• vom 05.03.2017, 13:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 05.03.2017, 13:37 Uhr

Kunst

"Frauen sollen ihre Kraft zeigen"




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Von Veronika Reininger

  • Die Choreografin und Tänzerin Aiko Kazuko Kurosaki verbindet in ihren vielfältigen Projekten Kunst mit feministischer Politik.



Die Künstlerin Aiko Kazuko Kurosaki während einer Performance auf dem Wiener Yppenplatz.

Die Künstlerin Aiko Kazuko Kurosaki während einer Performance auf dem Wiener Yppenplatz.© Bettina Frenzel Die Künstlerin Aiko Kazuko Kurosaki während einer Performance auf dem Wiener Yppenplatz.© Bettina Frenzel

"Eins, zwei, Cha-Cha-Cha, eins, zwei, . . .", ertönt es im Raum, wo eine Gruppe von Frauen die Choreografie einer musikalischen Tanzaufführung als Kunstwerk für den "One-Billion-Rising"-Aktionstag in Wien probt. Aiko, die künstlerische Leiterin von One-Billion-Rising, motiviert dynamisch engagiert zum Mittanzen. Sie geht zum Laptop, um das dazugehörige Lied abzuspielen.

"Bereits als kleines Kind habe ich bei jeder Gelegenheit getanzt", erinnert sich die Künstlerin Aiko Kazuko Kurosaki und erklärt: "Tanzen bedeutet für mich Freude, mehr noch: Ich fühle mich mit meinem Körper eins. Wenn ich tanze, fühle ich, wie Körper, Geist und Seele harmonisch ineinander fließen. Die Tanzende begibt sich über die Bewusstmachung ihres Körpers auf die Suche nach ihrem eigenen Wesen und somit zu ihrem eigenen inneren Tanz".

Die Begeisterung fürs Tanzen spiegelt sich in ihren freundlichen braunen Augen. Wenn sie längere Zeit nicht tanzt, fühlt sie sich im eigenen Körper fremd. "Als sensibler Mensch nehme ich beim Tanzen die umliegenden Stimmungen auf und verarbeite diese in meinem Tanz", erklärt Aiko. Tanzen sei mehr als nur die Form und die Schritte, Tanzen bedeute, so Aiko, erweiterte Bewegung, es beschreibe ein sogenanntes Rauchgespinst, das sich in Spiralen bewege, sagt sie. Es symbolisiere für die Tänzerin, in Bewegung zu sein und zu bleiben.

Von Japan nach Wien

Die 1961 in Japan geborene Künstlerin lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Wien, weil ihr Vater aus beruflichen Gründen mit seiner Familie nach Österreich gezogen ist. Ihr Vater spielte als Geiger in einem Orchester in Österreich. Während Aikos Bruder, Hiro Kurosaki, Violinist geworden ist wie sein Vater, geht Aiko als Tänzerin und Choreografin ihren eigenen künstlerischen Weg. Ihr Vater war darüber anfänglich nicht erfreut, unterstützte sie dann aber doch finanziell.

Bereits mit siebzehn Jahren verdient sie ihr eigenes Geld mit privatem Klavierunterricht. Nach ihrer Matura studiert die Künstlerin Tanz und Musik in Chicago und in Wien. Sie spezialisiert sich zunächst auf Jazzdance, eine in den USA entstandene Form des Kunsttanzes mit Elementen aus afrikanischen und westlichen Bewegungsmustern als Grundlage. Mit Stipendien absolviert die Künstlerin ihre Tanzfortbildungen in Wien, Salzburg und Chicago.

Als künstlerische Leiterin und Choreografin gestaltet und inszeniert sie Tanzperformances in Wien sowie in Tokio, Paris, Berlin und Bordeaux und unterrichtet künstlerischen Tanz. "Ich unterrichte sehr gerne - es liegt mir im Blut", sagt die 55-jährige Choreografin und Mutter von vier Kindern. Aiko lebt ihre japanische Kultur, forscht in Chicago nach ihren japanischen Wurzeln und befasst sich mit Zen und Butoh, einem 1959 in Japan entstandenen zeitgenössischen Tanzstil. Außerhalb der Familie erlebt sie die österreichische Kultur. Sie will zwischen den westlichen und östlichen Kulturen mit japanischen Methoden sinnbildlich Brücken bauen. Auch ihre Bilder und ihre Gefühle werden durch ihren körperlichen Zustand ausgedrückt und pantomimisch dargestellt.

Für Aiko bedeutet das Tanzen als Kunst heute mehr als nur gewöhnlicher Tanzunterricht. Sie ist auch eine politisch engagierte Künstlerin, die verschiedene Tanzaufführungen im öffentlichen Raum mit umwelt- und sozialkritischen Themen verbindet.

Aktivismus

So gilt die Antiatomkraftpolitik als Herzensanliegen der gebürtigen Japanerin. Schließlich haben Japaner und Japanerinnen die schrecklichen Katastrophen durch die Atomkraft in Hiroshima, Nagasaki und Fukushima erleben müssen. Zum Gedenken an Hiroshima und Nagasaki, sowie ein Jahr nach der Fukushima-Katastrophe verbindet die Künstlerin 2012 politischen Aktionismus mit Kunst: In der UNO-City Wien wird statt einer Tanzperformance ein Flashmob durchgeführt. Das bedeutet eine kurze spontane öffentliche Aktion einer größeren Menschenmenge, die sich anonym, per moderner Telekommunikation trifft.

Die Flashmob-Aktivistinnen und Aktivisten werfen sich auf den Boden und erhalten von Aiko einen Kranich, der nach den Regeln der japanischen Papierfaltkunst Origami entsteht. Die Zuseherinnen und Zuseher helfen den Liegenden vom Boden auf und bekommen als Dankeschön den Kranich überreicht. Beim Öffnen des Kranichs lesen sie die Botschaft: "gegen Atomkraft in Japan".

Das große Projekt

"Aiko ist eine beeindruckende Frau", sagt Maria Rösslhumer, die Geschäftsführerin der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser, "Sie ist künstlerisch kreativ und hat stets einen politischen Ansatz in ihren Performances. Sie ist verlässlich und fasziniert mich."

Mit dem Projekt One-Billion-Rising verbindet Aiko auch Kunst und Politik: Seit 2013 gestaltet die Choreografin am vierzehnten Februar, zum Valentinstag, am Tag der Liebenden, eine Jazzdance-Vorführung vor dem Parlament in Wien. "Frauen sollen ihre Kraft zeigen", meint sie. "Es geht um ein Ende der Gewalt an Frauen und Mädchen. Die Frauen drücken mit dem Tanz ihre Solidarität mit traumatisierten Frauen und Mädchen aus. Der Tanz eint die Frauen."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-03 13:27:06
Letzte ─nderung am 2017-03-05 13:37:58



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