• vom 25.02.2017, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 26.02.2017, 00:06 Uhr

Rudolf Burger

"Ich sage nicht ja zum Kreuz, es ist mir egal"




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Von Walter Hämmerle

  • Der Philosoph Rudolf Burger über die Provokation des Islam und den Nihilismus der Aufklärung.

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"Wiener Zeitung": Sind Sie überrascht, dass uns das Phänomen Gott heute so intensiv beschäftigt? Noch vor dreißig, vierzig Jahren konnte man vermuten, dieses Thema habe der Westen hinter sich gelassen oder werde es jedenfalls bald tun.

Rudolf Burger: Ja, das bin ich. Für unser europäisches Bewusstsein wurden alle großen Revolutionen im 20. Jahrhundert - vom Boxer-Aufstand in China 1900 bis zu den Roten Khmer in Kambodscha - mit säkularen Argumenten geführt, entweder marxistischen oder nationalistischen. Das endet mit der Islamischen Revolution im Iran 1979. Möglicherweise haben wir die Welt nicht so wahrgenommen, wie sie tatsächlich war, dafür gibt es durchaus Anzeichen: Den Taiping-Aufstand 1851-1864, der pseudo-christliche Motive aufwies und mit etwa 30 Millionen Toten eine der blutigsten Auseinandersetzungen der Welt war; oder der Mahdi-Aufstand im Sudan Ende des 19. Jahrhunderts; vermutlich spielte Religion unterschwellig auch im Algerien-Krieg eine Rolle. Für europäische Intellektuelle ist das ein Skandal. Wer in den 1970ern die Welt verstehen wollte, musste das "Kapital" lesen. Heute muss man die "Hadithen" lesen, die Überlieferungen von den Sprüchen und Handlungen Mohammeds. Das finde ich beunruhigend.

Eine Prozession vor der Kathedrale von Sevilla. Burger verdankt diesem spanischen Kirchenbau eines seiner "stärksten ästhetischen Erlebnisse".

Eine Prozession vor der Kathedrale von Sevilla. Burger verdankt diesem spanischen Kirchenbau eines seiner "stärksten ästhetischen Erlebnisse".© Europa Press/Getty Images Eine Prozession vor der Kathedrale von Sevilla. Burger verdankt diesem spanischen Kirchenbau eines seiner "stärksten ästhetischen Erlebnisse".© Europa Press/Getty Images

Information

Walter Hämmerle ist Politikwissenschafter und stv. Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Wir reden ständig wieder vom christlichen Europa, von dessen antiken jüdisch-christlichen Wurzeln. Wie wirkmächtig ist die christliche Tradition noch?

Die Frage der europäischen Identität ist untrennbar mit christlichen religiösen Traditionen, Auseinandersetzungen und Identitäten verbunden. Die größten Köpfe haben sich damit beschäftigt, was denn eigentlich Säkularisierung bedeutet. Und wir dürfen nicht vergessen, dass diese Traditionen auch heidnische Elemente aufweisen, weil sich das Christentum erst aus der Aufnahme einer heidnisch-hellenistischen Philosophie formte. Zweifel befallen mich aber bei der Formel einer ‚christlich-jüdischen Tradition‘. Soweit ich weiß, taucht dieser Begriff zuerst bei Friedrich Nietzsche in seinem Fluch auf das Christentum auf, und zwar in denunziatorischer Absicht. Dagegen wäre mir nicht bekannt, dass ein katholischer oder protestantischer Theologe bis ins 20. Jahrhundert auf die Idee gekommen wäre, von einer ‚christlich-jüdischen Tradition‘ zu sprechen. Natürlich bildet das Alte Testament eine gemeinsame Grundlage für Judentum und Christentum, aber dieses Kompositum wurde ursprünglich gegen beide verwendet; und das Christentum hat sich theologisch ungeachtet des Alten Testaments nie als jüdisch verstanden, sondern scharf davon abgegrenzt - mit bekannten historischen Folgen.

Rudolf Burger gilt als einer der renommiertesten Philosophen Österreichs. Geboren 1938, Studium der technischen Physik, Leitung der Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung im Wissenschaftsministerium, von 1987 bis 2007 Professor für Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst, deren Rektor er auch war.

Rudolf Burger gilt als einer der renommiertesten Philosophen Österreichs. Geboren 1938, Studium der technischen Physik, Leitung der Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung im Wissenschaftsministerium, von 1987 bis 2007 Professor für Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst, deren Rektor er auch war.© Hämmerle Rudolf Burger gilt als einer der renommiertesten Philosophen Österreichs. Geboren 1938, Studium der technischen Physik, Leitung der Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung im Wissenschaftsministerium, von 1987 bis 2007 Professor für Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst, deren Rektor er auch war.© Hämmerle

Und verfügt das christliche Erbe noch über kulturelle Energie und politische Gestaltungskraft?

Europa ist der einzige Großraum, den man wirklich als säkularisiert ansehen kann. Und doch bildet hier das Christentum bis heute den Boden, auf dem sich unser Denken abspielt, obwohl es seinen religiösen Glutkern weitgehend eingebüßt hat. In diesem Sinne bezeichne ich mich auch ironisch als katholischen Atheisten, weil ich zu wissen glaube, dass vieles von dem, was Hegel "substantielle Sittlichkeit" nennt, Säkularisat einer christlichen Tradition ist. Wie weit das aber noch die Kraft zum Überleben für längere Zeit hat, weiß ich nicht.

Warum dann aber, wenn der christliche Glaube seinen, wie Sie es formulieren, Glutkern eingebüßt hat, diese emotionale Auseinandersetzung über die Akzeptanz religiöser Symbole, vor allem des Islam?

Eben weil wir nicht sicher sein können, dass unsere weitgehend säkularisierte Kultur die Kraft hat, weiter zu bestehen, müssen wir muslimische Symbole marginalisieren.

Was ist mit dem Kreuz?

Im gleichen Atemzug die Frage nach der Berechtigung der christlichen Symbole zu stellen, halte ich für einen Gewaltakt, den wir uns selbst antun. Außer für militante Antiklerikale fällt das Kreuz in der Schule und im Alltag nicht wirklich auf. Wir leben nicht am Mond, sondern in einer christlichen Tradition. Die Französische Revolution hat versucht, die Alltagsrituale völlig neu zu definieren und zu rationalisieren, aber weder der neue Kalender noch die Zehn-Tage-Woche konnten sich durchsetzen.

Muss also zuerst auch der Islam seine religiöse Glut verlieren, bevor seine Symbole für unsere Gesellschaft akzeptabel werden? Würden wir dann unsere Furcht vor dem Islam ablegen?

Ich sehe ihn als reale Bedrohung. Schön und gut, wenn man sagt, die Muslime bräuchten eine Aufklärung, nur lässt sich das nicht verordnen. Wir wissen, welche Auseinandersetzungen in unserer Geschichte stattgefunden haben, um so etwas wie eine säkulare Gesellschaft zu schaffen. Eine Reformation reicht da nicht, denn die hatte der Islam auch: Der Wahhabismus im 18. Jahrhundert ist eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen religiösen Texte.

Trotzdem fällt es einer im Selbstverständnis säkularen Gesellschaft schwer, muslimische Symbole mit dem Hinweis zu verbannen, man lebe nun einmal in einem Land mit christlichen Traditionen. "Weils eben schon immer so war" ist ein schwaches Argument vor einem Gerichtshof.

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Dokument erstellt am 2017-02-24 13:12:13
Letzte ─nderung am 2017-02-26 00:06:45



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