• vom 22.01.2017, 09:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 23.01.2017, 11:43 Uhr

Interview

"Ich halte Eitelkeit für eine Tugend"




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Von Hermann Schlösser und Gerald Schmickl

  • Werner Schneyder, der am 25. Jänner seinen 80. Geburtstag begeht, über würdiges Altern.

- © Peter Jungwirth

© Peter Jungwirth



"Wiener Zeitung": Herr Schneyder, in Ihrem neuen Buch führen Sie ein Gespräch mit sich selbst. Mit welchem der beiden Gesprächspartner werden wir jetzt sprechen?

Werner Schneyder: Na, mit beiden.

Information

Werner Schneyder wurde 1937 in Graz geboren (Vater aus Wien, Mutter aus Karlsbad), wuchs in Klagenfurt "zwischen Fußballplatz und Stadttheater" auf, studierte in Wien Publizistik und Kunstgeschichte. Daneben arbeitete er - wie schon zur Schulzeit - als Journalist und Barsänger.

Nach der zeitungswissenschaftlichen Promotion schrieb er drei Jahre lang Werbetexte. Über die Annahme eines Theaterstücks wurde er als Dramaturg an das Landestheater Salzburg engagiert. Nach einem Jahr in Linz entschloss er sich zur Existenz als freier Autor.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er als Kabarettist, Solo und viele Jahre an der Seite von Dieter Hildebrandt, aber auch als Schauspieler, Theater- und Operettenregisseur, Sportkommentator, Box-Ringrichter und als Autor von Erzählungen und Aphorismen. Zuletzt, im Herbst 2016, ist von ihm im Wiener Amalthea Verlag der Band "Gespräch unter zwei Augen" erschienen, in dem Schneyder in einem unterhaltsamen Selbstgespräch viele Themen seines Lebens Revue passieren lässt.

Werner Schneyder lebt mit seiner zweiten Frau in Wien und in Kärnten (siehe dazu auch Artikel über Verleihung des Großen Ehrenzeichens des Landes Kärnten).

Und welcher von beiden wird demnächst achtzig?

Bedauerlicherweise beide. Und immer, wenn der eine sich einbildet, er sei noch nicht so alt, ruft ihn der andere zur Ordnung.

Sie schreiben an einer Stelle, Sie hätten mit dem Altwerden kein Problem, nur mit dem Satz "Man ist so alt, wie man sich fühlt". Was stört Sie daran?

Der Satz ist unsinnig. Ich reagiere darauf polemisch und sage: Man ist immer so blöd, wie man sich jünger fühlt, als man ist. Man ist nicht so alt, wie man sich fühlt, sondern so alt, wie man ist. Und man ist aufgefordert, nicht wehleidig zu sein, das Alter ist doch kein unverdientes Schicksal! Die Frage muss heißen: Was mache ich noch mit der verbleibenden Zeit?

Und, was machen Sie? Im Buch denken Sie darüber nach, ob Sie noch einmal ein neues Kabarettprogramm aufführen wollen oder nicht. Die Antwort ist nicht ganz klar.

Sie heißt: Kein Kabarett mehr. Das hängt auch mit einer kleinen Eitelkeit zusammen. Ich bin über viele Jahre auf der Bühne gestanden und hatte weit und breit kein Manuskript. Das traue ich mich nicht mehr. Ich denke, die Leute haben mich in Erinnerung, wie ich da oben gestanden bin und so getan habe, als würde mir das alles gerade einfallen. Diese Erinnerung möchte ich nicht ver-
derben.

Daraus spricht eine kluge Beurteilung der eigenen Kräfte.

Man kann es auch Eitelkeit nennen.

Werner Schneyder im Gespräch mit den "extra"-Redakteuren in seiner Wiener Wohnung.

Werner Schneyder im Gespräch mit den "extra"-Redakteuren in seiner Wiener Wohnung.© Peter Jungwirth Werner Schneyder im Gespräch mit den "extra"-Redakteuren in seiner Wiener Wohnung.© Peter Jungwirth

Damit würde man Sie aber gar nicht beleidigen. Sie halten die Eitelkeit ja für eine Produktivkraft, wie man in Ihrem Buch nachlesen kann.

Ich halte sie für eine Tugend, wenn sie richtig verstanden wird. Denn die Eitelkeit drückt auch aus, dass man vor dem Publikum eine hohe Verantwortung hat. Man kann eben nur mit seinem Besten auf die Bühne gehen. Wer auf der Bühne gut sein will, braucht ein Selbstbewusstsein, das alles sprengt.

Könnte es sein, dass diese Tugend in Deutschland ausgeprägter ist als in Österreich?

Das kann ich nicht sagen. Ich tue mir generell schwer mit Unterscheidungen zwischen dem österreichischen und dem deutschen Publikum und der jeweiligen Szene.

Obwohl man den Eindruck haben kann, Sie seien in Deutschland nach wie vor bekannter und geschätzter als in Österreich.

Das liegt an meinem Start in München und an meiner Zusammenarbeit mit Dieter Hildebrandt. Das Groteske an meiner Karriere ist ja, dass ich nicht unten begonnen habe, sondern als Partner eines Stars.

Aber das ist doch ein Grund, stolz zu sein.

Ja, aber er hätte sich dabei den Hals brechen können - und ich mir auch. Während der Proben für das erste Kabarettprogramm bin ich erst draufgekommen, welches Risiko der Mann eingegangen ist.

Hildebrandt wird sich ja etwas dabei gedacht haben, als er Sie als Partner aussuchte.

Aber das konnte ich mir am Anfang noch nicht klarmachen. Vor der Endprobe war ich ungeheuer aufgeregt, und ich habe Hildebrandt gefragt: "Sag einmal, wie findest du denn das, was wir da machen?" Und da hat er mich ganz ruhig angeschaut und gesagt: "Ich habe ein gutes Gewissen." Der Satz war stärker als die Nervosität.

Es gibt offenbar einen Widerspruch zwischen Ihrem inneren Empfinden und der äußeren Ruhe, die Sie ausstrahlen. Sie sprechen immer wieder von starkem Lampenfieber vor Auftritten, aber auf der Bühne merkt Ihnen das niemand an.

Das ist eine Gnade. Ich erinnere mich an den ersten Live-Auftritt im ZDF-Sportstudio. Als "Nobody" aus Österreich machte ich dort eine Sportsendung, und mir rann der Schweiß den Rücken herunter. Am Ende der Sendung fragte mich ein ZDF-Redakteur: "Wo nimmst du nur diese unverschämte Ruhe her?"

Zeugt das nicht auch von hoher professioneller Qualität?

Aber ich habe ja nichts dafür getan, dass ich so ruhig schien. Ich verwende gern das Bild vom Weißclown. Dem Menschen mit dem weiß geschminkten Gesicht merkt man nichts an von dem, was er wirklich empfindet.

Er trägt eine Maske. Für Menschen auf der Bühne ist es sehr gut, eine Maske zu tragen.

Freilich.

Andererseits treten Sie ja nicht sehr maskenhaft auf, sondern mit einem authentischen Anspruch. Oder ist das gerade die raffinierteste Maske?

Es ist eine Haltung. Als ich zum ersten Mal im Burgtheater aufgetreten bin, habe ich das als große Auszeichnung empfunden, aber ich habe mich zugegebenermaßen auch gefürchtet. Erst stand ich zitternd hinter der Bühne, und dann ging ich hinaus, als ob ich nirgends hinginge. Und das ist eine Art Maske. Kein Mensch kann mir einreden, dass er als Privatmann die Bühne betritt. Schon durch die Tatsache, dass man da hinausgeht und auftritt, hat man sich eine Form gegeben.

Dieser Unterschied ist für das Publikum auch absolut spürbar. Wenn da oben einer genauso redet wie im Foyer, kann ich ja auch unten mit ihm plaudern.

Da bin ich reizbar. Wenn auf der Bühne öffentliches Privatleben stattfindet, darf man keine Eintrittskarten verkaufen.

Sie haben sehr viel in Ihrem Leben getan: Sie waren Werbetexter, Sportkommentator, Regisseur und Sie sind Schriftsteller. Trotzdem werden Sie vor allem als Kabarettist wahrgenommen. Ist das für Sie eine Missachtung Ihrer anderen Tätigkeiten?

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Dokument erstellt am 2017-01-19 16:44:12
Letzte nderung am 2017-01-23 11:43:27



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