• vom 19.08.2017, 16:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Ich habe den Solo-Weg intensiv erforscht"




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Von Sonja Panthöfer

  • Die Autorin und Lektorin Franziska Muri über die Vorzüge des Alleinseins, über Frauen an "Katzentischen" in Restaurants, die häufigsten Vorwürfe an Singles - und über "Minimomente der Liebe".

- © Dieter Mayr

© Dieter Mayr



"Wiener Zeitung": Allein sein und sich allein fühlen sind grundverschiedene Zustände. Waren Sie schon immer gern für sich?

Franziska Muri: Offen gesagt war das Alleinsein für mich lange eine zwiespältige Angelegenheit. Denn tatsächlich bin ich gern für mich, gehadert habe ich aber trotzdem damit. Denn zugleich gab es das ebenso diffuse wie hartnäckige Gefühl: Mit mir stimmt etwas nicht, wenn ich so viel allein und gern solo bin. Es war daher ein langer Weg, zum Alleinsein zu stehen und mich darin okay zu finden. Irgendwann hatte ich allerdings keine Lust mehr, mich selbst als Problem anzusehen, nur weil ich ohne Partner und damit kein Teil der sogenannten gesunden Norm der Gesellschaft bin.

Information

Franziska Muri, Jahrgang 1973, ist in Dresden geboren und aufgewachsen. Nach ihrem Studium der Kulturwissenschaften in Leipzig ging sie nach München und lebt heute als freiberufliche Lektorin und Autorin im bayerischen Alpenvorland. Sie lebt allein, sie arbeitet allein - und sie liebt es. Meistens.
Ihr Buch "21 Gründe, das Alleinsein zu lieben" ist im Integral-Verlag erschienen. Weitere veröffentlichte Bücher der Autorin sind: "Alles, was mich glücklich macht". Integral-Verlag, "Vom Zauber der Rauhnächte" (gemeinsam mit Vera Griebert-Schröder), Irisiana-Verlag.

Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin, Coach und Lehrerin in München.


Franziska Muri (r.) im Gespräch mit Sonja Panthöfer.

Franziska Muri (r.) im Gespräch mit Sonja Panthöfer.© Dieter Mayr Franziska Muri (r.) im Gespräch mit Sonja Panthöfer.© Dieter Mayr

Wodurch hat sich Ihre Haltung verändert?

Indem ich mir das Alleinsein zum Projekt gemacht habe und diesen Solo-Weg wirklich erforscht habe. Dadurch, dass ich wirklich bereit dazu war, bin ich tief in diesen Zustand eingetaucht und habe dabei sehr bewusst erlebt, welche Ängste und Gefühle hochkommen. Letztlich hat mir dieses Eintauchen den Mut gegeben, auch Phasen durchzustehen, in denen ich tagelang niemanden gesehen habe. Seitdem empfinde ich es nicht mehr als Manko, allein zu sein. Begriffen habe ich außerdem, dass ich in meinem Alleinsein nicht allein bin, sondern sogar Teil eines kollektiven Prozesses. Schließlich steigen die Scheidungsraten immer weiter und die Häufigkeit der Partnerwechsel ist so hoch wie nie zuvor.

"Wenn ich mich mit niemandem austausche, erlebe ich den Ort umso intensiver."

"Wenn ich mich mit niemandem austausche, erlebe ich den Ort umso intensiver."© Dieter Mayr "Wenn ich mich mit niemandem austausche, erlebe ich den Ort umso intensiver."© Dieter Mayr

Das ändert aber nichts daran, dass viele ungewollt Single sind. Reden Sie mit Ihrem Buch, "21 Gründe, das Alleinsein zu lieben", nicht einen traurigen Zustand schön?

Das ist eine berechtigte Frage. Zunächst einmal kann ich ganz klar sagen, dass ich diesen Zustand bestens kenne und ihn daher auch nicht verharmlosen will: Ich habe das beißende Gefühl des Andersseins beim Sonntagsspaziergang zwischen Paaren und Familien erlebt. Ich kenne die quälenden Essen an "Katzentischen" von Restaurants und die Tränen an einsamen Abenden. Trotz alledem erschien es mir ungerecht, dass der Ruf des Alleinseins so schlecht ist.

Woran liegt das?

Das hat vielfältige Gründe. Einer ist, dass wir unseren Selbstwert heute zu einem großen Teil daraus beziehen, ob wir einen Partner an unserer Seite haben oder nicht. Die Soziologin Eva Illouz beispielsweise schildert das sehr genau in ihrem Buch "Warum Liebe weh tut".

Früher war eine Frau ohne Mann an ihrer Seite doch überhaupt nichts wert.

Das stimmt, und da hat sich natürlich vieles verbessert. Innerlich aber empfinden wir oft noch immer so. Was die Menschen früher vom Alleinsein abhielt, waren wirtschaftliche Zwänge und die Frage der Sicherheit. Im Unterschied dazu spielt heute eher Psychisches eine Rolle: Sind wir allein, haben wir einfach niemanden, der uns unseren Wert bestätigt. Dabei aber müssen wir nicht stehen bleiben. Sich bewusst zu machen, dass wir heute unseren Wert aus uns selbst ziehen können, kann dabei helfen, zu den eigenen Bedürfnissen vorzudringen.

Unterschiedliche Bedürfnisse sind ein neuralgischer Punkt. Dauer-Singles müssen mit dem Vorurteil leben, dass es mit ihnen keiner aushält, weil sie so kompromisslos sind.

Kompromisslosigkeit hat mir glücklicherweise noch niemand vorgeworfen. Aber manchmal musste ich mir vorhalten lassen, dass ich beziehungsunfähig sei. Aber ich hatte genug davon, mich von Therapeuten in ihren Büchern oder Artikeln oder von selbsternannten Hobbypsychologen pathologisieren lassen. Wissen Sie, was ein noch schlimmerer Vorwurf als Beziehungsunfähigkeit ist?

Nämlich?

Beziehungsunwilligkeit. Das wird als unbewusste Unfähigkeit interpretiert. Aber mir ging es zunehmend gut allein, es ging nur halt nicht in die Richtung, die ich und andere glaubten, einschlagen zu müssen.

Verlassen sich langjährige Singles im Zweifelsfall nicht doch lieber auf sich allein, als dass sie auf möglicherweise faule Kompromisse eingehen?

Das glaube ich ganz sicher. Statistisch erwiesen ist: Je länger Frauen allein leben, desto lieber tun sie es. Fängt es dann an, in einer neuen Beziehung zu knirschen, beenden sie das Ganze womöglich schneller, als es sein müsste. Beziehungsstress ist dennoch ein sehr guter Grund, das Alleinsein zu lieben. Ich sage das mit einem gewissen Augenzwinkern, denn es gibt eine interessante Studie des Wiener Verhaltensforschers Ivo Machatschke, in der Single-Meerschweinchen weniger gestresst reagierten als die paarigen. Aus diesem Grund fanden Single-Tiere schneller und effektiver im Labyrinth verstecktes Futter als Pärchen. Was für Mensch und Tier sicher gleichermaßen gilt, ist Folgendes: Derjenige, der allein ist, wird zum Weiterlernen regelrecht gezwungen. Und er muss schleunigst an allen Herausforderungen wachsen.

Dauerhaft allein zu leben ist eine extreme Form von Individualismus.

Ja, das stimmt. Aber es ist zweifellos auch Typ-Sache. Es gibt introvertierte Menschen, die ein natürliches Bedürfnis haben, viel für sich zu sein. In einer Welt, die weitestgehend auf Extrovertierte ausgerichtet ist, wie die US-amerikanische Autorin Susan Cain in ihrem Buch "Still" schreibt, wird uns gern eingeredet, dass jeder kontaktfreudig sein muss. Aber nicht jeder, der so wie ich in den letzten Jahren überwiegend solo war, findet das unangenehm oder stürzt gar ab. Ich bezeichne mich selbst übrigens nicht einmal als Single.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-17 17:01:11
Letzte ─nderung am 2017-08-17 17:07:41



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