• vom 03.09.2017, 12:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 03.09.2017, 13:44 Uhr

Psychologie

"Poesie ist ein Türöffner zur Seele"




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Kommt diese Praxis hauptsächlich Patienten mit literarischer oder philosophischer Vorbildung entgegen?

Interessanterweise sind es vor allem Menschen ohne literarische oder philosophische Vorbildung, die sich spontaner und direkter auf einen Dialog mit dem Text einlassen. Den Fachkundigen verstellt oft das Wissen den Zugang zur emotionalen Relevanz der Texte. Sie wählen lieber eine kalte Interpretation, statt über ihre Empfindungen zu reden. Insgesamt aber haben die Tiefe und Bedeutungsdichte der Poesie etwas enorm Anziehendes - gerade für Menschen in Krisensituationen. Und es darf ruhig auch einmal etwas unverstanden bleiben.

Warum wählen Sie für Ihre Gruppen so gerne Texte von antiken Philosophen aus?

Zu den zentralen Themen der antiken Philosophie gehört neben den Fragen, welche Haltungen wir zu Zeit, Glück, Kontingenz und Sterblichkeit einnehmen, auch die Frage, welche Haltung zu uns selbst angemessen ist. Das ist eine wichtige Überlegung für ein gelingendes Leben. Außerdem wusste man schon in der antiken Medizin über die enge Beziehung von Körper und Geist Bescheid. In Heilstätten wie Epidauros setzte man neben der ärztlichen Behandlung auf Bäder, Entspannungskuren, intensive Gespräche und kulturelle Angebote. Unser Sanatorium steht ja auch deshalb in der Tradition der antiken Heilkunst.

Beschreiben die Philosophen nicht eher von einem erhabenen, abgeklärten Standpunkt aus, wie man sein Leben gut und befriedigend lebt?

Nein, keineswegs. Marc Aurel oder Seneca machen kein Hehl aus ihren eigenen Schwierigkeiten und Selbstzweifeln, sie geben offen zu, dass auch sie oft am
Ideal scheitern. Sie sind ja Philosophen, sie propagieren die Liebe zur Weisheit und behaupten nicht, diese Weisheit selber uneingeschränkt leben zu können.

Welche Texte und Autoren neben den antiken Philosophen eignen sich für Ihre therapeutischen Gruppensitzungen am besten?

Fernando Pessoa funktioniert immer. Er schreibt sehr bildstark und ich habe kaum einmal in einer Therapiesitzung erlebt, dass sich jemand von seinen Texten nicht emotional berühren lässt.

Gibt es bevorzugte Themen, die Sie in den Mittelpunkt der literarisch-philosophischen Sitzungen stellen?

Das Thema Zeiterleben ist ein sehr wichtiger Aspekt bei stressbedingten Krankheiten. Texte von Seneca, Proust oder Pessoa reflektieren einerseits eine weise Einstellung zur Zeit und helfen mittels ihrer poetischen Sprache ihren Lesern dabei, sich ganz dem Erleben der Gegenwart zu überlassen. Eine sehr wichtige Erfahrung für unsere Patienten, die oft ängstigt, was in der Zukunft sein wird, und die deshalb für das Glück des Augenblicks wenig Sinn haben. Allein die Erfahrung, sich auf ein intensives Erleben von Texten und Gedanken einlassen zu können, wirkt oft schon heilsam.

Ohne Sinn für das Glück des Augenblicks kein Lebensglück?

Das ist so. Mitunter frage ich meine Gruppe, was sie daran hindert, in diesem Augenblick glücklich zu sein. Manche antworten dann vielleicht, weil nächste Woche das Treffen mit ihrem Chef ansteht oder eine Familienfeier, die sie überfordert.

Aber nächste Woche ist nächste Woche und jetzt ist jetzt. Und das zu begreifen und vor allem zu erleben - auch dazu verhelfen die philosophischen Texte. Sie verführen uns zu einer Versenkung in den Augenblick.

Warum tun wir uns so schwer damit, im Hier und Jetzt zu leben?

Weil wir planende oder - wie Heidegger sagt - "entwurfsoffene" Wesen sind. Es macht uns Menschen aus, unser Schicksal mitbestimmen zu können. Aber wir verlieren uns dabei auch oft in der Zukunft - etwa durch sinnloses Gedankenkreisen. Es gehört zu einer unserer therapeutischen Übungen, sich bewusst zu machen, wieviel Zeit man an einem Tag darauf verwendet, über Vergangenes nachzudenken, Bevorstehendes zu planen und sich um Künftiges zu sorgen.

Zu den Zukunftsängsten gehören wohl auch ganz wesentlich die Versagensängste?

In unserer modernen Leistungsgesellschaft ist Versagen ein Tabu. Und das prägt auch unseren Umgang mit uns selbst, weshalb sich viele Menschen unter einen enormen Druck setzen. Ich hatte einen jungen Patienten, der beim Studium für sich das Motto ausgegeben hatte, jede Prüfung könne bestanden werden, wenn man sich nur gut genug darauf vorbereite. Er hatte sich gut vorbereitet, aber dann passierte es eben doch - und er fiel durch. Plötzlich stellte er seine ganze Person in Frage. Er zweifelte an allen seinen Fähigkeiten, war sich nicht mehr sicher, ob er überhaupt noch Auto fahren kann. Eine einzige verpatzte Prüfung, und es zog ihm den Boden unter den Füßen weg.

Rühren diese Versagensängste daher, dass wir uns stets mit besseren, schöneren und erfolgreicheren Menschen vergleichen?

Nicht, dass wir uns vergleichen, sondern wie wir uns vergleichen, macht uns unglücklich. Wir vergleichen ja unser eigenes, lädiertes Innenleben mit dem Außenbild, das andere Personen abgeben. Wenn wir uns stets in Konkurrenz mit nach außen hin strahlenden, erfolgreichen Menschen sehen, ziehen wir immer den Kürzeren. Untersuchungen zeigen, dass Menschen sich schlechter fühlen, sobald sie eine halbe Stunde im Social-Media-Bereich gesurft haben. Es werden dort ja lauter tolle Fassaden präsentiert.


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Dokument erstellt am 2017-08-31 17:45:11
Letzte nderung am 2017-09-03 13:44:04



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