• vom 21.05.2017, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 21.05.2017, 14:42 Uhr

Interview

"Technik soll uns dienen, nicht beherrschen"




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Von Saskia Blatakes

  • Die Wirtschaftsinformatikerin Sarah Spiekermann über Verführbarkeit durch Technik und Handy-Pflichtgefühle.

Will Unternehmen und IT-Konzerne ethischer machen: Sarah Spiekermann. - © Liane Tschentscher

Will Unternehmen und IT-Konzerne ethischer machen: Sarah Spiekermann. © Liane Tschentscher



"Wiener Zeitung": Sie haben vor kurzem angekündigt, auf Ihr iPhone verzichten zu wollen. Warum?

Sarah Spiekermann: Ich habe mich abends in mein Auto gesetzt und plötzlich von Google Maps die Nachricht bekommen, wie viele Kilometer es noch bis zu meinem Ziel sind. Apple ist da einen Schritt zu weit gegangen. Die Firma hat begonnen, die GPS-Ortung meines Handys auszunutzen, mich zu überwachen und mir ungefragt Messages zuzuschicken. In meinen Handy-Einstellungen zu Google Maps steht, dass die Daten nur aufgezeichnet werden, wenn ich die App benutze. Aber nein. Maps hat absichtlich ein ambivalentes Wording genutzt. Das ist perfide. "Nutzen" heißt in dem Fall nämlich nur, dass ich die App installiert habe. Rechtlich ist das in Ordnung, aber ethisch nicht. Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder ich kaufe ein Android-Handy und deinstalliere alle Google-Programme oder ich spreche direkt mit Apple. Mein Ziel wäre es, dass die Firma mit mir kooperiert und endlich Dienste entwickelt, die im Sinne der ethischen IT sind.

S. Spiekermann im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin S. Blatakes.

S. Spiekermann im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin S. Blatakes. S. Spiekermann im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin S. Blatakes.

Information

Saskia Blatakes, geboren 1981 in München, studierte Politikwissenschaft und arbeitet nun als freie Journalistin in Wien.

Sie gehören mit Ihrem Boykott zur Zeit eher einer Minderheit an. Was bringt das?

Ich glaube, dass viele Firmen im Moment die Grenzen ausloten. Aber sie müssen aufpassen. Es gibt aus historischer Sicht das Phänomen des moralischen Schocks. Das sind manchmal Kleinigkeiten, bei denen die Firma oder der Mensch, der das auslöst, sich nicht bewusst sind, dass etwas zum Problem werden könnte. Das ist der Moment, in dem es kippt und der Benutzer beginnt, sein Verhalten zu ändern. In meinem Bekanntenkreis gibt es viele Menschen, die so einen Moment erlebt haben, der zum Umdenken geführt hat. Ich bin da nicht die Einzige.

"Wir fühlen uns zu oft verpflichtet, immer erreichbar zu sein, alle E-Mails zu lesen . . ." (Spiekermann).

"Wir fühlen uns zu oft verpflichtet, immer erreichbar zu sein, alle E-Mails zu lesen . . ." (Spiekermann).© afp/Behrouz Mehri "Wir fühlen uns zu oft verpflichtet, immer erreichbar zu sein, alle E-Mails zu lesen . . ." (Spiekermann).© afp/Behrouz Mehri

Welche Daten sammeln die Konzerne von uns?

Alle. Ob Sie körperlich fit sind oder einen Durchhänger haben. Ob Sie gerade eine Diät machen. Ob Sie psychologisch gut drauf sind oder eine Krise haben. Ob Sie auf Homöopathie oder Schulmedizin setzen. Ob Sie mit Ihrer Frisur zufrieden sind. Ob Sie Zahnprobleme haben. Was Ihre Lieblings-Kleidermarken sind und wie viel Sie für Kleidung ausgeben. Wo Sie wohnen und ob dort eher arme oder reiche Menschen sind. Ob Sie zuverlässig zahlen. Ob Sie in Callcentern anrufen und dort Kosten für die Unternehmen generieren. Ob Sie Kinder haben und wie es denen geht. Ob diese Kinder eher klug oder eher dumm sind. Diese Firmen haben nach eigenen Angaben pro Person rund 40.000 Datensätze. Da kommt schon einiges zusammen, was man über einen Menschen weiß. Man kann ein perfektes psychosoziales Profil erstellen.

Sarah Spiekermann wurde 1973 in Düsseldorf geboren. Sie ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und leitet das Institut für BWL und Wirtschaftsinformatik. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit ethischer IT und Datenschutz. Mit dem weltweit größten Ingenieursverband IEEE arbeitet sie zur Zeit am ersten Standard zum Thema ethische Technik. Sie ist Beraterin der EU-Kommission und der OECD. Zuletzt veröffentlichte sie 2016 ihr Buch "Networks of Control" (gemeinsam mit dem Forscher und Aktivisten Wolfie Christl), erschienen im Facultas Verlag.

Sarah Spiekermann wurde 1973 in Düsseldorf geboren. Sie ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und leitet das Institut für BWL und Wirtschaftsinformatik. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit ethischer IT und Datenschutz. Mit dem weltweit größten Ingenieursverband IEEE arbeitet sie zur Zeit am ersten Standard zum Thema ethische Technik. Sie ist Beraterin der EU-Kommission und der OECD. Zuletzt veröffentlichte sie 2016 ihr Buch "Networks of Control" (gemeinsam mit dem Forscher und Aktivisten Wolfie Christl), erschienen im Facultas Verlag. Sarah Spiekermann wurde 1973 in Düsseldorf geboren. Sie ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und leitet das Institut für BWL und Wirtschaftsinformatik. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit ethischer IT und Datenschutz. Mit dem weltweit größten Ingenieursverband IEEE arbeitet sie zur Zeit am ersten Standard zum Thema ethische Technik. Sie ist Beraterin der EU-Kommission und der OECD. Zuletzt veröffentlichte sie 2016 ihr Buch "Networks of Control" (gemeinsam mit dem Forscher und Aktivisten Wolfie Christl), erschienen im Facultas Verlag.

Wieso liegen die Algorithmen trotzdem so oft falsch? Warum zeigt mir Facebook personalisierte Werbung, die mich überhaupt nicht interessiert?

Weil Maschinen dumm sind. Sie leiden an schlechter Datenqualität, an schlechter Dokumentation und an nicht nachvollziehbaren Algorithmen. Aber sie profitieren gerade von einer völlig irrationalen Intelligenzzuschreibung. Maschinen als intelligent oder smart zu bezeichnen, ist naiv. Die Firmen sollten sich lieber darum kümmern, dass die Videotelefonie und die WLAN-Anbindung besser werden. Warum brechen immer noch Handytelefonate ab? Das hat es beim Festnetz nicht gegeben. Wir machen Rückschritte. Wir haben ein riesiges Problem mit der Technik, die wir uns so schnell geschaffen haben.

Die Firmen sollten zuerst einmal die Kindergarten-Probleme lösen, bevor sie anfangen, zu spinnen. Und sie spinnen natürlich, weil sie viel Geld verdienen wollen - und die IT-Industrie eine der perfektesten Marketing-Maschinen ist, die es überhaupt gibt. Wir sind seit 500 Jahren darauf konditioniert, an unseren Fortschritt zu glauben. Wir denken, alles, was neu ist, sei automatisch gut. Wir stellen dabei nicht in Frage, dass die Technik möglicherweise auch eine Fortschrittsbremse sein kann, die uns in die Irre führt. Sie kostet uns Wissen, Intelligenz und Arbeitsplätze. Wir müssen endlich lernen, zu unterscheiden, wo die Technik uns wirklich nutzt - und das tut sie in vielen Bereichen - und wo sie das nicht tut. Bei neuen IT-Projekten drittelt es sich übrigens: Ein Drittel macht unser Leben besser, ein Drittel verändert zwar etwas, macht aber nichts besser, und bei einem Drittel verschlechtert sich unser Leben sogar. Das heißt, in zwei Drittel der Fälle hätte man sich das Ganze sparen können! Das sollte jeder wissen, der in IT investiert.

Sind wir durch Big Data auch politisch steuerbarer geworden?

Die Entwicklung ist zur Zeit absolut bedenklich. Donald Trump will die Gelder für Homeland Security erhöhen und das steht auch für eine Überwachung der Bevölkerung. Die Chinesen haben einen nationalen Vertrauensindex eingeführt, der die Bevölkerung systematisch bewertet, um herauszufinden, welche Bürger "besser" oder "schlechter" sind. Ein anderes Beispiel ist das Credit Scoring der Banken, das es bis zu einem gewissen Grad auch bei uns gibt. Das ist ein indirekter, für uns unsichtbarer Zwang, der unser Leben sehr stark beeinflussen kann. Wenn ich als Normalverdiener einen Kredit für mein Haus aufnehme, macht es einen riesigen Unterschied, welchen Zinssatz ich bekomme. Es kommt schon heute zu unterschiedlichen Behandlungen auf Basis der Datensätze.


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Dokument erstellt am 2017-05-19 13:36:14
Letzte ─nderung am 2017-05-21 14:42:11



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