• vom 25.12.2016, 09:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 02.01.2017, 15:09 Uhr

Interview

"Wir leben gerade in der Apokalypse"




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (30)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Werner Schandor

  • Nicht der Stern von Betlehem, sondern die Planetenreihe vom 5. Mai 2000 war der Zeitpunkt, von dem aus im Mittelalter die Menschwerdung Christi berechnet und damit unsere Zeitrechnung festgelegt wurde, erklärt Sepp Rothwangl in seinem Buch "Endzeit" - und erläutert die These im Gespräch.

Sepp Rothwangl im Planetensaal von Schloss Eggenberg. - © Harry Schiffer

Sepp Rothwangl im Planetensaal von Schloss Eggenberg. © Harry Schiffer



Der obersteirische Forstwirt Sepp Rothwangl beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit historischer Astronomie und antiken Kalenderberechnungen. Er publiziert und diskutiert seine als Laie gewonnenen Erkenntnisse in astronomischen Zeitschriften bzw. auf Kongressen. Für die astronomische Zeitzählung hat er sein eigenes Kalendermodell "CEP" entworfen, das er kürzlich im akademischen Umfeld zur Diskussion stellte.

Die "Wiener Zeitung" traf Rothwangl im Grazer Schloss Eggenberg zum Gespräch. Das UNESCO-Weltkulturerbe mit seinen 4 Türmen, 12 Toren, 365 Fenstern und dem Planetensaal als Prunksaal ist im 17. Jahrhundert nach kalendarischen Gesichtspunkten errichtet worden. Ein idealer Ort, um über den Zusammenhang zwischen Planetenbeobachtung und Zeit zu sprechen. "Die Beschäftigung mit unserem Kalender und Zeitrechnungsmodellen hat so viele Facetten. Es ist wie eine Kugel, wo man den Anfang sucht," sagt Rothwangl.

"Wiener Zeitung": Herr Rothwangl, in Ihrem Buch "Endzeit" schreiben Sie, dass die christliche Jahreszählung nicht vom Anfang her festgelegt wurde, sondern von einem Ende. Wie ist es dazu gekommen?

Sepp Rothwangl (r.)  im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Werner Schandor.

Sepp Rothwangl (r.)  im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Werner Schandor.© Harry Schiffer Sepp Rothwangl (r.)  im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Werner Schandor.© Harry Schiffer

Sepp Rothwangl: Schon in der Spätantike gibt es eine Fülle von Berechnungen, wann Jesus geboren worden sein könnte. Die Angaben differieren in einem Zeitrahmen von bis zu 15 Jahren vor bzw. nach Anno Domini. Die frühen Christen verwendeten anfangs die Anno-Mundi-Zählung, also die Zählung der Zeit ab Erschaffung der Welt, nach der sich auch die Juden richteten. Für die christliche Welt wurde Anno Mundi im 3. Jahrhundert vom Chronisten Sextus Iulius Africanus eingeführt. Seinen Berechnungen zufolge wurde Jesus im Jahr 5500 seit Erschaffung der Welt geboren. Der Haken daran: Das Jahr 6000 war mit Weltuntergangsprophezeiungen verknüpft. Und als dieser Zeitpunkt näher rückte, gab es mehrere Versuche, dieses Datum abzuwenden. Einer davon war die Einführung von Anno Domini, die Jahreszählung ab der Fleischwerdung Christi, ein Vorschlag, dem der Gelehrte Beda Venerabilis in der Schrift "De temporum ratione" (Über das Wesen der Zeit) im 8. Jahrhundert zum Durchbruch verhalf.

Information

Sepp Rothwangl, geboren 1950, ist Waldbauer und stammt aus Wartberg im Mürztal (Steiermark). Er erlebte dort in der elterlichen Wald- und Gastwirtschaft von klein auf die Gegensätze von städtischer Hochkultur und bäuerlicher Tradition und interessierte sich von Kindestagen an für die Natur und die Menschen und das Wissen um die Vorgänge in beiden. Vor allem die Zeit, wie der Mensch sie einteilt, berechnet und seit Beginn der Hochkulten verbringt und beschreibt, haben Rothwangl in den Bann gezogen. Astronomie von der Steinzeit bis heute ist für ihn der Schlüssel für das Verständnis von Hochkulturen und Religionen. Zuletzt ist von ihm das Buch "Endzeit: Die Geschichte der christlichen Jahreszählung" in der edition innsalz, 2015, erschienen.

Hat Beda dieses Modell entwickelt?

Nein. Der Urheber der Zeitrechnung Anno Domini war Dionysius Exiguus, der von 470 bis 540 lebte und dem das griechisch-antike Weltbild sehr vertraut war. Diesem Weltbild zufolge begann der Anfang der Welt mit einer Konjunktion aller Planeten: Da begann die Zeit zu laufen. Im alten Griechenland glaubte man, dass, wenn diese Planetenkonjunktion wieder eintritt, ein neues Rad beginnt und die Zeit von vorne anfängt. In der christlichen Vorstellung ist jedoch der Weltenlauf mit diesem Punkt zu Ende. Bischof Nemesios von Emesa beschrieb im 5. Jahrhundert, dass der Anfang der Welt der Zeitpunkt war, als Sonne, Mond und alle Planeten zusammengekommen sind:

"Und wenn das wieder eintritt, sagen sie - die Griechen -, es werde wieder einen Aristoteles, einen Plato und so weiter geben. Aber da irren sie, denn die Christen sagen: Das gibt es nur einmal."

Nemesios ist also der Überzeugung, es werde kein neues Rad geben, sondern wenn diese Konjunktion der Planeten wieder auftritt, dann ist die Zeit zu Ende. - Das war einer der Einflüsse bei der Anno-Domini-Berechnung: Die Suche nach dem Ende der Welt, das bei der Konjunktion aller Planeten eintreten wird.

Welche Konjunktion hat Dionysius Exiguus als Endpunkt ausgemacht?

Es war die Planetenreihe vom 5. Mai 2000, bei der alle in der Antike bekannten Planeten mit Erde, Sonne und Mond in einer Linie standen. Wenn ich vom Zeitpunkt dieser Konjunktion 2000 Jahre abziehe, so bin ich genau bei 1 Anno Domini. 2000 Jahre hat Exiguus deshalb genommen, weil dies der Zeitraum war, den man im Mittelalter für die Dauer des Sternzeichens Fische als Frühlingspunkt errechnet hatte. Durch die Kreiselbewegung der Erde - die Ursache der Präzession - verschiebt sich der Frühlingspunkt im Zeitrahmen von rund 2160 Jahren um etwa 30 Grad. Das heißt, das Sternbild, das unmittelbar am Frühlingstag im Morgenhimmel steht, ändert sich: Vor ca. 6000 Jahren war der Stier das Frühlingssternbild, vor etwa 4000 Jahren war das der Widder, vor 2000 Jahren war dort das Sternbild Fische, und jetzt steht dort schon der Wassermann. Wenn man die alten Hochkulturen der Menschen betrachtet, dann erkennt man, dass dieses Frühlingssternbild immer einen enormen Einfluss auf Kultur und Symbolik gehabt hat: Vom Stierkult der Minoischen Kultur über den Widderkult der Ägypter bis hin zum Fische-Symbol, das sich die ersten Christen sozusagen als New-Age-Zeichen angeeignet haben.

Die von Exiguus vorausberechnete Planetenkonjunktion vom 5. Mai 2000 und seine Berechnung, wann das Sternbild Fische zum Frühlingspunkt wurde, ist aus meiner Sicht der Hintergrund für die Anno-Domini-Festlegung. Aus diesem Grund weicht seine Berechnung auch von allen anderen Datierungen von Christi Geburt ab, die es damals gab.

Nach den Vorstellungen der frühen Christen leben wir also in der postapokalyptischen Zeit?

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 3




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-22 17:33:09
Letzte ─nderung am 2017-01-02 15:09:54



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wie ein Heldenbild entsteht
  2. Faszination durch das Sichtbare
  3. "Ich bin Hiob, nicht die Botschaft"
  4. Bolzerei ums Heustadelwasser
  5. Wiener Untergrund
Meistkommentiert
  1. "Ich bin Hiob, nicht die Botschaft"
  2. Faszination durch das Sichtbare
  3. Innovative Stadtforschung
  4. Wie ein Heldenbild entsteht
  5. Geballtes Wiener Wissen


Werbung


Werbung