• vom 06.05.2017, 15:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Wir sind nicht alle krank,
sondern wir leben falsch"




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (168)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Sonja Panthöfer

  • Der Psychiater und Autor Hans-Joachim Maaz über den Herdentrieb, die gefährliche Sucht nach Normalität und "innerseelische Demokratie".

"Die Ängste, etwas zu sagen, was nicht mehr als politisch korrekt gilt, haben stark zugenommen", meint Hans-Joachim Maaz, Psychotherapeut und Bestsellerautor. - © Ekko von Schwichow

"Die Ängste, etwas zu sagen, was nicht mehr als politisch korrekt gilt, haben stark zugenommen", meint Hans-Joachim Maaz, Psychotherapeut und Bestsellerautor. © Ekko von Schwichow



"Wiener Zeitung": Früher war es verpönt, Mainstream zu sein, weil es nach Mittelmaß und Langeweile klang. Heute ist Mainstream kein Schimpfwort mehr. Was ist das Gute daran, so zu sein wie alle anderen?

Hans-Joachim Maaz: Das Gute an Verhaltensregeln ist das Gefühl, dazuzugehören. Ich mache das, was alle machen, und das ist wohl richtig. Ich kann dafür kaum bestraft, verhöhnt oder ausgegrenzt werden. Denn jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Orientierung, Halt und Zugehörigkeit. Wenn sich jemand unverstanden und allein fühlt, ist das sehr belastend. Der Nachteil von Verhaltensregeln ist natürlich, dass damit häufig eine nachlassende Kritikfähigkeit einhergeht. Das Risiko wächst, dass man Fehlentwicklungen mitmacht, ohne zu spüren, dass man sich auf dem Holzweg befindet.

Befindet sich ein Gast im jüdischen Restaurant auf dem Holzweg, wenn er sagt: Ich will ja nicht antisemitisch sein, aber die Hühnersuppe schmeckt ziemlich fad?

Natürlich! Wenn jemand verneint, rassistisch oder antisemitisch zu sein, ahnt man bereits, dass genau diese Gefühle vorhanden sind. So etwas sagt doch nur der, der insgeheim das glatte Gegenteil denkt. Jemand anders käme gar nicht auf die Idee. Insofern ist dies ganz klar ein Zeichen übertriebener Anpassung. Dieser Gast will betonen, dass er sich jetzt politisch korrekt verhält. Völlig klar ist: Die Ängste, etwas zu sagen, was nicht mehr als politisch korrekt gilt, haben stark zugenommen.

Wer also die Stimme senkt, wenn er sich kritisch zur Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel äußert . . .

Hans-Joachim Maaz

Hans-Joachim Maaz© Ekko von Schwichow Hans-Joachim Maaz© Ekko von Schwichow

. . . zeigt sehr klar die Angst, nicht mehr zum moralisierenden Mainstream dazuzugehören. Und unter Mainstream verstehe ich die versammelte Kraft, nicht als Außenseiter gelten zu wollen und für seine Ansichten offen bekämpft oder diffamiert zu werden. Für mich ist dieses Verhalten ganz klar ein Zeichen für die Krise der Gesellschaft. Daran zeigt sich, dass die Gefolgschaft durch Anpassung die Achillesferse jeder Gesellschaft bildet.

Information

Hans-Joachim Maaz wurde 1943 geboren, wuchs in Sebnitz in Ostdeutschland auf und ist seit vierzig Jahren praktizierender Psychiater und Psychoanalytiker. Über viele Jahre leitete er als Chefarzt die Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle. Er hat eine eigene Methode der analytischen Körperpsychotherapie entwickelt. Seit der Wende ist der Psychiater auch publizistisch tätig und hat mehrere Bestseller zu verschiedenen Aspekten des Seelenlebens und gesellschaftskritischen Themen verfasst.
Sein neues Buch heißt "Das falsche Leben. Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft" und ist im März 2017 im C.H. Beck-Verlag erschienen. Weitere Bücher, die er u.a. geschrieben hat: "Der Gefühlsstau. Psychogramm einer Gesellschaft" (erstmalig 1990, neu aufgelegt 2010); "Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm" (2013).
Gemeinsam mit Kollegen hat Maaz eine Stiftung für Beziehungskultur gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Frühbetreuung zu verbessern. Zum Angebot der Stiftung gehören Supervision in Kindertagesstätten und eine Elternschule.

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin, Autorin und Coach in München.

Hat sich jemand, der mit einem "Refugees good-bye"-Aufkleber auf seinem Auto herumfährt, vom Anpassungsdruck befreit?

Nun ja, wenn er befreit wäre, hätte er es nicht nötig, das zu betonen. Für mich wäre interessant, wogegen dieser Mensch eigentlich protestiert. Wenn ich mit diesem Menschen ins Gespräch käme, würde ich sehr bald weg von der Flüchtlingskrise kommen und stattdessen über sein Leben sprechen. Die Frage wäre dann, wie es um seine innerseelische Situation steht. Offensichtlich besteht in diesem Fall das seelische Bedürfnis, etwas loszuwerden.

Der Herdentrieb ist doch etwas Natürliches. Was macht den Mainstream so problematisch?

Problematisch daran ist, dass die pathologische Verhaltensweise und der Irrtum heutzutage immer öfter als "normal" erscheinen, bloß weil sich die Mehrheit so verhält. Das bezeichne ich als "Normopathie" unserer Gesellschaft - und gemeint sind damit die Menschen, die Gesellschaftsstrukturen benötigen, in denen sie ihre Störungen erfolgreich entfalten oder protestierend austoben können, und zugleich sichergestellt ist, dass die eigene Fehlentwicklung auf gar keinen Fall erkannt wird. Mehrheitsmeinungen sollten aus diesem Grund immer kritisch hinterfragt werden.

Indem Sie Menschen als "Normopathen" bezeichnen, könnte man Ihnen vorwerfen, dass Sie pathologisieren.

Ja und Nein. Zum einen bin ich Arzt und Psychotherapeut genug, um immer wieder die Grenze zwischen einer Krankheit zu sehen, die ihren entsprechenden Stempel erhält und Behandlungsberechtigung bei den Krankenkassen hat, und auf der anderen Seite die Vorboten einer möglichen Erkrankung zu erkennen. Wie man weiß, ist der Übergang vom Gesunden zum Kranken fließend. So gibt es real schwer kranke Menschen, die jedoch in ihrem Verhalten relativ unauffällig und fast gesund sind. Es gibt zugleich auch Menschen, denen medizinisch wenig nachgewiesen werden kann, die aber sehr leiden oder andere leidend machen.

"Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer im Gespräch mit Hans-Joachim Maaz.

"Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer im Gespräch mit Hans-Joachim Maaz.© Ekko von Schwichow "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer im Gespräch mit Hans-Joachim Maaz.© Ekko von Schwichow

Aber sind wir alle krank?

Mir liegt sehr viel daran, dass man nicht sagt: Wir sind alle krank, sondern wir leben falsch. Und falsches Leben bringt ein hohes Risiko mit sich, auch tatsächlich krank zu werden. Meiner Ansicht nach drückt sich falsches Leben auf zweierlei Weise aus: Einerseits kann sich das falsche Selbst über Krankheit, Symptome und Konflikte zeigen. Dies bedeutet, dass ich mich im Konflikt befinde zwischen meinem Innersten und dem, was ich soll und muss.

Und die anderen reagieren ihre Wut nach außen ab.

So ist es. Dieses soziale Ausagieren zeigt sich beispielsweise am Fremdenhass oder an anderen gesellschaftlichen Auffälligkeiten. Diese Menschen tragen ihre Entfremdung ins soziale Zusammenleben und vergiften es damit. Die Schwierigkeit besteht darin, berechtigte Kritik realer Probleme von der Projektion aus innerseelischem Druck zu unterscheiden. Von solchen Projektionen leben nicht nur einzelne Bürger, sondern auch die aktuelle Politik mit allen Vertretern, die von ihrer jeweiligen Partei behaupten, die Besten zu sein, und jeden politischen Gegner schlecht machen. Aber wissen Sie, was mir ernsthaft Sorgen bereitet?

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 3




4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-05 16:36:03
Letzte ─nderung am 2017-05-05 17:30:43



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Man braucht den Partner, so wie er ist"
  2. Reisen mit Geist und Verstand
  3. Unter der Glasur eines Märchens
  4. Der schöne Weltschmerz
  5. Floridsdorf an der Copacabana


Werbung