• vom 03.09.2017, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 03.09.2017, 13:44 Uhr

Psychologie

"Poesie ist ein Türöffner zur Seele"




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Von Irene Prugger

  • Psychologe Tobias Ballweg: Wie literarische und philosophische Texte bei stressbedingten Krankheiten helfen können.

Wir mögen die Vorgärten unserer Seele, aber für die Hinterhöfe genieren wir uns - für unsere Ängste, Schwächen und Unzulänglichkeiten (Tobias Ballweg)., - © Prugger

Wir mögen die Vorgärten unserer Seele, aber für die Hinterhöfe genieren wir uns - für unsere Ängste, Schwächen und Unzulänglichkeiten (Tobias Ballweg)., © Prugger



"Wiener Zeitung": Herr Ballweg, wir befinden uns hier im Sanatorium Kilchberg am Zürichsee, einer bekannten psychiatrischen Klinik, die heuer ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Sie sind als Leitender Psychologe vor allem für Burnout-Patienten zuständig, wobei Sie den Ausdruck Burnout-Klinik vermeiden. Warum?

Tobias Ballweg: Zum einen werden in diesem Sanatorium alle psychischen Krankheiten behandelt, zum anderen ist ja Burnout per se keine Krankheit, sondern vielmehr ein Prozess oder ein Risikozustand, der zu psychischen Folgeerkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen führen kann. Ausgelöst wird dieser Prozess durch chronische Stressfaktoren, die von den Betroffenen als nicht mehr bewältigbar erlebt werden.

Information

Tobias Ballweg wurde 1966 in Fulda geboren, studierte Philosophie, Psychologie und Theologie und arbeitet seit 2011 als Therapeut und Leiter des Ethikforums im Sanatorium Kilchberg, dessen Leitender Psychologe er seit 2016 ist. Bis 2007 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn tätig, danach wechselte er als Dozent an die Universität Luzern. Zum 150. Bestehen des Sanatoriums gab er das Buch "Ohne Gestern ist morgen kein Heute" (Verlag orell füssli) heraus. Es erzählt die Geschichte der Klinik und ihrer berühmten Patienten. Das Sanatorium Kilchberg am linken Zürichsee-Ufer feiert 2017 sein 150-jähriges Bestehen. Es gehört zu den ältesten psychia-trischen Privatkliniken in der Schweiz und ist mittlerweile auch für allgemein versicherte Patienten zugänglich.

Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol. Zuletzt ist von ihr das Buch "Vorarlberger Alpgeschichten" (Löwenzahnverlag) erschienen.

Kilchberg ist eine der ältesten psychiatrischen Kliniken in der Schweiz. Gab es vor 150 Jahren ebenfalls bereits stressbedingte Erkrankungen?

Refugium und Kraftort für psychisch kranke Menschen: das idyllisch gelegene Sanatorium Kilchberg am Zürichsee.

Refugium und Kraftort für psychisch kranke Menschen: das idyllisch gelegene Sanatorium Kilchberg am Zürichsee.© Prugger Refugium und Kraftort für psychisch kranke Menschen: das idyllisch gelegene Sanatorium Kilchberg am Zürichsee.© Prugger

In einem medizinischen Lehrbuch von 1806 wird bereits die "Hec-
tica nervosa" beschrieben. Später diagnostizierte man häufig eine Neurasthenie. Sie war das Burnout des 19. Jahrhunderts, eine "Nervenschwäche", deren Ursachen in der allgemeinen Beschleunigung und Urbanisierung gesehen wurden. Die Erfindung der Lokomotive löste bei vielen Menschen Ängste aus, und die aufkommende Industrialisierung tat das Ihre dazu, dass sie sich zunehmend überfordert fühlten.

Nach welcher Heil-Methode arbeiten Sie?

"Es darf ruhig auch einmal etwas unverstanden bleiben".

"Es darf ruhig auch einmal etwas unverstanden bleiben".© Prugger "Es darf ruhig auch einmal etwas unverstanden bleiben".© Prugger

Wir arbeiten hier in Kilchberg nach der SymBalance-Methode. Das ist ein integratives Therapiekonzept, das von uns entwickelt wurde und auf sechs Wochen ausgerichtet ist. Dabei werden zuerst die individuellen Ursachen der Erkrankung ermittelt. Die Behandlung besteht daran angepasst aus einer Kombination von ärztlichen und psychologischen Angeboten. Hinzu kommen Kunst und Musik sowie die körperbezogenen Therapien, die ja schon immer in einem Sanatorium eine zentrale Rolle spielen, etwa Physio-, Bewegungs- und Lichttherapien.

Einen wesentlichen Beitrag zur Heilung leistet gewiss auch die Wirksamkeit des Ortes selbst, der Ruhe und Schönheit ausstrahlt: gediegene Gebäude mit wunderschöner Parkanlage und Ausblick auf den Zürichsee.

Unbedingt. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte es bei diesem Sanatorium zum Konzept, Refugium und Kraftort für psychisch kranke Menschen zu sein. Die hier gelebte Gastlichkeit ist ein wesentlicher Beitrag zur Gesundung. Der Schriftsteller John Irving, der einmal das Sanatorium Kilchberg als Gast besuchte, sagte zu seiner Frau: "Falls ich einmal ausklinken sollte, bring mich bitte hierher!"

Ihre Patienten haben bei der Ankunft vermutlich weniger Sinn als John Irving für die Schönheit, die sie hier umgibt?

Unsere Patienten befinden sich in einem psychischen und körperlichen Ausnahmezustand und verspüren oft ein Gefühl der inneren Leere. Viele sind mittelgradig oder schwer depressiv und leiden zudem an psychosomatischen Symptomen. Um den Alltag einigermaßen bewältigen und den Zusammenbruch vermeiden zu können, haben sie sich zunehmend in ein mechanisches Verhalten geflüchtet. Sie funktionieren gewissermaßen auf Autopilot. Es braucht Zeit, bis sie sich wieder für intensive Sinneseindrücke öffnen können.

Gibt es speziell gefährdete Berufsgruppen?

Stressbedingte Erkrankungen erfassen alle Berufsgruppen, eine Konzentration ist allerdings im Bankenwesen und in der IT-Branche zu finden. Das hängt damit zusammen, dass sich bei diesen Branchen die Schnelllebigkeit unserer Zeit besonders deutlich niederschlägt. Diese Berufsgruppen sind besonders raschen Veränderungszyklen ausgesetzt und müssen hochflexibel sein, bis Psyche und Körper vielleicht eines Tages rebellieren und es zu einem Burnout kommt.

Diese ausgebrannten Menschen, die vielleicht noch die letzte Geschäftsbilanz im Kopf haben, konfrontieren Sie mit einem ganz speziellen "Therapeutenteam", bestehend u.a. aus Marc Aurel, Leo Tolstoi, Seneca, Epikur, Fernando Pessoa . . .

Wir bieten mehrere Gruppenprogramme zur Stressbewältigung an, wie gesunde Kommunikation, emotionale Kompetenz, Achtsamkeit und eben auch Philosophie. Die Philosophie-Gruppe hat sich zum beliebtesten Gruppenangebot entwickelt. Nicht nur, weil es meinen eigenen Vorlieben entspricht, bin ich der Überzeugung, dass sie auch zu den effizientesten zählt.

Wie funktioniert das genau? Sie lesen kurze philosophische oder literarische Texte zum Thema Lebensbewältigung und sprechen dann darüber?

Ja, wir lesen die Passagen, mit denen wir uns befassen, zweimal laut vor. Beim zweiten Lesen bitte ich die Patienten, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten und genau darauf zu achten, welche Vorstellungen, Gedanken oder Gefühle aufkommen. Mit dieser persönlichen Innenansicht beginnt die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Text. Die philosophischen und literarischen Texte funktionieren wie Türöffner zur Seele, man erreicht bei diesen Gruppensitzungen oft eine erstaunliche Verarbeitungstiefe. Manche Teilnehmer sind zunächst überrascht, wie persönlich diese Texte von Mitpatienten genommen werden und lassen sich dann ebenfalls darauf ein.

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Dokument erstellt am 2017-08-31 17:45:11
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