• vom 04.03.2017, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 04.03.2017, 15:21 Uhr

Interview

"Ich misstraue Institutionen"




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Von Saskia Blatakes

  • Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier über seine traumatische Schulzeit, überangepasste Jugendliche von heute, die Verlogenheit der Eliten - und seinen lustvollen Hass auf soziale Medien.

"Wenn man dauernd mit jungen Leuten zusammen ist, ist das Alter unmittelbar evident":.Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. - © Liane Tschentscher

"Wenn man dauernd mit jungen Leuten zusammen ist, ist das Alter unmittelbar evident":.Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. © Liane Tschentscher



99 Prozent der Jugendlichen seien Spießer, sagt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. "Es gibt keine revolutionäre Avantgarde. In Wien gibt es vielleicht noch eine Handvoll Punks."

99 Prozent der Jugendlichen seien Spießer, sagt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. "Es gibt keine revolutionäre Avantgarde. In Wien gibt es vielleicht noch eine Handvoll Punks."© APAweb / dpa, Patrick Pleul 99 Prozent der Jugendlichen seien Spießer, sagt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. "Es gibt keine revolutionäre Avantgarde. In Wien gibt es vielleicht noch eine Handvoll Punks."© APAweb / dpa, Patrick Pleul

"Wiener Zeitung": Muss man als Jugendforscher pubertie-
rende Jugendliche mögen?

Bernhard Heinzlmaier: Nein, überhaupt nicht. Ich mag die Menschen sowieso nicht sonderlich und war seit meiner frühesten Jugend immer froh, so wenig Kontakt wie möglich zu haben. Meine persönliche Tragik ist, dass ich aufgrund meines Berufes dauernd Kontakt zu Menschen habe und deshalb leide. Ich habe sicher die größtmögliche Distanz zum Forschungsgegenstand.

Das war jetzt offensichtlich nicht ironisch gemeint.

Überhaupt nicht. Mich macht es fertig, wenn im Flugzeug Kinder weinen. Ich bin total lärmempfindlich. Wenn Jugendliche lärmen, toben und laute Musik hören - das macht mich fertig. Ich kriege körperliche Beschwerden.

Haben Sie Kinder?

Nein, ich habe nur eine Katze. Ich mag Tiere teilweise lieber als Menschen.

Weil Katzen leise sind?

Ja. Und ehrlich und einfach. Menschen sind mir zu kompliziert. (Lacht.)

Wie waren Sie selbst als Jugendlicher?

Unglücklich. Unangepasst. Ich habe das ganze Leben eher als Zumutung empfunden. Auf den nächsten Tag oder die Zukunft habe ich mich nie gefreut. Man darf nicht vergessen, ich habe bis zu meinem 15. Lebensjahr meine Zeit bei den Schulbrüdern in Strebersdorf verbringen müssen. Da ist man letztendlich ein gestörter Mensch, wenn man diese Zwangsanstalt verlässt. Das muss man offen sagen.

Was haben Sie dort erlebt?

Ich bin an dieser Schule als kleines Kind, als Volksschüler, acht Jahre lang regelmäßig verprügelt worden. Es gab strukturelle Gewalt, unglaubliche Repression und absolute Empathielosigkeit. Eine typische religiöse Institution, in der die Werte über den Menschen gestellt werden. Die Werte haben Priorität, auch wenn der Mensch daran zugrunde geht. Zum Glück haben sie mich dann rausgeschmissen, als ich 15 Jahre alt war. Ich musste dann erst lernen, dass das Leben auch schön sein kann. Diese Erfahrung konnte ich vorher gar nicht machen.

Hilft Ihnen das heute, sich in Jugendliche hineinzuversetzen, weil Sie sich daran erinnern, wie es war, wehrlos ausgeliefert zu sein?

Bernhard Heinzlmaier im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Saskia Blatakes.

Bernhard Heinzlmaier im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Saskia Blatakes.© Liane Tschentscher Bernhard Heinzlmaier im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Saskia Blatakes.© Liane Tschentscher

Information

Bernhard Heinzlmaier wurde 1960 in Wien geboren. Nach seinem Studium der Geschichte, Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Psychologie war er Geschäftsführer des Österreichischen Instituts für Jugendforschung. In den Neunziger Jahren wurde er Studienleiter in der Marktforschung und leitete eine Werbeagentur. 1997 gründete er das Meinungs- und Marktforschungsinstitut t-factory mit Standorten in Hamburg und Wien. Außerdem ist er Vorsitzender des Österreichischen Instituts für Jugendkulturforschung.
Bernhard Heinzlmaier lehrt an der Universität für angewandte Kunst und der FH Joanneum in Graz. Das jüngste seiner zahlreichen Bücher heißt: "Anpassen, Mitmachen, Abkassieren: Wie dekadente Eliten unsere Gesellschaft ruinieren" (Hirnkost-Verlag, Wien 2016).

Ja, diese Erfahrung ist für mich absolut bestimmend. Deshalb bin ich heute so institutionenkritisch. Autonomie, die Freiheit des Individuums, selbst entscheiden zu können und nicht manipuliert zu werden - das sind für mich total wichtige Werte. Bevor ich eine Institution unterstütze, ist mir lieber, dass ich mich subversiv mit ihr auseinandersetze. Institutionen müssen prinzipiell in Frage gestellt werden, auch wenn sie notwendig sind für die Gesellschaft. Deswegen mag ich auch diese ganze Institutionen-Verehrung wie beim Staatsfeiertag nicht. Eine Menschheit, die Heere braucht, ist sowieso gescheitert. Wenn man Konflikte nicht anders lösen kann, hat man die Aufklärung versäumt.

Sie bezeichnen die Jugend von heute als "Performer, Styler und Egoisten". Was stört Sie?

Mir ist Selbstdarstellung zuwider und ich mag es nicht, irgendwelche Rollen zu spielen. Ich glaube einfach, jeder Mensch hat das Recht, den anderen so zu erleben, wie er sich wirklich fühlt, und von ihm zu hören, was er wirklich meint. Und da muss man sich bemühen. Natürlich hat man oft das Bedürfnis, sich zu verstecken oder Unangenehmes zu verbergen. Aber ich mag das Kalkül nicht.

Sie vergleichen darin die Jugend von heute mit den 68ern, die ihrer Meinung nach viel engagierter waren.

Es gibt heute einen adaptiv-pragmatischen Mainstream, gemeint ist damit kalkulierter Aufstieg durch Anpassung. Während die 68er revoltierten, um sich bemerkbar zu machen, versuchen Jugendliche heute, sich bemerkbar zu machen, indem sie sich vorbildlich verhalten und top anpassen. Ich kann diese ganzen adrett gestylten Buben und Mädchen an der Wirtschaftsuni, am Juridicum oder den Fachhochschulen nicht mehr sehen. Das macht mich depressiv.

Spießer gab es auch in den 1960ern . . .

Das stimmt. Bei den 68ern waren es schätzungsweise zehn Prozent der Jugendlichen, die revoltiert haben. Aber damals gab es 90 Prozent Spießer, heute sind es 99 Prozent. Das ist genau die Problematik: Es gibt keine revolutionäre Avantgarde. In Wien gibt es vielleicht noch eine Handvoll Punks, die sich auf der Mariahilfer Straße versammeln. Und die sind wahrscheinlich von irgendjemand bezahlt, um zu zeigen, dass es noch eine Alternative gibt, zu diesem absurden konsumistischen und angepassten Leben. Wir haben also nicht einmal eine revoltierende Minderheit.

Was werfen sie den "Angepassten" vor?

Das ist wie in der Marktwirtschaft. Man versucht sich den Ansprüchen des Kunden anzupassen, um optimal zu profitieren. Diese Menschen sind nur noch umgeben von Waren und verwandeln sich selbst in Waren. Sie arbeiten nur an ihrer Warenästhetik: gut ankommen, performen und ja niemals sagen, was man wirklich denkt. Die absolute Verlogenheit. Das ist das Prinzip des Kapitalismus, in dem man von wirklich jeder Verpackungsaufschrift angelogen wird. Dann kommt man heim, packt etwas aus und sieht, dass nur die Hälfte drin ist. Genauso ist es heute am Arbeitsmarkt. Es kommt jemand zum Bewerbungsgespräch mit einer Wahnsinns-Performance, aber wenn man mit ihm spricht, ist nichts dahinter.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-03 13:36:12
Letzte ─nderung am 2017-03-04 15:21:36



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