• vom 18.12.2016, 09:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 19.12.2016, 18:47 Uhr

Porträt

Odyssee zwischen Frunse und Wien




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Von Manfred Rebhandl

  • David Bangiev, Österreicher kirgisischer Herkunft, ist Schuster von Beruf - und nach einem Umweg über Israel im 15. Bezirk heimisch geworden.

David Bangiev schleift Sohlen in der Wiener Vorstadt - und träumt von Samarkand. - © Rebhandl

David Bangiev schleift Sohlen in der Wiener Vorstadt - und träumt von Samarkand. © Rebhandl



Mein Schuster heißt David Bangiev und ordiniert in der Hütteldorferstraße in Wien, schwere Fälle nimmt er auch am Wochenende entgegen. David wurde im November 1961 nahe der kirgisischen Hauptstadt Frunse (die heute Bischkek heißt) geboren, als fünftes und letztes Kind einer jüdischen Familie. Die Bangievs hatten ein Haus und eine Gemeindewohnung vom Sowjet, Nikita Chruschtschow war ihr Anführer, es ging ihnen gut, sie waren zufrieden.

David besuchte den Ganztagskindergarten, dann die Ganztagsschule, die Sowjetunion war pädagogischer Vorreiter, was das betraf. In unserem Gespräch erinnert er sich an die Frauen, seine Erzieherinnen und Lehrerinnen, die ihm dieses und jenes beibrachten. "Manche waren schon sehr gut genährt!", lacht er. David ist ein lustiger Mensch. Geboren also in Kirgisistan, aber "meine Heimat", sagt er, "ist Wien". Was zwischen Frunse und Wien war, das nennt man eine Odyssee.

Sein Vater und die Mutter knüpften Teppiche und verkauften sie. Die Mutter buk obendrein Gebäck und verkaufte es. Der Vater war obendrein Schuster. Irgendwann hatte die Familie ein kleines Unternehmen mit Konditorei, Schusterei und Knüpferei mit 30 Mitarbeitern, sie alle waren fleißig, talentiert, und bald sogar ein bisschen wohlhabend und angesehen. Die Nachbarn waren gut zu ihnen, man schaute zu ihnen auf. Aber die Bangievs waren auch Juden, sogenannte Buchara-Juden aus Kirgisistan, benannt nach dem usbekischen Emirat Buchara, wo sich die in Zentralasien lebenden Juden konzentrierten.

Sehnsuchtsland Israel

Nach dem Babylonischen Exil waren die ersten von ihnen nach Persien ausgewandert, von wo aus sie sich in der Umgebung verteilten, sie gehören zur Gruppe der Mizrachim. Ab 1793 aber dominierten dort sefardische Bräuche und Sitten, und am Ende des 19. Jahrhunderts wurde Usbekistan mit der Provinz Buchara von Russland erobert. Während der Sowjetzeit mussten sie Russisch sprechen. Was sie alle einte, war eine diffuse Sehnsucht nach Is- rael, dem Gelobten Land.

In den 1970er Jahren zogen Zionisten durch ihre Gegend und warben um Neubürger für ihren jungen Staat; als Kompensation für erlittenes Leid im "Großen Vaterländischen Krieg", wie die Russen den Zweiten Weltkrieg nennen, war ihnen das erlaubt. Die Bangievs ließen sich locken, und 1972 erhielten sie die Erlaubnis, dorthin auszuwandern. Sie kamen nach Twerja, Tiberias, ein winziges Dorf, in dem sie eine Wohnung bekamen, aber dem Vater gefiel es dort nicht, es war zu weit weg von Tel Aviv. Ein Onkel wohnte bereits in Ashdod südlich von Tel Aviv, dort zogen sie hin. Sie schauten sich um, und waren - enttäuscht. Das sollte ihr neues Land sein? Ihre Heimat? Das Gelobte Land um ihren Berg Zion?

In Bangievs Werkstatt . . .

In Bangievs Werkstatt . . .© Rebhandl In Bangievs Werkstatt . . .© Rebhandl

"Damals war dort nur Wüste", erzählt David, und seine Mundwinkel bewegen sich nach unten. Sie lebten seit sechs Monaten dort, als sie die Leute eines Morgens aufgeregt "MilChama!" schreien hörten, es war der 6. Oktober 1973, höchster jüdischer Feiertag, Jom Kippur. "MilChama!" ist hebräisch und heißt "Krieg!"

"Wir hatten Angst", sagt David, und die Enttäuschung über Israel wuchs mit jedem Tag. Bald sagte der Vater: "Ich bin nicht hierhergekommen, damit meine Kinder Zielscheibe für diesen Krieg werden!"

Der Vater: Davids Held. Seit 21 Jahren liegt er in Israel begraben, nahe Petach Tikva, die Mutter seit 18 Jahren. Einst machte der Vater sich um ein Jahr jünger, damit er im "Großen Vaterländischen Krieg" gegen Hitler kämpfen durfte. "Er hatte es sich so vorgestellt", erzählt David: "Ein bis zwei Wochen ein bisschen Spaß mit den Deutschen haben, dann wieder normales Leben." Er blieb fünf Jahre im Krieg, davon ein Jahr in Stalingrad, wo er mehrfach verwundet wurde. Er kam hochdekoriert zurück, seine Jacke war voll mit "Metallen", wie David die Orden nennt: "Held der Sowjetrepubliken".

Als nach den Bangievs endlich auch das Gepäck nach Israel kam, die Möbel, die Kleider, der Hausrat, schlicht alles, was sie besaßen - außer die Häuser -, da haben sie alles sofort verkauft und wollten zurück, ihr neuer Sehnsuchtsort hieß Samarkand, Teilrepublik Usbekistan. Wenn David von dieser Stadt und ihrer Umgebung spricht, dann glänzen seine Augen wie das Türkis auf der Kuppel der dortigen, weltberühmten Bibi Chanom Moschee: "Die Tomaten dort, und die Melonen! Solche Tomaten! Solche Melonen!"

Aber sie bekamen keine Einreisegenehmigung, mussten einen Umweg nehmen und reisten nach Wien. Im dortigen Konsulat der Sowjetunion stellten sie die Anträge auf Wiedereinreise, und man sagte ihnen: "Wir werden das behandeln." Dann warteten sie. Sie warteten vier Jahre.

Am Beginn dieser vier Jahre bezogen sie eine Wohnung in der Kleinen Pfarrgasse, Ecke Matz- gasse, im 2. Wiener Gemeindebezirk, die Vermieterin war eine gewisse Frau Bikini. "Bikini?", frage ich. "Ja", sagt David und lacht. "Ein blonde, schöne Frau. Sie hat immer Zigarre geraucht, aber sie war gierig." Er sagt, sie hätte 40 Zinshäuser gehabt und mindestens zwei Pensionen. "Die ist sich so gut vorgekommen!" Sein Vater kannte sich nicht aus mit den ortsüblichen Mietpreisen, die damals am Boden lagen, sie bezahlten trotzdem 2000 Schilling für die Untermiete. "Das war viel zu viel!"




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Dokument erstellt am 2016-12-15 18:11:12
Letzte ─nderung am 2016-12-19 18:47:10



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