• vom 16.09.2017, 15:00 Uhr

Zeitgenossen


Kunstgeschichte

Faszination durch das Sichtbare




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Von Nikolaus Halmer

  • Der Kunsthistoriker Gottfried Boehm erforscht die Wirkungsmacht der Bilder und entwickelt dabei eine eigenständige "Philosophie vom Bild". Am 16. September wird er 75 Jahre alt.



Gottfried Boehm, emeritierter Professor an der Universität Basel.

Gottfried Boehm, emeritierter Professor an der Universität Basel.© Johannes Gutenberg Universität,Mainz Gottfried Boehm, emeritierter Professor an der Universität Basel.© Johannes Gutenberg Universität,Mainz

Was können Bilder, was die begriffliche Sprache nicht mehr zu leisten vermag? Mit dieser Frage beschäftigt sich der in Basel tätige Kunsthistoriker Gottfried Boehm in seiner wissenschaftlichen Arbeit. Boehm hat in den vergangenen Jahrzehnten die Diskussionen um die Frage, was eigentlich ein Bild sei, wesentlich mitgeprägt. Er bekämpft das Vorurteil, das seit Platon die Philosophie und die Kulturgeschichte beherrscht: Nämlich der Glaube, dass die begriffliche Sprache am besten die Phänomene und Gegenstände der Welt bezeichnet. Boehm geht es nicht nur um die Rehabilitierung des Bildes, sondern er versteht den Bereich des Visuellen als einen kreativen Prozess. Das Bild fungiert dabei nicht mehr als bloße Abbildung der Realität, sondern als wesentliches Element, das den menschlichen Erfahrungsbereich mitgestaltet.

Ausdrücklich wendet sich Gottfried Boehm gegen den philosophischen Begriffsimperialismus des linguistic turn, der von dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty propagiert wurde. Die Konzentration auf die Sprache sollte laut Rorty die traditionellen philosophischen Erkenntnismodelle liquidieren, die sich auf metaphysische Spekulationen bezogen. An deren Stelle trat die Auffassung, dass alle menschliche Erkenntnis durch Sprache strukturiert sei. Philosophisches Denken habe sich an der Sprachkritik zu orientieren - so lautete die Forderung, die zu einer Sprachfixierung des Denkens führte und sich durch eine konsequente Ausblendung von Visualität und Bildlichkeit auszeichnete.

Auge und Geist

Schon in frühen Jugendjahren entdeckte Boehm die Faszination von Bildern, wie er in einem Gespräch äußert: "Die Lust am Bild geht zurück in die Zeit meiner Pubertät, wo ich in einer Wochenzeitung ein Foto des Gemäldes des abstrakten Malers Willi Baumeister entdeckte. Dieses Gemälde hat mich innerlich umgedreht und mich auf die Spur einer Frage gebracht, was geschieht da, wie funktionieren Bilder, wenn sie nicht einfach auf Referenzen verweisen, wie entsteht bildlicher Sinn?"

Information

Literaturhinweis:

Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen.Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Wiesbaden 2015, 282 Seiten.

Nikolaus Halmer
, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF.

Die Laufbahn von Gottfried Boehm, der am 16. September 1942 in Braunau in Böhmen geboren wurde, verlief mehrgleisig. Er studierte Kunstgeschichte, Philosophie, Germanistik in Köln, Wien und Heidelberg. Nach der Promotion in Philosophie und Habilitation in Kunstgeschichte arbeitete er als Professor für Kunstgeschichte in Bochum und Gießen. Seit 1986 war er Ordinarius für Neuere Kunstgeschichte an der Universität Basel. Dort leitet er auch von 2005 bis 2012 als Direktor das Nationale Schweizerische Forschungsprojekt "Eikones - Bildkritik. Macht und Bedeutung der Bilder".

Zu Boehms Arbeitsschwerpunkten zählen die Kunst der Renaissance, die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, die zeitgenössische Kunst, Probleme der Gattungen wie Porträt, Landschaft, Stillleben, Bildtheorie und Bildgeschichte, über die er zahlreiche Studien veröffentlichte. "Die Faszination durch das Sichtbare, das jeweilige Bild, begleitete die Wendung auf die Bedingungen und Prämissen der Darstellung", notierte Boehm. Er entfaltete auch eine starke Neigung zur philosophischen Theorie; er wollte die Nachbarschaft von "Auge und Geist" näher erkunden. Die Anziehungskraft von Bildern sollte durch eine Reflexion auf die Bedingungen und Prämissen ihrer Darstellung erklärt werden.

Einen wesentlichen Einfluss übte die Hermeneutik aus - die Theorie des Verstehens und der Verständigung. Diese philosophische Strömung ist eng mit dem Namen Hans-Georg Gadamer verbunden. Für Boehm war der charismatische Lehrer Gadamer, bei dem er studierte, eine wesentliche Begegnung, die seine wissenschaftliche Laufbahn nachhaltig prägte. In seinem Hauptwerk "Wahrheit und Methode", das 1960 publiziert wurde, wandte sich Gadamer gegen die Vorherrschaft der wissenschaftlichen Methode, deren Siegeszug unaufhaltsam schien. Er weigerte sich, den damit verbundenen Glauben an die planende und messende Vernunft als oberste Instanz der menschlichen Entwicklung anzuerkennen. "Überall dort, wo durch das messende Verfahren und die Logik Blindheit entsteht", schrieb Gadamer, "liegt die wirkliche Blindheit, nicht in diesem Wissen, sondern darin, dieses Wissen für das Ganze zu halten."

Genau gegen diese Skepsis gegenüber einen alles vereinnahmenden Logos verbindet Boehms Bildwissenschaft mit der Hermeneutik Gadamers. An die Stelle des "linguistic turn" tritt der "iconic turn"; das Bild entfaltet einen eigenen Logos - den "ikonischen Logos", der die Wirklichkeit eigenständig deutet. Dieser Logos ist für Boehm eine Bereicherung; er bezieht auch Phänomene ein, die im rationalen Diskurs der Philosophen kaum Beachtung finden:

"Die Floskel besagt, dass es in dieser Phase der Entwicklung der Kunstgeschichte darum geht, die den Bildern innewohnende Potenz an Erfahrung - das schließt Erkenntnis, ästhetische Fragen, Affekte und viele andere Dimensionen mit ein - und ihre Genese und Wirkungsweise aufzuklären."

Rätsel des Sehens

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 16:57:06
Letzte ńnderung am 2017-09-15 16:27:44



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