• vom 19.03.2017, 13:30 Uhr

Zeitgenossen

Update: 20.03.2017, 08:08 Uhr

Poetik

"Therapie allein reicht nicht"




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Von Piotr Dobrowolski

  • Der Autor Daniel Kehlmann bezweifelt den Sinn von Schreibtherapien und mag gepflegten Horror.

- © Peter Jungwirth

© Peter Jungwirth



"Wiener Zeitung": Herr Kehlmann, es hilft nichts, wir müssen über Peter Alexander sprechen.

Daniel Kehlmann: Gut, aber warum eigentlich?

Information

Daniel Kehlmann hat mit "Die Vermessung der Welt" einen der erfolgreichsten deutschsprachigen Romane überhaupt geschrieben. (Geschätzte Gesamtauflage: sechs Millionen Exemplare). Kehlmanns jüngstes Prosawerk ist die 2016 erschienene Novelle "Du hättest gehen sollen". Derzeit wird am Theater an der Josefstadt sein Stück "Heilig Abend" aufgeführt. Neben seinen literarischen Texten beschäftigt sich Kehlmann auch mit Fragen der Literaturgeschichte und -theorie, 2015 war er eingeladen, die Frankfurter Poetik-Vorlesungen zu halten. Derzeit hält er eine Gastprofessur an der New York University. Geboren 1975 in München, aber in Wien aufgewachsen, gilt er als deutsch-österreichischer Schriftsteller. Sein Vater war der bekannte Regisseur und Schauspieler Michael Kehlmann.

Piotr Dobrowolski,
geboren 1965, war u.a. Außenpolitik-Chef bei "Format" und ist nun als freier Journalist tätig.

Der Mann hat nach dem Krieg bloß ein wenig lustig sein wollen. Und Sie machen aus ihm in Ihren Poetikvorlesungen ein Symbol für die Verdrängung der Nazigräuel. Ich glaube, Sie tun ihm Unrecht.

Ehrlich gesagt, ich fand ihn nie lustig. Aber darum geht es nicht. Ich habe ihn schon als Kind, als ich seine Filme am Samstagnachmittag sah, vor allem unglaublich seltsam gefunden. Inzwischen glaube ich draufgekommen zu sein, woran das gelegen ist. In diesen Filmen steckt so eine neurotische Verdrängungsenergie. Ich behaupte nicht, dass er persönlich etwas zu verdrängen oder zu verbergen gehabt hätte. Aber ich glaube, dass in seiner merkwürdig neurotischen Art, lustig zu sein, die kollektive Verdrängung dieser Zeit sehr deutlich wird, bis in die Gestik. Peter Alexander hat für jede Stimmungslage exakt eine Geste, die er einsetzt wie ein Roboter. Da gibt es die spielerische Drohung, wo er immer gleich schaut, den ewigen Gag mit dem Handkuss, wo er wie aus Versehen immer die eigene Hand küsst. Immer Gesten, die kein echter Mensch in einer wirklichen Situation machen würde.

Daniel Kehlmann im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Piotr Dobrowolski.

Daniel Kehlmann im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Piotr Dobrowolski.© Peter Jungwirth Daniel Kehlmann im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Piotr Dobrowolski.© Peter Jungwirth

Aber das macht doch Kunst aus! Auch die griechische Tragödie ist höchst formelhaft und die Figuren sagen auch ständig Dinge, die kein normaler Mensch sagen würde. Insofern ist Peter Alexander ein legitimer Nachfolger der griechischen Tragödie.

Das ist eine gewagte These. Sie haben Recht, Kunst ist oft formelhaft und sie muss nicht realistisch sein. Wenn sie aber zu Formeln greift, dann doch mit dem Wunsch, Wahres oder zumindest Verborgenes zu zeigen. Genau das tut der deutsche Nachkriegsfilm aber nicht. Das wäre allerdings noch kein Grund, darüber zu schreiben. Was mich an den Peter-Alexander-Filmen so beschäftigt hat, war die Tatsache, dass sich das Verdrängte durch die Hintertür doch wieder hereinschleicht. Da heißt dann der Hoteldirektor komischerweise Adi oder der vermeintliche reiche Verwandte kommt ausgerechnet aus Argentinien, dem Land, wohin sich unzählige Nazis nach dem Krieg geflüchtet haben. Und in auffällig vielen Filmen ist immer wieder von Mord die Rede.

"Ein ganz wesentliches Element der Spukgeschichte ist unsere Angst vor dem Unbestimmten der Vergangenheit".

"Ein ganz wesentliches Element der Spukgeschichte ist unsere Angst vor dem Unbestimmten der Vergangenheit".© Getty Images/ Science and Society Picture Library. "Ein ganz wesentliches Element der Spukgeschichte ist unsere Angst vor dem Unbestimmten der Vergangenheit".© Getty Images/ Science and Society Picture Library.

Was schleicht sich denn in Ihre Romane ein, wovon Sie gar nicht wissen, dass es da ist?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn sonst wüsste ich es doch! Ich hoffe aber schon, dass es da manches gibt. Denn ein literarischer Text sollte reichhaltiger, vielleicht auch klüger sein, als man es selbst als Autor ist. Man sollte aus ihm auch als Autor etwas erfahren, was man vorher nicht wusste.

Der Roman wird so zur psychoanalytischen Sitzung.

Nicht als Zweck. Das funktioniert nicht und ist auch die Erklärung dafür, warum bei Schreibtherapien fast nie etwas von literarischem Interesse entsteht. Therapie allein reicht nicht, um Kunst zu produzieren, Therapie ist nicht der Zweck künstlerischer Tätigkeit, sie kann aber ein Nebeneffekt sein. Man darf das allerdings nie anstreben, sonst kommt bloß schlechte Literatur raus. Über etwas zu schreiben heißt aber durchaus, auch Dinge zu sehen, die man sonst nicht bemerken oder verdrängen würde.

Daniel Kehlmann: "Ein literarischer Text sollte reichhaltiger, vielleicht auch klüger sein, als man es selbst als Autor ist.

Daniel Kehlmann: "Ein literarischer Text sollte reichhaltiger, vielleicht auch klüger sein, als man es selbst als Autor ist.© Peter Jungwirth Daniel Kehlmann: "Ein literarischer Text sollte reichhaltiger, vielleicht auch klüger sein, als man es selbst als Autor ist.© Peter Jungwirth

Womit wir bei der romantischen Überhöhung des Dichters zum begnadeten Seher wären.

Nicht unbedingt. Es ist viel banaler: Wenn man sich mit etwas intensiv beschäftigt, führt das oft zu einem Erkenntnisgewinn. Beim kreativen Prozess kommt man mit Ressourcen in Berührung, die einem auf der rein rationalen Ebene oft nicht zugänglich sind. Das hat aber nichts mit romantischer Überhöhung zu tun. Norman Mailer hat einmal dazu etwas sehr Schönes geschrieben: Jeder, der als Schriftsteller arbeitet, schließt einen im Grund sehr simplen Pakt mit sich selbst. Der bewusste Teil des Ich sagt zum Unbewussten: Ich verlasse mich darauf, dass du mir hilfst. Mein Anteil an unserem Pakt wird aber darin liegen, dass ich zur Stelle sein werde, dass ich mich jeden Tag an den Schreibtisch setze und arbeite. Das finde ich einen simplen und schönen Gedanken.

Und Sie erleben es tatsächlich, dass Ihnen beim Schreiben Ihr Unbewusstes zur Hilfe kommt?

Ja, manchmal mehr, manchmal weniger. Das ist aber recht unspektakulär. Da schreibt man zum Beispiel einen Dialog und weiß auf einmal, wie es weitergehen wird. Oder man liest etwas, was man am Vortag geschrieben hat und denkt sich: Das ist schön, dass mir das eingefallen ist. Aber man kann sich auf diese Hilfe nie verlassen. Man hofft, dass einem auch in Zukunft Dinge einfallen, aber es gibt keine Versicherung, dass das tatsächlich passiert.

Aber wenn Sie zwölf Mal die Erfahrung machen, dass Ihnen etwas einfällt, können Sie sich doch darauf verlassen, dass es auch beim dreizehnten Mal funktioniert.

Leider nicht. Ich war einmal in die Fernsehsendung des deutschen Meisterfälschers Wolfgang Beltracchi eingeladen, und er hat mir dort etwas gesagt, woran ich seitdem sehr oft denke. Er hat gesagt, dass man das sogenannte Originalgenie und den Fälscher auch deshalb definitorisch nicht so leicht trennen kann, weil jeder Künstler früher oder später anfängt, sich selbst zu fälschen. Das hat mich sehr beschäftigt, denn ich glaube, dass das stimmt - und auch auf Schriftsteller zutrifft. Ich glaube, dass fast alle Autoren einmal an den Punkt kommen, an dem das Unbewusste leider nicht mehr mitspielt. Man kann dann noch immer gute Bücher schreiben, aber man kopiert sich selber, die innere Wahrhaftigkeit geht verloren.


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Dokument erstellt am 2017-03-17 12:12:13
Letzte ─nderung am 2017-03-20 08:08:34



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