• vom 24.06.2017, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 24.06.2017, 20:13 Uhr

Interview

"Nicht jeder hat Anspruch darauf, alles zu erfahren"




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Von Heike Hausensteiner

  • Georg Semler, Großmeister der Großloge von Österreich, über das Geheimnis der Freimaurerei.

"Unsere Kernbotschaft ist: Veredle dich selbst, solange, bis dein rauer Stein besser in die Welt passt." (Georg Semler) - © Nurith Wagner-Strauss

"Unsere Kernbotschaft ist: Veredle dich selbst, solange, bis dein rauer Stein besser in die Welt passt." (Georg Semler) © Nurith Wagner-Strauss



"Wiener Zeitung": Herr Semler, derzeit wird in der Nationalbibliothek die Ausstellung "300 Jahre Freimaurerei" gezeigt. Wurde sie von der Großloge kuratiert?

Georg Semler: Nein. Und ich bin froh darüber. Das soll ja keine Jubelschau sein, sondern ein realistisches und interessantes Abbild des Bundes und der Ideen, die dahinter stehen. Die Nationalbibliothek - der Wissenschaft verpflichtet, eine Van Swieten- und damit Aufklärungs-Gründung - ist auf uns zugekommen, um darüber zu berichten. Es konnte uns nichts Besseres passieren. Der Kurator ist kein Bruder von uns, darauf lege ich auch Wert. Wir haben nur bei historischen Themen ausgeholfen und Exponate aus unserem Archiv oder aus unserem Museum in Rosenau zur Verfügung gestellt.

Information

Georg Semler kam vor drei Jahrzehnten, mit 28 Jahren, durch einen väterlichen Freund zur Freimaurerei. Er ist studierter Jurist, Unternehmer und Aufsichtsratschef der Wiener Privatklinik Rudolfinerhaus sowie Obmann von dessen gemeinnützigem Trägerverein. Vor wenigen Wochen wurde er für eine zweite dreijährige Amtsperiode als Großmeister ("Obmann") der Großloge von Österreich, einem Art Dachverband der einzelnen (Vereins-) Logen, wiedergewählt. Er ist verheiratet und zweifacher Vater.

Heike Hausensteiner war zehn Jahre lang politische Redakteurin der "Wiener Zeitung" und ist seit 2006 als freie Journalistin und Autorin tätig.
Georg Semler im Gespräch mit Heike Hausensteiner.

Georg Semler im Gespräch mit Heike Hausensteiner. Georg Semler im Gespräch mit Heike Hausensteiner.

Im 18. Jahrhundert schien die Freimaurerei ideologisch ein passendes "Setting" zu sein, um die Welt aufzubrechen.

Das ist seit 300 Jahren das Thema. Wenn ich an unsere Ideale wie Toleranz, Humanität, Brüderlichkeit, soziales Gewissen denke - wären diese Ziele erreicht, könnten wir uns in einen Debattierclub verwandeln. Ich glaube, dass sie nicht erreicht sind und man sich manchmal eher weiter davon wegentwickelt hat, als dass man ihnen näher gekommen wäre.

Der raue Stein steht bei den Freimaurern symbolhaft für den Menschen, wie er ist, solange er nicht beginnt, an sich zu arbeiten . . .

Der raue Stein steht bei den Freimaurern symbolhaft für den Menschen, wie er ist, solange er nicht beginnt, an sich zu arbeiten . . .© Nurith Wagner-Strauss Der raue Stein steht bei den Freimaurern symbolhaft für den Menschen, wie er ist, solange er nicht beginnt, an sich zu arbeiten . . .© Nurith Wagner-Strauss

In London können Besucher freimaurerische Tempel besuchen. Ginge das auch in Wien?

Es gibt Fotos unseres Großen Tempels, sowohl im Netz wie in Publikationen. Der Tempel an sich ist ja nichts Geheimnisvolles. Der gedankliche Tempel des Freimaurers entsteht durch das Ritual. Erst durch das Auflegen von Ritualgegenständen wie Zirkel und Winkelmaß wird für die Freimaurer der Raum zum Tempel. Wir machen keinen Tag der offenen Tür, an dem wir die Leute durchs Haus führen. Wenn Sie bei mir zu Hause mein Arbeits-, Wohn- und Badezimmer fotografieren wollten, würden das meine Frau und meine Kinder auch ablehnen. Immer alles öffentlich zu zeigen, grenzt für mich an Voyeurismus. Es ist nicht so, dass jeder darauf Anspruch hat, alles zu erfahren. Spätestens bei der eigenen Sphäre wird mit Datenschutz argumentiert, aber bei allen anderen interessanten Dingen wird Transparenz gefordert - das ist ein ungleiches Spiel.

Sie sagen, die Freimaurerei sei nichts Geheimes. Andererseits verstecken sich die Freimaurer hinter dem Geheimnis. Das ist zweischneidig. Dadurch wirkt das Ganze für Außenstehende mysteriös.

Georg Semler: "Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, die guten Willens sind."

Georg Semler: "Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, die guten Willens sind."© Nurith Wagner-Strauss Georg Semler: "Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, die guten Willens sind."© Nurith Wagner-Strauss

Was dem Geheimnis unterliegt, sind die Namen der aktiven Mitglieder. Die Deckung endet mit dem Zeitpunkt des Todes. Jeder Freimaurer kann seine Deckung offenlegen. Er muss sich dabei bewusst sein, dass er wie überall im Leben auf eigenes Risiko handelt. In manchen Bundesländern könnten ihm dadurch berufliche Nachteile erwachsen. Der Gewerkschaftsbund gibt seine Mitgliederlisten auch nicht in die Zeitung oder die Bank Austria eine Liste ihrer Kunden oder Mitarbeiter heraus. Was also im Wirtschaftsleben üblich ist, nämlich die Zugehörigkeit anderer nicht preiszugeben, ist auch bei uns das einzige Geheimnis. Wenn wir ein Geheimbund wären, würden wir wohl keine Ausstellung über uns in der Nationalbibliothek machen lassen. Die Gedanken der Freimaurer werden ständig irgendwo publiziert. Möglicherweise weiß der Konsument nur nicht, dass das freimaurerisches Gedankengut ist, was er gerade liest. Wenn ein Freimaurer etwas zu einem Thema schreibt, fließen diese Gedanken natürlich mit ein. Was wir als Geheimnis der Freimaurerei bezeichnen, ist das Erlebnis beim Ritual im Tempel; das Geheimnis kann nur in dieser speziellen Atmosphäre erfahren und sensitiv aufgenommen werden.

Warum tut man sich in Österreich im Vergleich zu Großbritannien mit Offenheit so schwer?

Vor allem aufgrund katholischer Herrscherhäuser wie der Habsburger im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die Freimaurer seit 1731 verbannten. Die protestantischen Länder hatten dieses Problem nie. Es hatte auch die jüdische Glaubensgemeinschaft nie ein Problem mit der Freimaurerei. In der katholischen Kirche ist das ein Relikt, obwohl die gesetzlichen Grundlagen seit dem Codex Iuris Canonici 1983 geklärt und entschärft sind - über heftigste Bemühungen von Kardinal König, der damals mit uns intensiv im Gespräch war. Da wurde die Mitgliedschaft bei der Freimaurerei als Exkommunikationsgrund - ein starker Sanktionsgrund - entfernt. Überall, wo die katholische Kirche im vorvorigen Jahrhundert viel Einfluss hatte, wurden die Freimaurer verfolgt und verbannt.

In Großbritannien bekennen sich auch noch lebende Musiker zur Freimaurerei, wie etwa Phil Collins.

Bei uns hat etwa Karl Hodina, der kürzlich verstorben ist und uns an seiner Musik hat teilhaben lassen, seine Mitgliedschaft nie an die große Glocke gehängt. Oder Schauspieler wie Helmut Lohner. Weil er sich gesellschaftlich nicht rechtfertigen wollte. Aber in dem Moment, wo ein Bruder nicht mehr unter uns ist, gilt die Deckung nicht mehr. Oft wissen nicht einmal alle Angehörigen, dass ein Verstorbener Freimaurer war. Die nahen Angehörigen wissen sehr wohl davon. Es hätte ja keinen Sinn, dass ich irgendeinen Briefmarkenclub erfinde, um meiner Frau zu sagen, ich gehe da jeden Donnerstag hin. Entferntere Verwandte erfahren oft erst beim Begräbnis, dass der Verstorbene Freimaurer war. Da werden drei verschiedenfärbige Rosen in einer bestimmten Dreiecksform angeordneten, das ist ein sehr berührendes Trauerritual, wie mir erst unlängst ein prominenter katholischer Geistlicher bestätigte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-22 17:26:15
Letzte ─nderung am 2017-06-24 20:13:08



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