erklären, dass diese Prinzipien das Eintrittsticket für die Integration in unsere Gesellschaft sind.

Jeder muss sich diesen Prinzipien unterwerfen, zumindest partiell. Es kann also nicht angehen, dass jemand, der aus einem nichteuropäischen Land kommt, sich unter Berufung auf seine eigene Werteautonomie darauf beruft, dass er seine Frau schlagen und seine Kinder misshandeln darf. Da hat eine liberale Gesellschaft das Recht, ihre Wertvorstellungen durchzusetzen.

Tatsache ist aber, dass eine Mehrheit der Bevölkerung findet, dass wir zu viel Rücksicht auf die Werte der Flüchtlinge nehmen. Für viele überschreitet etwa die Vollverschleierung die Grenze der Toleranz.

Ich persönlich halte die Diskus- sion um die Burka für hochgradig hysterisch. Man könnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass hier hunderttausende vollverschleierte Frauen herumlaufen. Wobei ich gern eingestehe, dass ich es merkwürdig finde, mit vollverschleierten Frauen zu sprechen, weil ich es gewöhnt bin, dass man in unserer Kultur das Gesicht zeigt. Aber wenn ich etwas merkwürdig finde, ist das kein Argument, es verbieten zu lassen.

Sollten wir also einfach unempfindlicher sein? Oder haben wir nur eine vage Vorstellung von Toleranz?

Sowohl als auch. Ganz allgemein lässt sich eine Senkung der Empfindlichkeits- und Schmerzschwelle beobachten, die für die Moderne bezeichnend ist: Wir erleben heutzutage Dinge als verletzend, die unsere Ahnen ungerührt gelassen hätten. Darüberhinaus haben wir gewiss auch nur eine vage Vorstellung von Toleranz, was glücklicherweise so und nicht anders ist.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-11 14:56:12
Letzte nderung am 2016-11-11 16:15:25



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