• vom 23.04.2017, 14:00 Uhr

Zeitgenossen


Porträt

Das Eigenleben der Bilder




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Von Nikolaus Halmer

  • Den vielseitigen Kunsthistoriker Horst Bredekamp beschäftigen vor allem die komplexen Beziehungen zwischen Kunstgeschichte und Philosophie. Am 29. April wird er 70 Jahre alt.





"Ich habe, so lange ich zurückdenken kann, mich mit Bildern beschäftigt, mit Bildern, die einen prägenden Faktor in der Politik, in der Wissenschaft, im Sport darstellen". Mit diesem Satz eröffnete der Kunsthistoriker Horst Bredekamp ein ausführliches Gespräch in seiner Wohnung in Berlin, in dem er über einige Aspekte der umfangreichen wissenschaftlichen Tätigkeit sprach.

Information

Bücher von Horst Bredekamp (Auswahl):
Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007, Suhrkamp Verlag 2010, 715 S., Euro 41,10

Der schwimmende Souverän. Karl der Große und die Bildpolitik des Körpers, Wagenbach Verlag, Berlin 2016, 173 S.,

Das Beispiel Palmyra, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2016, 39 Seiten, Euro

Nikolaus Halmer, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; Schwerpunkte: Philosophie, Kulturwissenschaften.

Das Spektrum reicht von den Bilderkämpfen in der Neuzeit über die Kunstkammern bis zur Rolle des Visuellen in den elektronischen Medien. Neben Publikationen über Botticelli und Michelangelo verfasste Bredekamp Studien über den Fußball in der Renaissance, über die Gartenkunst oder das Denkmodell des Cyberspace. Besonders beschäftigen Bredekamp die komplexen Beziehungen zwischen Kunstgeschichte und Philosophie. In seinen dichten Abhandlungen zu Philosophen wie Thomas Hobbes, Galileo Galilei und Gottfried Wilhelm Leibniz verweist er auf die Bedeutung des Visuellen im Werk dieser Denker. Kunst und Philosophie stehen einander nicht feindlich gegenüber, wie es ein beliebtes Klischee behauptet, sondern bilden ein Patchwork, in dem verschiedene Motive miteinander verbunden sind, die es zu dechif-frieren gilt.

Beginn bei der Marine

Geboren wurde Horst Bredekamp am 29. April 1947 in Kiel. Die Lage der Stadt am Meer habe ihn entscheidend geprägt - und dazu bewogen, in den frühen 60er Jahren zur Marine zu gehen, sagt er. Nach dem Ende der Tätigkeit in der Marine, die ihn bis Afrika führte, studierte er Kunstgeschichte und Philosophie in Kiel, München, Berlin und Marburg, wo er auch promovierte. Danach folgte ein Zwischenaufenthalt im Liebig-Haus - einem Museum für Skulpturen in Frankfurt am Main, das er wegen eines Angebots als Assistent in Hamburg verließ.

1993 erhielt Bredekamp einen Ruf an die Humboldt-Universität in Berlin, arbeitete an renommierten Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen wie dem Institute for Advanced Study in Princeton und dem Getty Center in Los Angeles.

Der Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere fiel in die Zeit der legendären 68er Bewegung, die sich gegen die intellektuelle Dürftigkeit der Nachkriegsära in der Bundesrepublik Deutschland richtete. Sie war eine Folge des Exodus von Wissenschaftern, die 1933 Deutschland wegen der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes verließen. Zu diesen Emigranten zählten Gertrud Bing und Fritz Saxl, die in der Nachfolge des Kunsthistorikers Aby Warburg eine damals revolutionäre Bildtheorie entwickelten, in der das Bild als allgemeines Medienereignis thematisiert wurde.

Warburg, der von 1866 bis 1933 lebte, gilt als der Begründer der Ikonologie - der Wissenschaft vom Sinn- und Symbolgehalt von Kunstwerken und Bildern. Er erweiterte den zu eng gefassten Rationalitätsbegriff des kunsthistorischen Kanons und plädierte für eine radikale Öffnung der Kunstgeschichte: Neben den Meisterwerken der Epochen sollten auch Münzen, Wappen, Briefmarken, Flugschriften oder Zeitungsfotos gleichberechtigte Gegenstände der wissenschaftlichen Forschungen werden.

Für Bredekamp war Warburgs erweiterte Bildtheorie die Initialzündung für seine eigenen kunsthistorischen Analysen, die er folgendermaßen beschreibt: "Die Ikonologie versucht eine Sinndeutung durch eine Dreistufung: erstens Sinn, der sich formal darstellt; zweitens die Umkreisung in einer kulturgeschichtlichen Einbettung, und dann die Rückkehr zur Spezifik des Einzelwerkes. Das ist eine methodische Bereicherung des Werkes, eine Kontrolle vor Willkür und der Versuch, das Bild insgesamt und die Kunst aus ihrer olympischen Isolierung zu lösen und mitten in das Leben hineinzustellen".

In seinem Buch "Theorie des Bildakts" entfaltete Bredekamp eine umfassende Darstellung der ikonologischen Methode. Sie bezieht sich auf unterschiedliche Bilder, die auf Plakatwänden, auf Bildschirmen oder Leinwänden, in Zeitschriften oder in Museen zu finden sind. Bredekamp betont die Eigenleistung von Artefakten, die etwa in der "Venus von Willendorf," in Hans Memlings "Weltgericht" oder in Jackson Pollocks "Action painting" erfolgt.

"Das Bild lebt", sagt Bredekamp, "es ist Leinwand, Farbe; es lebt nicht im organischen Sinn, aber als Form hat es ein Pseudoleben, von denen eigene Prägungen und Aktionen ausgehen." Die Kunstwerke irritieren die Betrachter und stellen die weit verbreitete Vorstellung, dass wir die Welt so sehen, wie sie ist, radikal in Frage. Bilder eröffnen laut Bredekamp vielmehr eine Welt, die vorher unbekannt war. Dieses Potenzial an Eigenenergie ist für den Bildakt bezeichnend, in den der Betrachter unwillkürlich hineingezogen wird und der ihn manchmal überwältigt. Das geht sogar so weit, dass den Bildern magische oder mystische Eigenschaften zugesprochen wurden. So sprach etwa der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty von dem "Rätsel des Sehens und der Sichtbarkeit" und von der "talismanischen Kraft der Farbe".

Primat der Reflexion

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-20 16:42:10
Letzte ńnderung am 2017-04-20 16:57:49



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