• vom 19.08.2017, 16:00 Uhr

Zeitgenossen


Interview

"Ich habe den Solo-Weg intensiv erforscht"




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Weil?

Mit dem Begriff Single wird aus meiner Sicht jemand assoziiert, der auf der Suche ist. Doch das bin ich nicht. Stattdessen sehe ich mich eher als "Alleinige", als Mensch, der vom Gefühl her ganz selbstverständlich allein im Leben steht. Und ich kenne Leute, die glücklich in einer Ehe leben, die ich ebenfalls als Alleinige bezeichnen würde. Es sind Menschen, die ganz viel für sich sind, eigene Projekte verfolgen und für sich stehen. Es gibt sie nicht im symbiotischen Doppelpack.

Gerade für Frauen ist es eine Herausforderung, allein auf Reisen zu sein. Wie ist das bei Ihnen?

Ich reise sehr gern, mag aber weder Gruppenreisen noch Reisen mit Freundinnen. Insbesondere zu Beginn habe ich einige schmerzhafte Fehlversuche erlebt, weil ich mich als Solistin in klassischen Touristenorten wie beispielsweise auf einer griechischen Ferieninsel plötzlich allein unter Paaren wiederfand - und das als sehr unangenehm erlebte. Ich war fehl am Platz.

Wohin fahren Sie nunmehr?

Ich persönlich mag Rundreisen sehr gern. Ich bin ein paar Tage an einem Ort - in einer Stadt, bei einem Kraftplatz, an einem See - und fahre dann weiter zur nächsten Station. Ein heikler Punkt ist selbstverständlich, dass man als Frau unterwegs schnell Angst bekommen kann, wenn man sich allein an einem einsamen Platz befindet.

Das stimmt. Was empfehlen Sie?

Ein Patentrezept habe ich natürlich auch nicht. Als Frau muss man besonders darauf schauen, was man sich zutraut, und vor Ort einfach wachsam sein. Ich bin selbst aus einer brenzligen Situation mit heiler Haut herausgekommen, aber der Schock saß tief. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ganz schwer einzuordnen ist, ob es sich tatsächlich um eine reale Gefahr handelt oder ob es doch "nur" die Angst ist, die ich in dem Moment in mir trage.

Das klingt nicht nach erholsamem Urlaub.

Die Gestaltung der typischen Höhepunkte im Jahr muss man sich regelrecht erarbeiten, das ist einfach so. Singles müssen für sich eine Form finden, wie das Reisen Spaß machen kann. Inzwischen erlebe ich es als eine Art von Selbstvergessenheit und Freiheit, wenn ich vor Ort niemanden kenne. Wenn ich mich mit niemandem austausche, erlebe ich den Ort umso intensiver. Er wird für mich zum Du. Eine sehr schöne Erfahrung.

Wie verbringen Sie Weihnachten und Silvester?

Weihnachten bin ich bei der Familie, bei meinen Eltern oder meinem Bruder und seiner Frau. Silvester hingegen fand ich lange schwierig. Heute aber genieße ich es als eine Nacht ganz für mich allein. Ich gestalte mir die Zeit festlich und sehr still. Ich reflektiere, was war und was ich im kommenden Jahr möchte. Ich schreibe mir auch selbst einen Brief, den ich im nächsten Jahr dann lese.

Zum Unterwegssein gehört der Restaurantbesuch, doch viele Frauen finden allein essen grauenhaft.

Diese Sorgen kenne ich gut - und doch sind sie hausgemacht. Denn es interessiert niemanden, ob und mit wem oder ohne wen man im Restaurant sitzt.

Da würden Ihnen viele widersprechen!

Nun, es gibt sogar wissenschaftliche Untersuchungen dazu, man spricht vom sogenannten "spotlight effect": Wer allein ein Restaurant betritt, verspürt sofort ein Unwohlsein und glaubt, dass ihn alle anstarren. Diese Studien bestätigen jedoch, dass jeder nur sieht, was der momentane Filter zulässt.

Ich kenne eine Frau, der ein Mann eine Rose schenkte mit den Worten: "Weil Sie so einsam sind."

Das lässt natürlich vor allem Rückschlüsse auf den Mann zu! Richtig ist aber, dass viele Frauen allein im Restaurant schlechte Erfahrungen gemacht haben. Stichwort Katzentisch. Das tut weh. Tatsache ist aber auch: Es hilft, es als Zeichen dafür zu nehmen, wie ich selbst gerade drauf bin und auftrete. Aus meiner Erfahrung werden die unangenehmen Erfahrungen seltener, je versöhnter und klarer man mit seiner Lebenssituation ist.

Der verstorbene Intellektuelle Roger Willemsen lebte sehr gern allein und träumte doch von der immerwährenden Liebe. Ist das bei Ihnen anders?

Der Traum von der exklusiven Liebe bleibt selbstverständlich für Alleinlebende ein Thema. Ich kenne das auch von mir, dass intensive Zweisamkeitssehnsüchte wieder wach werden, wenn ich mich in jemanden verliebe. Aus meiner jetzigen Situation heraus spüre ich jedoch, dass sich mein Verständnis von Liebe verändert und vor allem ausgeweitet hat. Wer soziale Abstinenz kennt, kann Begegnungen oft umso intensiver genießen. Insofern erlebe ich inzwischen viele Minimomente der Liebe, die ich als erfüllend empfinde.

Was genau sind Minimomente der Liebe?

Diesen Begriff habe ich von der US-amerikanischen Psychologin Barbara Fredrickson, die einen ganz anderen Blick auf unser "höchstes Gefühl" wirft. Sie versteht unter Liebe einen "Mikromoment der Verbundenheit" zwischen zwei Menschen und meint damit ein Gefühl, das uns überall begegnen kann. Es ist der kleine Moment der positiven Resonanz zwischen zwei Wesen, der in mir selbst ein liebevolles Gefühl auslöst. Diese Augenblicke kann ich mit Freunden erleben, inmitten der Natur empfinden oder für ein Projekt spüren, das mir sehr am Herzen liegt. Diese Begegnungen können auch im Café oder an der Tankstelle mit Fremden passieren. Sie führen selten zu Eheversprechen, sorgen aber dafür, dass Glückshormone ausgeschüttet werden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-17 17:01:11
Letzte ─nderung am 2017-08-17 17:07:41



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