• vom 16.09.2017, 15:00 Uhr

Zeitgenossen


Kunstgeschichte

Faszination durch das Sichtbare




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In seinen philosophischen und kunsttheoretischen Überlegungen beruft sich Boehm auf das Werk des französischen Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty, der von 1908 bis 1961 lebte. Dessen Werk richtete sich gegen den klassischen "terroristischen" Dualismus der Philosophen, der dem subjektiven Denken die objektive, ausgedehnte Welt der Gegenstände gegenüberstellt. Er kritisierte die Vormachtstellung der Refle- xion, die zahlreiche Philosophen behaupteten. Das erklärte Ziel von Merleau-Ponty bestand darin, ein Verständnis von den komplexen Beziehungen zwischen dem Bewusstsein und der Außenwelt zu gewinnen. Dabei thematisierte er auch den Bereich des Visuellen und sprach von dem "Rätsel des Sehens und der Sichtbarkeit", das es zu erforschen gelte.

Für Boehms Bildwissenschaft war neben der intensiven Auseinandersetzung mit philosophischen Reflexionen über das Visuelle die Kunst der Moderne von entscheidender Bedeutung, weil sie die traditionelle Auffassung der Malerei auf eine bis dahin unbekannte Weise veränderte.

Künstler wie Claude Monet, Paul Cézanne, Pablo Picasso oder Marcel Duchamp beendeten die Illusion der vermeintlichen Einheit des Bildes. Ein Beispiel dafür sind die Gemälde von Claude Monet, die dem Impressionismus zugeordnet werden. Für Boehm vermitteln die Gemälde Monets "ein atmosphärisches Fluidum, das durch mikroskopische Amöben erzeugt wird, die die Gemälde als eine Totalität erscheinen lassen".

Die auch heute noch weit verbreitete Vorstellung, dass die bildende Kunst die Aufgabe habe, etwas zu repräsentieren, sei anachronistisch geworden. Die realitätsgetreue Darstellung der Wirklichkeit werde im modernen Kunstwerk außer Kraft gesetzt - so Boehm: "Das ist der Bruch der Referenz. Man ist bis dahin von der Prämisse ausgegangen, dass Zeichen in Bildern zwingend eine Bedeutung zugeordnet werden kann. Da gibt es eine rote Form, die bedeutet ein Stück Kleidung. Unter den Bedingungen, wie sie bei Cezanne oder Seurat hervortreten, ist zu konstatieren, dass das einzelne bildliche Zeichen lediglich für sich den Rückverweis in seine eigene Materialität beinhaltet, aber keinerlei Referenz. Da hat sich etwas grundlegend verändert".

Die sich anbahnende Revolu-
tion in der Kunst des 19. Jahrhunderts fand ihre Fortsetzung in der avantgardistischen Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Die entscheidende Neuerung drückte sich in der Maxime aus, die der russische Maler und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky formulierte: "Der Künstler darf jede Form zum Ausdruck bringen". Das bedeutet, dass den Künstlern die Möglichkeit eingeräumt wurde, bisher tabuisierte Bereiche der Wirklichkeit als Objekte ihrer künstlerischen Aktivität zu wählen. So entnahm etwa der Maler und Bildhauer Max Ernst, der zu den vielseitigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt, zahlreiche Sujets seiner Bilder den trivialen Vorlagen von Zeitschriften und verband sie mit Motiven der antiken Mythologie.

Als spezielles Beispiel eines Kunstwerks, das sich der Zuordnung in einen allgemein verständlichen Kontext entzieht, kann ein Gemälde von René Ma-gritte angesehen werden, das bereits vom französischen Philosophen Michel Foucault interpretiert wurde. Es handelt sich um ein Bild, das eine Pfeife abbildet, wobei schriftlich angemerkt wird, dass diese Abbildung keineswegs eine Pfeife darstelle. Auf der Ebene des Bildes konfrontiert Ma-gritte eine bildliche und eine sprachliche Argumentation, die einander auszuschließen scheinen. Die schriftliche Anmerkung destruiert das Abbildungsverhältnis der Pfeife.

Kunst der Auslöschung

In der zeitgenössischen Kunst finden sich auch Elemente des Ikonoklasmus - also der Bilderfeindschaft und der Bildzerstörung. Diese auf den ersten Blick überraschende These Boehms bezieht sich jedoch nicht auf eine Zerstörung von Gemälden oder anderen Kunstwerken, die aus politischen oder religiösen Gründen erfolgt, sondern ist eine künstlerische Strategie: "In diesem Laborato-
rium der Moderne konnte man beobachten", betont Boehm, "dass bestimmte Positionen in der Kunst der Moderne auch mit der Auslöschung arbeiten. Sie produzieren Sinn, indem sie etwas, was vorhanden ist, auslöschen, also negieren. Das bekannteste Beispiel ist Arnulf Rainer, der das gemacht hat. Also Auslöschung als ein Moment einer positiven Sinngenese. Dadurch gewinnt der Begriff des Ikonoklasmus eine ganz andere Bedeutung".

Boehms Forschungen zur Bildwissenschaft und Bildkritik haben erheblich dazu beigetragen, die engen Grenzen der traditionellen Kunstgeschichte zu sprengen. Sein an der Humboldt Universität in Berlin tätiger Kollege Horst Bredekamp bringt die Errungenschaften des engagierten Gelehrten auf den Punkt: "Der Versuch bis zur äußersten Grenze, die innere Logik dessen, was die Botschaft der Bilder darstellt, auszubilden, ohne das Uneinholbare trockenzulegen, das ist
Boehms Anspruch. Seine Linie ist, die Logik der Bilder nicht in die Ebene festgefügter Zeichen zu überführen, sondern mit größter Genauigkeit das Besondere der Bilder zu erschließen, und damit hat er eine Philosophie, eine Wissenschaft vom Bild begründet".


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 16:57:06
Letzte ńnderung am 2017-09-15 16:27:44



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