• vom 05.08.2017, 13:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 06.08.2017, 16:27 Uhr

Interview

"Ich verspüre eine große Ungerechtigkeit"




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Wie lauten diese Forderungen genau?

Erstens: Berechnung der Kindererziehungszeiten auch für meine Generation mit einem fiktiven Einkommen von etwa 1800 Euro wie bei den jungen Müttern. Zweitens: Einrechnung von Kindererziehungszeiten und Erwerbseinkommen nach Pensionseintritt in die 30 Jahre für die um etwa 100 Euro höhere Ausgleichszulage. Drittens: Auszahlung des Höherversicherungsbetrags für Erwerbseinkommen nach Pensionseintritt zusätzlich und nicht anstatt der Ausgleichszulage.

Gibt es Chancen, diese Forderungen politisch durchzusetzen?

Die Parlamentsparteien ÖVP, SPÖ, FPÖ und Grüne haben bisher den dritten Punkt am ehesten durchsetzbar gefunden. Meiner Ansicht nach müsste jedoch auch Punkt 2 durchsetzbar sein, weil er den Staatshaushalt nicht übermäßig belasten würde. Und dann gäbe es da noch eine vierte Forderung: Dass es schnell gehen muss mit der Gesetzesanpassung! Bekanntlich haben Menschen meiner Generation nicht Zeit im Übermaß. Und ich will nicht, dass die Sache so lange hinausgezögert wird, bis sich das Problem von selber erledigt. . .

Beziehen Sie sich bei Ihrer Ini-tiative deshalb ganz bewusst auf die Mütter Ihrer Generation?

Mir wurde gesagt, ich hätte meine Initiative "Mütter-Revolte" statt "Oma-Revolte" nennen sollen und ich möge mich doch auch für die jüngeren Generationen einsetzen, denn die Arbeit der Mütter wird noch immer nicht entgolten und mindert wesentlich die Pensionsansprüche. Die jüngeren Generationen können sich mir gerne anschließen, aber ich kämpfe in erster Linie für meine Generation. Ich habe zu wenig Kraft und Zeit, der Motor für eine umfassendere Protestbewegung zu sein. Die jungen Frauen müssen selber um ihre Rechte kämpfen. Sie sind ohnehin viel selbstbewusster als wir älteren Damen.

Die Verteilungskämpfe werden härter, das ist auch in Österreich spürbar. Die jüngeren Generationen können schon nicht mehr so selbstverständlich davon ausgehen, dass ihre Pensionen gesichert sind. Möglicherweise wird es künftig viele Menschen geben, die bis 70 und darüber hinaus werden arbeiten müssen, insofern sie Arbeit bekommen. Es ist also nicht gerade eine günstige Zeit für Ihre Forderungen.

Immer wenn ich gefragt werde, aus welchem Topf man uns die höhere Pension zahlen soll, antworte ich: Aus demselben Topf, aus dem nach wie vor auch 10.000-, 20.000- und 30.000-Euro-Pensionen gezahlt werden. Wenn es in diesem System möglich ist, solche Luxuspensionen zu bezahlen, die ja von den von uns aufgezogenen Nachkommen aufgebracht werden, muss auch für uns Geld da sein. Außerdem: Wenn die jungen Menschen einmal in die Pension kommen, sind wir Alten von jetzt schon längst gestorben.

Vier von Ihren sieben Kindern sind Töchter. Haben diese sich für Kinder oder Karriere entschieden?

Alle meine Kinder hatten wie ich den Wunsch nach mehreren Kindern, sodass ich nunmehr 24 Enkel habe und einen Urenkel. Das ist ein großes Geschenk. Alle meine Töchter haben so schnell wie möglich wieder ihre Erwerbstätigkeit aufgenommen, haben sich allerdings auch etliche Jahre um ihre Kinder gekümmert. Sie haben deshalb ebenfalls keine grandiosen Pensionsansprüche.

Was würden Sie jungen Frauen raten, die vor der Entscheidung zwischen Kind und Karriere stehen?

Ich würde mir niemals anmaßen, jungen Frauen einen Rat zu geben. Jede muss für sich selber entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten möchte. Ich finde, jede Frau sollte die Wahlfreiheit zwischen Karriere und Kindern oder einer zufriedenstellenden Kombination von beidem haben. Aber wenn man sich aus Geldgründen gegen Kinder entscheiden muss, ist das keine freie Wahl.

Wäre es für Sie eine Alternative gewesen, die Kinder-Betreuungsarbeit auszulagern, um schon früher Ihre Karriere starten zu können?

Für mich wäre es nicht in Frage gekommen, ich hätte es ganz einfach nicht ausgehalten. Ich habe es täglich gemerkt, wie sehr meine Kinder mich auch emotional als Unterstützung brauchten. Natürlich gibt es andere Vertrauenspersonen und mittlerweile auch gute Betreuungseinrichtungen. Aber Mütter und Väter sind meiner Meinung nach nicht so leicht zu ersetzen. Wenn ich mich nicht um meine Kinder hätte ausreichend kümmern können, hätte ich mich gegen Kinder entscheiden müssen.

Wie sehen Sie die Mutter- und Vaterrolle ganz allgemein von der Gesellschaft bewertet?

Leider nicht sehr hoch. Frauen und Männer sollten gemeinsam und mit mehr Selbstbewusstsein dafür kämpfen, dass die Kindererziehung vermehrt Anerkennung findet. Sie ist nicht nur für das Schicksal eines jeden Einzelnen, sondern auch für das Staatswohl entscheidend. Eltern leisten ja weit mehr als nur die bloße Aufzucht und Betreuung ihrer Kinder. Ich habe zum Beispiel allen meinen sieben Kindern Schwimmen, Radfahren und Skifahren beigebracht.

Heute entscheiden sich immer mehr junge Menschen für ein Leben ohne Kinder. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Mich wundert es oft nicht, dass es so wenige Kinder in unserer westlichen Gesellschaft gibt. Man braucht ja nur zu vergleichen: Auf der einen Seite die kinderlosen Paare mit vollwertigem doppeltem Einkommen, die sich tolle Urlaube, Ausgehen, eine Luxus-Wohnung und sonst noch einiges leisten können, auf der anderen Seite die Familien mit nur einem Einkommen, die schauen müssen, wie sie mit dem Geld über die Runden kommen. Und im Alter haben sie dann ebenfalls das Nachsehen, weil die Kindererziehung bei den Pensionsansprüchen ziemlich wenig gilt. Das ist der Grund, warum ich mit meinen Anliegen auch von vielen Männern unterstützt werde.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-04 16:24:14
Letzte nderung am 2017-08-06 16:27:49



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